# taz.de -- Neues Album von Apparat: Drei Jahre Psychoanalyse und ein fehlendes Stromkabel
       
       > Vom Technoproduzenten zum Singer-Songwriter. Der Berliner Produzent
       > Sascha Ring setzt mit seinem neuen Album „A Hum of Maybe“ auf Pathos und
       > Hymnen.
       
 (IMG) Bild: Und Deathmetal hört er auch! Sascha Ring in Berlin
       
       Es gibt Musiker*innen, die sich kontinuierlich an ein und derselben Idee
       abarbeiten. Und dann gibt es solche, deren Debütalbum bereits so
       ergebnisoffen klingt, dass es schwer zu prognostizieren ist, wohin das
       Pendel beim Nachfolgewerk ausschlagen wird. Der Berliner Technoproduzent
       Sascha Ring – alias Apparat – gehört zur zweiten Kategorie.
       
       2001 erschien sein Debütalbum „Mulitfunktionsebene“, damals auf dem
       Berliner Label Shitkatapult. Laptops hatten seinerzeit eine Rechenleistung
       erreicht, mit der sich vollkommen neue Soundästhetiken erfinden und
       umsetzen ließen. Die Jahrtausendwende [1][markierte einen Einschnitt in die
       elektronische Musik], der bis heute nachhallt.
       
       Die Dringlichkeit von Dancefloorsound, bestimmt durch wiedererkennbare und
       schon damals historisch tradierte, klangliche Marker, wurde um das
       Millennium abgelöst von einer kompositorischen Freiheit, die die Tanzfläche
       und den Gedanken von Rave neu interpretierte. Was es nicht von der Stange
       gab, wurde ab dann selbst programmiert.
       
       So entstand musique concrète für eine Generation, die vom französischen
       E-Musik-Komponisten Pierre Schaeffer noch nie etwas gehört hatte. Sascha
       Ring war mittendrin, siebte die Wucht und Möglichkeiten der elektronischen
       Tanzmusik grob durch und stellte sie frisch wieder hin. In Berlin fiel
       dieser Ansatz auf fruchtbaren Boden. Gemeinsam mit Modeselektor gründete
       Ring Moderat, produzierte zwei Alben mit der [2][Künstlerin und DJ Ellen
       Allien] und komponierte Soundtracks. Apparat brach so das Gerüst der
       geraden Bassdrum immer weiter auf.
       
       Heute, ein Vierteljahrhundert später, hat Sascha Ring mit Moderat die reine
       Lehre des Techno für ein größeres Publikum anschlussfähig gemacht – ohne
       Smartphone-Taschenlampen-Momente, [3][dafür mit ordentlich Visuals]. Und
       mit seinen Soloalben als Apparat seine eigene Idee von musikalischen
       Gewerken immer wieder auf den Prüfstand gestellt. „A Hum Of Maybe“ – sein
       sechstes Album – orchestriert diese Entwicklung exemplarisch mit allem nur
       erdenklichen Gestrüpp.
       
       ## Der Kick blieb aus
       
       Gestrüpp, über das Ring beinahe final gestolpert wäre. Ist ja auch kein
       Wunder. Mehr akustische Instrumente, mehr Band, mehr Gesang, mehr
       Songwriting – all das kulminierte 2019 in seinem Album „LP5“. Nach der
       obligatorischen Tour geschah fast gar nichts mehr. Die Pandemie trocknete
       das Live-Geschäft aus, der Kick im Studio blieb aus.
       
       Wem diese Geschichte bekannt vorkommt, liegt richtig: Zahlreiche
       Musiker*innen haben diese Story individuell ausgeschmückt. Wenn es
       nicht mehr flutscht, kommt die Krise ganz automatisch. Ring strampelte sich
       mit klassischer Arbeitsmoral frei. Jeden Tag machen, die Routine
       wiederfinden. „So wurde 'A Hum Of Maybe’ schließlich zu Musik, die mir Spaß
       gemacht hat. Das Material ist in vielen Sessions entstanden, für die es gar
       keinen konkreten Anlass gab.“
       
       Ring musste sich erst wieder ans Produzieren gewöhnen, entwickelte
       unterdessen neuen Flow. „Und dann, Schritt für Schritt und Tag für Tag
       formten sich Ideen“, erinnert er den Herbst 2025, als die Songs für „A Hum
       Of Maybe“ entstanden. Hatte er zuvor noch in Erwägung gezogen, aufzugeben,
       half ihm bei diesem Prozess die Entscheidung, die Texte von Beginn an
       mitzudenken.
       
