# taz.de -- Zusammenleben in Israel: Wo Frieden möglich scheint
> Im israelischen „Friedensdorf“ leben Juden und Palästinenser nah
> zusammen. In Tel Aviv kämpfen Aktivisten gegen Hass und Misstrauen. Kann
> ein Miteinander doch gelingen?
(IMG) Bild: Bis heute ist Neve Shalom/Wahat al-Salam der einzige Ort in Israel, an dem 300 Juden und Palästinenser freiwillig zusammenleben
Auf halber Strecke zwischen Jerusalem und Tel Aviv scheint Frieden zwischen
Palästinensern und Israelis eine Möglichkeit. Im Dorf Neve Shalom/Wahat
al-Salam schallen Ende Januar Rufe auf Hebräisch und Arabisch
durcheinander, während Kinder auf dem Pausenhof der Grundschule Basketball
spielen. Zwischen grünen Bäumen mit Blick auf das [1][Ajalon-Tal] schmiegen
sich rund einhundert Häuser an eine Hügelflanke.
Seit den 1970er Jahren gibt es das Dorf, das übersetzt „[2][Oase des
Friedens]“ heißt. Bis heute ist es der einzige Ort in Israel, an dem rund
300 Juden und Palästinenser freiwillig zusammenleben. Es ist ein guter Ort,
um die Suche nach Hoffnung zu beginnen in einem Land, in dem seit dem 7.
Oktober 2023 viele den Glauben an eine friedliche Lösung aufgegeben haben.
Doch die Harmonie ist nicht selbstverständlich. [3][Dass vor zweieinhalb
Jahren mehrere Tausend Anhänger der radikalislamischen Hamas und anderer
Gruppen mordend über Südisrael herfielen] und die israelische Armee seither
[4][Tod und Zerstörung über zwei Millionen Menschen in Gaza gebracht hat],
hat im Friedensdorf Spuren hinterlassen. „Damals wurde deutlich, dass es
auch hier zwei Gruppen gibt“, sagt Nur Nadschar, während sie ihren
sechsmonatigen Sohn auf ihrer von Blumen gesäumten Terrasse in den Schlaf
wiegt. Die 36-jährige Palästinenserin ist hier geboren. Ihre Eltern waren
unter den ersten fünf Familien, die das Dorf aufgebaut haben.
Gegensätze habe es schon vorher gegeben, sagt Nadschar. „Hier ist nicht
Lala-Land.“ Manche der jüdischen Bewohner seien zum Wehrdienst gegangen,
manche würden sich noch heute als Zionisten bezeichnen und trotzdem Frieden
wollen. „Für mich bedeutet Zionismus, sich Land zu nehmen, das einem nicht
gehört.“ Neve Shalom, das viele Bewohner immer auch mit dem arabischen
Namen Wahat al-Salam nennen, heißt, Komplexität auszuhalten.
## Sechs Sturmgewehre im Friedensdorf
Kurz nach dem Überfall wünschten sich jüdische Bewohner, die
palästinensischen Nachbarn sollten die Hamas verurteilen. „Wir dagegen
haben uns Sorgen um die Menschen in Gaza gemacht“, sagt Nadschar. Einige
Monate nach Kriegsbeginn wird bei einem Luftangriff ein Haus in Gaza
getroffen. Dabei sterben der Onkel und die Tante von Nadschars Mann Murad
Abu Anza zusammen mit Dutzenden Angehörigen.
Viele jüdische Dorfbewohner hätten ihnen ihr Beileid ausgesprochen. Manche
aber seien nach dem 7. Oktober selbst zum Reservedienst bei der Armee
geeilt, wenngleich niemand die Uniform im Dorf trug.
Als der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir im ganzen Land
Waffen an Juden verteilte, bekam auch Wahat al-Salam sechs Sturmgewehre.
Weil aber keiner der palästinensischen Bewohner Wehrdienst absolviert
hatte, hätten nur jüdische Bewohner die Waffen erhalten können. Es dauerte
Monate, bis sich das Dorf einigen konnte, sie zurückzuschicken.
