# taz.de -- Griechischer Blues zum Frauentag: Die freieste Frau des modernen Griechenlands
       
       > Seit 2024 experimentiert das Rebetiko Orchestra Berlin mit dem renitenten
       > Musikstil. Zum Frauentag ehrt es die Rembetissa mit einem Konzert.
       
 (IMG) Bild: Auf der Bühne sind sie mitunter noch viel mehr: das Rebetiko Orchestra Berlin
       
       Eleni Poulou hat einen Song ausgewählt: eine beherzte Sandpapiermusik, die
       Melodie ist weltzugewandt, mehr herausfordernd als sie umarmend, im
       Deutschen würde man „keck“ dazu sagen. Im Jahr 2026 übersetzt die Musikerin
       und Radiomacherin Poulou die Sängerin Rita Abatzí aus dem Jahr 1934: „Hey,
       ich bin die wilde Kiki, / die zwei Monate im Knast war, / Ich bin die arme
       Kiki, / die zwei Monate im Gefängnis saß, / weil ich verrückte Vorlieben
       habe / und keine Angst vor Schwierigkeiten.“
       
       Die Zeilen und der Song stammen beide aus der Feder eines Mannes, des
       Komponisten Panagiotis Toundas; Text und Vortrag unterstreichen, was
       Poulous Kollege, der Musiker und Forscher John Stergiou, meint, wenn er
       eine historische Redewendung zitiert: „Sie singt Rebetiko? Leg dich bloß
       nicht mit ihr an.“
       
       Stergiou leitet das 2024 gegründete Rebetiko Orchestra Berlin und spielt in
       ihm Bouzouki, [1][Poulou] die Kurzhalslaute Baglama. Sie war Keyboarderin
       der experimentellen Rockband The Fall und betreibt mit dem
       Improvisationsposaunisten Hilary Jeffery das Duo Organza Ray; er hat mit
       der Sängerin Maria Farantouri und dem [2][Komponisten Mikis Theodorakis]
       gearbeitet, die sich beide intensiv mit Rembetiko, dem Weltkulturerbe, das
       von der Straße kam, beschäftigt haben.
       
       Rita Abatzí und über ein Dutzend weitere Protagonistinnen des Rembetiko
       wird das Rebetiko Orchestra Berlin zum 8. März mit dem Programm „Woman =
       Life“ im Kulturraum 90mil vorstellen. Es wird hoffentlich nicht bei diesem
       Termin bleiben.
       
       ## Entstanden in den Nachwehen des Ersten Weltkrieges
       
       Damit ist das Stichwort gefallen: [3][Rembetiko beziehungsweise Rebetiko],
       beide Schreibweisen sind möglich, ist ein Kind, dessen Stammbaum sich bis
       in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt. Auf die
       Welt gekommen ist es in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs im Gefolge
       einer politischen Katastrophe. Durch den Griechisch-Türkischen Krieg, der
       seit 1919 Westanatolien verwüstete, wurden 1922 die kleinasiatischen
       Griechen aus Smyrna (heute Izmir) und anderen Orten Anatoliens durch einen
       Bevölkerungsaustausch auf das Festland vertrieben. Diese kurzen Zeilen
       können die Schrecken des Geschehens nur anreißen.
       
       In einer Wendung, mit der die Musik- die Militärgeschichte aussticht,
       entstand Rembetiko, eine Stilistik, die „nicht allein den Griechen gehört“,
       wie Stergiou meint. Er ergänzt: „Sie wurzelt in einer Koexistenz.“ Wenn man
       so will, hat Rembetiko an einem neuen Ort künstlerisch und lebenspraktisch
       bewahrt und transformiert, was am Alten im Krieg zerstört wurde.
       
       Rembetiko, das ist eine Mixtur aus Ver- und Entwurzelung, aus Verwegenheit,
       Eleganz und Liederlichkeit, in einem Wort Renitenz, die von Faschismus und
       Militärdiktatur nicht auszutreiben war und im Übrigen einigen Klischees
       über den rückständigen Hinterhof Europas, auch Balkan genannt,
       zuwiderläuft.
       
