# taz.de -- Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Was man nicht erobern kann
> Unsere Autorin denkt an ihr Dorf nahe Dnipro, an vergangene Winter auf
> dem zugefrorenen Fluss. Sie erinnert sich an Momente von Verlust und
> Hoffnung.
(IMG) Bild: Kyjiw, Bezirk Livoberezhnyi Masyv, am 28. Januar 2026
Es ist kalt in Berlin. Schnee tanzt, fällt, schwebt, wirbelt in kleinen
flauschigen Kügelchen durch den Innenhof meines Hauses. Sehr schön. Ich
sitze am Schreibtisch in meinem Zimmer und versuche, einen Text über die
Ukraine zu schreiben. Die Aufgabe lautet: über Hoffnung schreiben. Der
Grund: der vierte Jahrestag des Krieges. Es ist schwer, die richtigen Worte
zu finden. Ich rufe meine Mutter an, um zu fragen, wie es ihr geht. Sie
lebt in einem kleinen Dorf zwischen Dnipro und Saporischschja. [1][Ich
weiß, dass es dort nur drei Stunden am Tag Strom gibt. Wenn man Glück hat.
Aber letztlich ist die Situation in anderen Teilen der Ukraine genauso.]
Meine Mutter renoviert die Wohnung meiner Großmutter, schaltet deshalb den
Lautsprecher ein und spachtelt, während wir sprechen, die Wände.
„Mir geht es wunderbar“, sagt sie. „Ich lerne einen neuen Beruf, ich
schicke dir Fotos, wenn es fertig ist.“ In den letzten Jahren hat sich das
Leben in der Ukraine verändert, und die Menschen haben sich an die neue
Realität angepasst, neue Fähigkeiten erlernt und neue
„Überlebensfähigkeiten“ erworben. Im Dezember habe ich in einem Kyjiwer
Blumenladen die Betreiberin getroffen, eine zierliche Frau. Sie startete
schwungvoll einen Generator – laute Geräusche und der Geruch von Treibstoff
machten ihr überhaupt keine Angst.
Meine Mutter erzählt weiter aus ihrem Alltag. Am Wochenende hat sie mit den
Nachbarn Hockey auf dem Fluss gespielt. Das ist eine Familientradition.
Schon als Kind habe ich mich immer auf den Winter gefreut, denn in dieser
Jahreszeit haben die Dorfbewohner viele Vorteile gegenüber den Städtern:
endlose Felder, bedeckt mit weißem, flauschigem Schnee; Teiche, aus denen
wir Eisschollen brachen und damit Häuser aus dreieckigen Eisschollen
bauten. Aber das Wichtigste ist der Fluss, auf dem die hitzigsten
Hockeyspiele zwischen den Nachbarn stattfanden.
Die Tatsache, dass nur ich und Onkel Slavik sicher auf den Schlittschuhen
standen, war für uns nie ein Vorteil – man teilte uns in verschiedene
Mannschaften ein, und wir jagten über das unebene, aber vertraute Eis hin
und her wie wilde Schatten und boten dem Dorf eine echte Vorstellung. Alle
anderen Teammitglieder – meine Eltern, Brüder, Schwestern und Nachbarn –
versuchten mitzuhalten, benutzten den Hockeyschläger jedoch meist als
Krücke.
Ich höre den Erzählungen meiner Mutter darüber, wie das letzte Spiel
verlaufen ist, begeistert zu und bin ehrlich neidisch. Am liebsten von
allen Orten auf der Welt würde ich in meinem Dorf sein, am Fluss, an einem
frostigen sonnigen Tag, mit der ganzen Familie, den Nachbarn und
selbstgebauten Hockeytoren. Es ist schwer zu begreifen, dass mein
Lieblingswetter, das mir in meiner Kindheit so viel Freude geschenkt hat,
nun als Waffe eingesetzt werden kann. Auch in meinem Dorf leben Menschen in
ihren Häusern ohne Wasser, Strom und Wärme. Aber es ist schön zu wissen,
dass es sie nicht gebrochen hat. „Die Menschen leben. Niemand hat vor,
aufzugeben“, sagt meine Mutter zu mir.
## An der Grenze zwischen Leben und Tod
Sie erzählt, dass sich viele Menschen im Baumarkt treffen. Alle bauen oder
reparieren etwas. In der Stadt würden neue Cafés eröffnen. Sie seien immer
voll. Die Leute kommen, um sich aufzuwärmen, etwas Heißes zu trinken, ihr
Telefon aufzuladen, am Computer zu arbeiten oder einfach zusammen zu sein.
In letzter Zeit sind Kinos besonders beliebt. Dort kann man sich aufwärmen,
etwas essen und außerdem einen Film sehen. Auch Fitnessstudios stehen nicht
leer, jetzt dient eine warme Dusche danach als Trainingsmotivation. Die
Menschen bleiben Menschen. Sie wollen reden, zusammen sein, sich
entwickeln. Im Blumenladen gab es zum 14. Februar viele Bestellungen, und
zum 8. März sieht es nicht anders aus, höre ich aus Kyjiw.
Das scheint absurd. Vielleicht genauso absurd wie zu heiraten, Kinder zu
bekommen, die Wohnung der Großmutter zu renovieren oder ein Café zu
eröffnen. Vielleicht ist es auch keine Absurdität, sondern Wahnsinn.