Ein älterer jüdischer Bewohner fuhr lange zur Gaza-Grenze, um Soldaten zu
bekochen. „Er sagt seit ein paar Monaten, dass er das bereut, aber es gibt
noch immer Leute, die nicht mit ihm sprechen“, sagt Nadschar. „Wir arbeiten
daran, diese Brüche wieder zu schließen.“
## Niemand soll sich als Minderheit fühlen
Als am Nachmittag die Kinder aus der Schule heimgehen, ist von den
Spannungen wenig zu spüren. Fast kitschig mutet eine bunte Friedenstaube
über dem Eingang zum Spielplatz an. Konflikte würden in Whatsappgruppen
oder bei Treffen ausgetragen, sagt Nir Lorman, der Co-Leiter der
Bildungseinrichtungen. „Hier im Dorf sprechen wir dauernd über Politik und
Identität, manchmal zu viel. Aber als es darauf ankam, waren wir für solche
Gespräche aufgestellt.“
Die Grundregel im Dorf sei simpel, sagt Lorman: 50 Prozent der Bewohner
sind Palästinenser, 50 Prozent jüdische Israelis. „Der Bürgermeister ist
Jude, der Schulleiter der Grundschule Palästinenser.“ Die
Bildungseinrichtungen leite er gemeinsam mit einer palästinensischen
Kollegin. „Niemand soll sich als Minderheit fühlen.“ Alle
Dorfangelegenheiten werden demokratisch entschieden – in einer
Generalversammlung und in Ausschüssen. Das stärkt den Zusammenhalt, kostet
unter Druck aber auch Zeit.
Die meisten Bewohner arbeiten nicht im Dorf selbst, sondern pendeln als
Sozialarbeiter, Anwälte oder Architekten nach Tel Aviv oder Jerusalem. Im
Dorf sind die Bildungseinrichtungen mit 70 Angestellten die wichtigsten
Arbeitgeber. Dazu gibt es ein Hotel, das unter dem [5][Ausbleiben von
internationalen Besuchern] ebenso leidet wie der gesamte Tourismussektor in
Israel und Palästina. Finanziert wird das Projekt aus Mitgliedsbeiträgen,
staatlicher Förderung für die Schule sowie Spenden internationaler
Unterstützerkreise.
Lorman führt an der [6][Friedensschule] vorbei, einem niedrigen Seminarhaus
zwischen Zypressen und Palmen. Menschen von außerhalb lernen hier,
palästinensische und jüdisch-israelische Perspektiven einzunehmen,
ungleiche Machtverteilung und die Folgen des Konfliktes in ihrer Arbeit zu
sehen. Manchmal beginnt das schon beim Namen: Während jüdische Israelis
fast ausschließlich von „arabischen Israelis“ sprechen, bevorzugt die
Mehrheit der damit Gemeinten laut Umfragen die Bezeichnung „Palästinenser
mit israelischer Staatsbürgerschaft“. 80.000 Menschen haben die Kurse seit
Gründung absolviert.
## Zwei Völker, ein Land
Eine Steintreppe führt zwischen Pinien und Kiefern den Berg hinunter zum
pluralistisch-spirituellen Zentrum. „Der Gründer Bruno Hussar wollte einen
Ort schaffen, an dem Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenleben
können“, sagt Lorman. Statt Kirche, Moschee oder Synagoge steht dort ein
Steinbau mit drei Kuppeln. „Es wurde aber schnell klar, dass es hier mehr
um zwei Völker und Land geht als um Religion.“
Lorman zeigt auf die andere Seite des Tals. Dort liegt auf einem Hügel das
1890 gegründete [7][Kloster Latrun], auf dessen Land das Dorf liegt. Hätten
die Mönche damals nicht das Land zur Verfügung gestellt, wäre das Projekt
nie entstanden. „Der israelische Staat gibt arabischen Bürgern keine
Genehmigung, neue Ortschaften zu gründen.“ Wenn aber die Besitzer nur Juden
sein könnten, liefe das der Grundidee des Friedensdorfes zuwider.
Nach dem Spaziergang sinkt Lorman in seinen Schreibtischstuhl im
Verwaltungsgebäude des Dorfes. Gibt es ihm Hoffnung, dass das Dorf noch
existiert? Dass 150 der 200 Schul- und Kindergartenkinder von außerhalb
kommen, um in einem jüdisch-palästinensischen System aufzuwachsen?
Das Dorf könne ein Beispiel sein, was möglich ist, eine Lösung biete es
deshalb noch lange nicht. Das Ziel sei nicht, einen neuen
palästinensisch-jüdischen Israeli zu schaffen oder aus Israel ein großes
Neve Shalom zu machen.