       Statt sich musikalisch zu verdaddeln, hat er den eigenen Status quo
       thematisiert. „Früher sind die Texte erst zum Schluss entstanden.“
       Vielleicht ist es das, was „A Hum Of Maybe“ zu einem beeindruckenden Werk
       macht. Es zeigt eine Entwicklung hin zum Kompositionsprozess.
       
       ## Muss das alles größer werden?
       
       Dass Ring den Gedanken des Aufhörens verworfen hat, ist eine gute
       Nachricht. Es stand spitz auf Knopf – der Musik hört man das zum Glück
       nicht an. „Das hat meinem Selbstvertrauen geholfen. An der Mär des
       First-Takes beim Gesang ist schon was dran. Das macht etwas mit dem Stück,
       wenn der Text sitzt. Diese Erstfassungen habe ich liegen lassen. Schon über
       Nacht waren sie gewachsen.“
       
       Elektronik, ja, früher ermöglichte sie den Zugang zum Sound. Alles andere
       jedoch – Gitarren, Gesang – sei immer eine Annäherung geblieben an
       Territorien, die ihm eigentlich fremd waren. Auch diese Erkenntnis hat die
       neuen Stücke beeinflusst. Als wäre dem Laptopartisten das Stromkabel
       abhandengekommen.
       
       Der Künstler Apparat und seine Musik sind ein Beispiel dafür, wie aus einem
       kleinen Projekt an der Schnittstelle von Mensch und Maschine schnell –
       vielleicht zu schnell – etwas Unkontrollierbares entsteht. Erst macht man
       euphorisch mit, hechelt atemlos hinterher und scheitert schließlich.
       Scheitern als Chance, Sinnbild vieler Produzent*innen, die den Schritt aus
       der „kleinen elektronischen Musikwelt“, aus der Komfortzone Homerecording
       hinaus ins Ungewisse gewagt haben. Wer diese Hürde nimmt, kann frei
       agieren. 
       
       ## Das summende Vielleicht
       
       „Alles ist mittlerweile elektronisch. Für meine Generation war es
       eigentlich unvorstellbar, exakt diesen Sound an die nachfolgenden
       Generationen weiterzugeben, aber genau das ist passiert. Für mich ist klar,
       dass sich Musik weiterentwickeln muss.“ Und fügt hinzu, dass ihn
       kommerzieller Erfolg, was sein Soloprojekt Apparat angeht, nicht sonderlich
       interessiert. Das sagt er natürlich nur, weil er es sich leisten kann.
       
       Dass Ring eigentlich ein Singer/Songwriter ist – und eben kein
       Technoproduzent –, hat er erst kürzlich für sich entschieden. Das
       Gleichgewicht zwischen Track, Sound und Text verschiebt sich für ihn nicht,
       sagt er, eher das Selbstverständnis seiner Musik. „Den Texten beim
       Songwriting mehr Gewicht einzuräumen, hat mich mehr vorangebracht, als drei
       Jahre Psychoanalyse“, gesteht Ring. Und vielleicht – maybe – stimmt das
       auch.
       
       Dass auf „A Hum Of Maybe“ Großes passiert, wird besonders gegen Ende des
       Albums offenkundig. Bis zum Dreiklang aus „Williamsburg“, „Pieces, Falling“
       und „Recalibration“ schmirgelt er sich durch die ausufernde Welt des Pop,
       referenziert seinen eigenen Werdegang, dickt die größtenteils ruhigen und
       doch lauten Stücke mit Sounds und Passagen an, die nur er so denken und
       umsetzen kann.
       
       Dann jedoch folgt eine Attacke der Stille, die zeigt, dass Apparat nie ein
       [4][Thom-Yorke-Epigone] war, sondern vielmehr Album für Album daran
       gearbeitet hat, seinen charakteristischen Sound zu schmieden. Sounddesign
       und Songwriting setzen eine Tradition fort, die auch der britische Künstler
       [5][Mark Hollis] auf den letzten beiden Alben mit seiner Band Talk Talk und
       seinem finalen Soloalbum zur Disposition stellte.
       
       Sascha Ring braucht knappe 15 Minuten für die Unendlichkeit. Ohne
       Rave-Signale, ohne dringliche Basslines, minus jeder Effekthascherei: Dann
       entsteht purer Klang, unmittelbares Driften, ein Abtauchen ohne Wenn und
       Aber. Und genau das zeichnet Apparat schon seit seinem Debütalbum aus.
       Klangräume hinstellen. Die passten früher vielleicht in die Kellerclubs
       einer Stadt, die nicht wusste, wohin mit sich selbst. Heute summen sie auf
       Transparentgröße: Nichts wird gut, aber wir sind alle hier.
       
       Keine schlechte Übersetzung der Wirklichkeit.
       
       25 Feb 2026
       
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