       Über die Frauen dieser Szene erfahren wir im Booklet der Compilation
       „Rembetika. Songs Of The Greek Underground 1925–1947“, die der [4][Platten-
       und Buchhändler Christos Davidopoulos] kurz nach der Jahrtausendwende
       herausgebracht hat: „Die Rembetissa war unabhängig, unverheiratet und nur
       dem Verhaltenskodex der Rembetes-Gesellschaft verpflichtet. Sie konnte nach
       Belieben die Männer wechseln, war jedoch keine Prostituierte. Wie auch bei
       den Männern war die gleichgeschlechtliche Beziehung nicht tabuisiert.“ „Die
       Rembetissa ist die freieste Frau, die das moderne Griechenland
       hervorgebracht hat“, zitiert Davidopoulos den Autor Elias Petropoulos.
       
       ## Kein Reichtum, keine Güter
       
       Ein Mensch des Rembetiko „hat nie einen Regenschirm bei sich, hasst die
       Polizisten, raucht Haschisch, hilft den Schwachen und meidet Arbeit“.
       Entfremdete Arbeit, natürlich! Rita Abatzí alias Kiki singt weiter: „Ich
       will keinen Reichtum und keine Güter, / ich mag die Armut und die
       Arbeiterklasse. / Und wenn ich irgendwann heirate, / werde ich mir einen
       Arbeiter suchen. / Armut zusammen mit Ehre / möchte ich einen Moment lang
       leben.“
       
       „Armut und Ehre“ ist einer der Songs, die das Rebetiko Orchestra Berlin für
       den 8. März vorbereitet hat. Mit John Stergiou und Eleni Poulou können bis
       zu 16 Menschen auf der Bühne agieren. Sie sind Musik- oder
       Naturwissenschaftlerinnen oder aber gehen noch zur Schule, sie kommen vom
       Jazz, von Balkan- und Klezmerbands oder Chorgesang. Sie sind weit gereist
       und stammen von griechischen Linken ab, die nach dem Bürgerkrieg 1946 bis
       1949 in die DDR geflohen waren. Sie performen, singen, spielen Akkordeon,
       die Schalenhalslaute Tsouras, Gitarre, Akustikbass, Klarinette, Geige und
       Perkussion. Das Konzert wird von der [5][experimentellen Senderkooperative
       Cashmere Radio] übertragen.
       
       Die oben erwähnte CD gibt es immer noch beim [6][Münchener Label Trikont],
       ihren Vorgänger „Fünf Griechen in der Hölle“ antiquarisch. Zur weiteren
       Inspiration empfehlen Eleni Poulou und John Stergiou den [7][Youtube-Kanal
       des Schriftstellers Panagiotis Konstantopoulos]. Aber aufgepasst! „Ich weiß
       Bescheid und schieße mit der Pistole / auf jeden, der mir Ärger macht“,
       singt Rita Abatzí.
       
       6 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neue-Musik-aus-Berlin/!6050070
 (DIR) [2] /100-Geburtstag-von-Mikis-Theodorakis/!6099206
 (DIR) [3] /Musikstil-Rembetiko/!5589136
 (DIR) [4] /Unabhaengiger-Plattenladen-Optimal/!5898442
 (DIR) [5] /Cashmere-Radio-in-Berlin/!5750491
 (DIR) [6] /Schau-ueber-Plattenfirma-Trikont/!5941511
 (DIR) [7] https://www.youtube.com/@pankonstantopoulos
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Mießner
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Musik
 (DIR) Griechenland
 (DIR) Konzert
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Thessaloniki
 (DIR) Riechen
 (DIR) Techno
 (DIR) Postpunk
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Thessaloniki: Frauenstatue mit christlicher Parole beschmiert
       
       Unbekannte haben in Thessaloniki eine feministische Statue beschmiert. Die
       „Frau im Bus“ steht erst seit Mai 2025 in Griechenlands zweitgrößter Stadt.
       
 (DIR) Neues Hörspiel-Album von Frau Kraushaar: Eine Phänomenologie des Riechkolbens
       
       Zum Start der Allergie-Saison veröffentlicht die Hamburger Künstlerin Frau
       Kraushaar ihr Album „Gurke Kartoffel Ahnung“ über die Nase und ihre Tücken.
       
 (DIR) Neues Album von Apparat: Drei Jahre Psychoanalyse und ein fehlendes Stromkabel
       
       Vom Technoproduzenten zum Singer-Songwriter. Der Berliner Produzent Sascha
       Ring setzt mit seinem neuen Album „A Hum of Maybe“ auf Pathos und Hymnen.
       
 (DIR) Shortparis-Sänger verstorben: Die Ästhetik von Trauer
       
       In Russland waren der experimentellen Postpunk-Band Shortparis zuletzt
       Auftritte verboten. Ihr Gründer und Sänger Nikolai Komyagin ist nun
       verstorben.