„Die Wahrheit ist: Zusammenleben hat seinen Preis“, sagt er und deutet auf
die Dekoration seiner Ko-Direktorin im Büro. An der Wand hängen
palästinensische Stickereien und eine Karte von Palästina mit arabischen
Namen. „Keiner von uns will seine Identität aufgeben, aber natürlich frage
ich mich bei dieser Karte: Wo ist dort mein Platz als jüdischer Israeli?“
In Wahat al-Salam leben heiße, ein Stück Identität zu verlieren. „An
Schabbat wird mein Nachbar vielleicht arbeiten. Mein Unabhängigkeitstag ist
für ihn der Tag der [8][Nakba], der Vertreibung der Palästinenser 1948.“
## Eine fragile Blase
Nach dem Gespräch holt Lorman mit seiner Frau Diane die zweijährige Tochter
vom Kindergarten ab. „Ihr Arabisch ist jetzt schon fast besser als meins“,
sagt er. Am Weg zur Haustür hat er vergangenes Jahr Bäume gepflanzt: Mango,
Zitrone, Zimt und Olive.
Das idyllische Bild will nicht passen zu dem, was Lorman zum Abschied sagt:
„Ich glaube nicht, dass es Hoffnung für diese Region gibt.“ Gewinnen würden
im Moment Religion, die Siedler und die Ideologie der jüdischen
Vorherrschaft. „Schon demografisch haben wir keine Chance.“
Nationalreligiöse und ultraorthodoxe Familien bekommen in Israel seit
vielen Jahren mit Abstand die meisten Kinder.
Hätte ihm vor 15 Jahren jemand gesagt, dass der einst für seine Nähe zu
einer jüdischen Terrorgruppe verurteilte [9][Rassist Itamar Ben Gvir] heute
Polizeiminister sei, hätte er geantwortet: „Dann bin ich weg.“ Doch er ist
noch immer da, das Paar hat erst vor wenigen Monaten seine zweite Tochter
bekommen. Im Garten wachsen Rote Beete und Rüben, während die Regierung
unter Benjamin Netanjahu demokratische Institutionen wie die Gerichte
aushöhlt und die Führung der Sicherheitsbehörden mit nationalreligiösen
Ideologen wie dem neuen Chef des Inlandsgeheimdienstes David Zini besetzt.
Aktuell sei seine rote Linie die Parlamentswahl im Herbst, sagt Lorman.
Aber auch die Opposition stehe politisch gegenüber den Palästinensern nicht
grundsätzlich anders als Netanjahu. „Neve Shalom ist eine Blase, in der wir
zusammenleben können. Am Ende könnte diese Blase bald …“ Lorman beendet den
Satz nicht.
## Standing Together
Ein Sonntagmorgen Ende Januar, 30 Kilometer westlich von Neve Shalom: Am
Rand der Ayalon-Schnellstraße in Tel Aviv versammeln sich rund zwei Dutzend
Aktivisten der Bewegung „Standing Together“ (Zusammenstehen) in lila
[10][T-Shirts. Mit Transparenten und Megafonen schieben sie sich mitten im
Berufsverkehr] langsam auf die Fahrbahn. Autofahrer hupen, nur ein paar
Motorroller kommen noch durch. „Seit Jahresbeginn sind 21 arabische
Israelis getötet worden“, ruft eine der Aktivistinnen. Die Gruppe wirft der
Polizei unter Ben Gvir vor, organisierte Kriminalität in palästinensischen
Ortschaften bewusst gewähren zu lassen. Seit er im Amt ist, sind die
Mordraten dort von rund 100 auf 250 Fälle im vergangenen Jahr gestiegen.
Ganz in der Nähe befindet sich das Hauptquartier von [11][Standing
Together], das „Lila Haus“. Hinter einer unscheinbaren Tür liegt eine
weitläufige Halle mit Arbeitsplätzen und einer Bühne. Die Wände sind mit
Transparenten und Parolen auf Hebräisch und Arabisch gepflastert. Zwischen
Couches und einer Kaffeeküche bespricht eine Gruppe die Aktion auf der
Autobahn am Morgen.
Während andere nach dem 7. Oktober die Hoffnung verloren, ist Standing
Together heute größer denn je. 3.000 Mitglieder hatte die Bewegung vorher,
aktuell sind es 7.000. 14 Regionalgruppen gibt es im ganzen Land. Eines der
neuen Mitglieder ist [12][Amal Ghawi.] „Ich bin am 9. Oktober
dazugekommen“, sagt die 29-jährige Aktivistin und Dokumentarfilmerin. Sie
arbeitet für den Onlineauftritt der Bewegung und erreicht mit mehr als
160.000 Followern auf ihrem privaten Instagram-Auftritt selbst ein
beachtliches Publikum.
„Ich habe damals beim israelischen Fernsehen gearbeitet und ich wusste aus
früheren Kriegen, was passieren wird“, sagt Ghawi über den Morgen des
Hamas-Angriffs. Kollegen hätten absichtlich neben ihr alle Palästinenser
Monster genannt oder gefordert, alle in Gaza zu töten, erzählt sie. „Als ob
ich nicht auch Palästinenserin wäre.“
Sie habe sich mit dem Beitritt zu Standing Together bewusst entschieden,
empathisch zu bleiben und „den Schmerz aller“ zu spüren. Mit Menschen zu
arbeiten, die sich für die Rechte und das Leben von Palästinensern und
Juden aussprechen, gebe ihr Hoffnung. „Es hilft mir, nicht verrückt zu
werden.“
## Alte Fehler nicht wiederholen
Ihre Eltern aus Kafr Kara nördlich von Tel Aviv seien besorgt gewesen, als
sie begann, öffentlich von ethnischen Säuberungen und Völkermord in Gaza zu
sprechen. [13][Bis 1966 galt auch innerhalb Israels für Palästinenser
Militärrecht.] „Sie haben aus Angst vor Konsequenzen nie über Politik
gesprochen, nicht einmal zu Hause.“ Auch heute erfahren palästinensische
Israelis oft drastischere Konsequenzen für politische Äußerungen als ihre
jüdischen Mitbürger. Nach dem 7. Oktober wurden Hunderte aufgrund ihrer
Solidarität mit Gaza entlassen, festgenommen oder von gewalttätigen Mobs
angegriffen.
Trotzdem sorgte Standing Together während des Krieges immer wieder für
Aufsehen. [14][Aktivisten stellten sich schützend vor Hilfskonvois für den
Gazastreifen], stürmten die quotenstarke Livesendung „Big Brother“, um
einen Waffenstillstand zu fordern oder kippten rote Farbe vor dem Haus des
Generalstabschefs [15][Eyal Zamir] aus.
Ghawi erinnert sich an eine Kampagne im August 2024, als
Standing-Together-Aktivisten selbst Hilfsgüter für Gaza sammelten. Tausende
Menschen brachten Spenden zu Sammelstellen. Es habe palästinensische
Israelis dazu gebracht, ihr Schweigen zu brechen. In den hebräischen
Medien, die das Thema zuvor schlicht ignoriert hatten, wurde plötzlich über
Hunger im Gazastreifen diskutiert.
„Von einem Sieg zu sprechen, wäre absurd“, sagt Itamar Avneri, der Standing
Together vor gut zehn Jahren mitgegründet hat. Doch zu spüren, dass man
Einfluss nehmen kann, gebe ihm Hoffnung. Der 40-jährige Doktorand und
Abgeordnete im Stadtrat von Tel Aviv/Jaffa wollte als Kind der alten
israelischen Friedensbewegung deren Fehler nicht wiederholen. Diese hätten
palästinensische Israelis weitgehend ignoriert.
Für Avneri sieht es so aus: Zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben
rund sieben Millionen Palästinenser und ebenso viele Juden. Jeder fünfte
Israeli ist arabisch. „Du kannst nichts verändern, wenn du 20 bis 50
Prozent der Betroffenen nicht einbeziehst.“
## Hoffnung und Antrieb
Fragt man Israelis, wann die Hoffnung auf Frieden erloschen ist, nennen
viele den 4. November 1995. Damals ermordete der rechtsextreme jüdische
Terrorist Igal Amir den damaligen Ministerpräsidenten [16][Jitzhak Rabin]
inmitten einer Massenkundgebung für den Oslo-Friedensprozess. Als noch
schädlicher für die Friedensbewegung aber sieht Avneri einen Satz von
Rabins Nachfolger [17][Ehud Barak], einst ein Hoffnungsträger der Linken.
„Es gibt keinen Partner“ (für den Frieden), hatte dieser im Jahr 2000
gesagt, nachdem er ergebnislos von den Camp-David-Verhandlungen
zurückgekehrt war. Seine Worte sind bis heute ins Gedächtnis der Israelis
eingebrannt, „auch wenn sie schon damals eine Lüge waren“, sagt Avneri.
Dass Standing Together ausgerechnet in den Tagen nach dem Terrorüberfall
der Hamas groß wurde, sieht er als Zeichen, auf dem richtigen Weg zu sein.
Er wolle nicht naiv klingen: Nach dem 7. Oktober und der Tötung von
mindestens 70.000 Palästinensern bei israelischen Angriffen in Gaza gebe es
zu viel Hass und Misstrauen, um unmittelbar in einem gemeinsamen Staat zu
leben. Naiv sei aber auch zu glauben, es könne Sicherheit geben, während
man im Westjordanland und dem Gazastreifen dauerhaft fünf Millionen
Menschen militärisch kontrolliere. Standing Together sei für ihn der beste
Beweis, dass ein Miteinander eine konkrete Möglichkeit ist. „Die Hoffnung
ist für mich zugleich Antrieb und Ergebnis meiner Arbeit.“
Für solche Positionen wird Standing Together immer wieder heftig
kritisiert, auch aus dem Ausland. „Ich stehe mit meinem Gesicht für die
Bewegung und ich bekomme Hass-Nachrichten von beiden Seiten“, sagt Ghawi.
Israelis würden sie bei der Polizei melden, Palästinenser aus der Diaspora
sie kritisieren, weil sie „über Frieden mit dem Besatzer“ spreche. Manche
Kritik verstehe sie, sagt Ghawi. „Aber ich frage auch: Was ist eure
Lösung?“ Sie werde sich ihren Weg „von niemandem erklären lassen, der nicht
in meinen Schuhen steckt“.
## Die Arbeit, die bevorsteht
Eine Woche später stehen Ghawi und Avneri auf dem Museumsvorplatz in Tel
Aviv. In den vergangenen zwei Jahren wurde hier mit gelben Flaggen an das
Leid der von der Hamas entführten Israelis erinnert. Heute wehen Hunderte
schwarze Fahnen über dem [18][ehemaligen „Geiselplatz“]. Der Unmut über die
Mordwelle unter palästinensischen Israelis hat sich weiter aufgebaut. Heute
sind 40.000 von ihnen aus dem ganzen Land gekommen, Schüler, Familien,
Großeltern.
Es ist der erste arabische Massenprotest im Herzen der jüdischen Metropole
seit die Regierung 2018 mit dem Nationalstaatsgesetz Arabisch als
offizielle Amtssprache strich. Nur eine halbe Stunde vor Beginn erreichte
die Nachricht über einen weiteren Toten in Lod (auf Arabisch: al-Lyd) die
Demonstranten. „Ben Gvir raus“, rufen sie.
„Die Frage ist, ob die palästinensischen Politiker diese Chance nutzen und
eine politische Vision anbieten“, sagt Ghawi. Gut eine Woche zuvor hatten
die Köpfe der wichtigsten arabischen Parteien die Absicht erklärt, sich
trotz ihrer politischen Differenzen auf eine gemeinsame Wahlliste
verständigen zu wollen. Damit könnten sie laut Umfragen rund 15 Sitze im
Parlament bekommen. Eine Mehrheit der palästinensischen Israelis wünscht
sich das, viele lehnen aber auch die Teilnahme an israelischen Wahlen
grundsätzlich ab.
Wie in Neve Shalom richtet sich auch für Standing Together der Blick
zunehmend auf die Wahlen im Oktober. Seit Monaten kommen weder Netanjahus
rechts-religiöse Koalition noch die jüdischen Oppositionsparteien in
Umfragen auf eine Regierungsmehrheit. „Gut möglich, dass auch eine
Regierung ohne Netanjahu die Besatzung von Gaza und die Annexion des
Westjordanlands vorantreibt“, sagt Avneri. An einer arabischen Koalition
als zweitstärkste Kraft käme im Parlament aber kaum jemand ohne Kompromisse
vorbei.
„Es könnte die Mitte-links-Parteien zwingen, sich mit der Frage der
Palästinenser zu beschäftigen“, sagt Avneri. Und es könnte den schlimmsten
Vorhaben der rechts-religiösen Koalition im Parlament etwas entgegensetzen.
Dafür aber müssten Palästinenser und Juden in Israel motiviert werden,
jüdisch-palästinensischer Zusammenarbeit in der Politik eine Stimme zu
geben. Standing Together habe viel Arbeit vor sich.
18 Feb 2026
## LINKS
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