Doch das Paradoxe ist, dass niemand dringender leben will als diejenigen,
die sich jeden Tag an der Grenze zwischen Leben und Tod befinden. Ich spüre
dieses Gefühl jedes Mal, wenn ich nach Hause komme.
Im Sommer habe ich einen guten Freund besucht. Er ist Soldat und derzeit in
Saporischschja stationiert. Diese Stadt liegt nur 40 Minuten von dem Haus
entfernt, in dem ich aufgewachsen bin und in dem meine Eltern noch immer
leben. Doch dort verläuft das Leben völlig anders, die Frontlinie ist ganz
nahe. Der Luftalarm verstummt nicht, während schwere Artilleriegeschosse
einschlagen, manchmal sogar schneller, als die Sirene ausgelöst wird.
[2][Beschossen wird nicht nur kritische Infrastruktur, sondern auch
gewöhnliche Wohnhäuser – was im Grunde längst zur Normalität geworden ist.]
In der Stadt sind Bekleidungsgeschäfte, Kinos und Museen schon lange
geschlossen.
## 13 Splitter im Arm – ein Souvenir
Aber den Kaffee, den wir nach meiner Ankunft trinken, genieße ich wie nie
zuvor. Wir gehen durch die Stadt, die Sonne scheint, ein angenehmer Wind
weht vom [3][Dnipro] her, und ich fühle mich so frei und entspannt wie
selten. Wenn ich schlafen gehe, bleibt nur zu hoffen, dass Gott andere
Pläne für mich hat und mir heute Nacht nichts geschieht. Doch ich kann den
Gedanken nicht abschütteln, dass in dieser Nacht anderen etwas zustößt. Ich
kann mir nicht erklären, wie dieses Leben funktioniert – wem es erlaubt
ist, zu leben und für wen die Zeit gekommen ist.
Jetzt ist Februar, und ich denke an meinen Freund, den Soldaten. Es
scheint, als hätte er die Grenze zwischen Leben und Tod längst
überschritten. Vor Kurzem wurde er erneut verwundet. Es ist inzwischen Teil
seines Alltags – „Erde“ (so nennen sie die Schützengräben), Beschuss,
Verwundung, Evakuierung, Krankenhausaufenthalt. Dieses Mal: 13 Splitter im
Arm – eine Drohne ist in seiner Nähe explodiert. Nicht alle werden entfernt
werden. „Souvenirs zur Erinnerung“, sagt er am Telefon. Bei seinen
Kameraden ist die Situation noch schlimmer – Amputationen, Verlust des
Augenlichts.
Ich weiß nicht, wie es ihm damit gehen muss. Als wir am nächsten Morgen
nach Dnipro zurückfahren, überqueren wir die Brücke – eigentlich ist es ein
Wasserkraftwerk. Früher nahmen wir immer diese Strecke, um ans [4][Asowsche
Meer] zu fahren, doch jetzt ist es besetzt. Meine ganze Kindheit habe ich
dort verbracht, in unserem kleinen Haus. Wir fuhren in den Sommerferien
dorthin. Jetzt leben dort russische Soldaten. Sie schlafen in meinem Bett,
lesen vielleicht meine Bücher, betrachten Fotos, durchsuchen Schubladen,
probieren mein Leben an.
In letzter Zeit träume ich oft von diesem Haus und vom Meer. Von den
Muscheln, die wir sammelten, und von den vom Meer glatt geschliffenen
Glasscherben, die für mich wertvoller waren als Perlen. Vom salzigen Wasser
unter der Dusche mit dem Geschmack des Meeres. Von meinen ersten
Diskobesuchen. Vom ersten Kuss. Von den Sommerfreunden, mit denen ich mich
jeden Tag am Meer traf und Sandburgen baute, die ich danach nie wieder sah,
weil am Ende des Sommers alle in ihre Teile der Ukraine zurückkehrten.
## 12 Jahre Krieg
Zurück zum Thema, über das ich gebeten wurde zu schreiben. Es ist schwer,
etwas zu sagen, denn der Krieg dauert für mich nicht erst 4, sondern schon
12 Jahre, seit dem Moment, als russische Truppen in die Ukraine
einmarschierten und Teile der Regionen Donezk und Luhansk sowie die
Autonome Republik Krim besetzten.
Dank ihrer Lage ist die Stadt, in der ich zur Schule ging, schon damals zu
einem militärischen Knotenpunkt geworden. Ich erinnere mich, wie wir in der
8. Klasse Briefe an Soldaten schrieben. Und jetzt schicken andere Kinder
Zeichnungen und Worte der Unterstützung an meine Freunde. Fragt sie nach
ihren Kindheitserinnerungen. Nach ihren Heimatstädten und Reisen ans Meer.
Fragt, ob sie den Winter lieben.
Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass meine Erinnerungen das sind, was
man nicht stehlen kann. Und solange ich lebe, leben auch sie, und das
bedeutet, dass ich mir an jedem Geburtstag wünschen werde, dass der Krieg
endet, bevor ich die Kerzen ausblase. Und das bedeutet, dass das Asowsche
Meer die Ukraine ist, weil ich es weiß, weil dort ein kleines Häuschen mit
meinen Büchern und meinen Kinderfotos steht. Und das gilt für jeden Winkel
der Ukraine.
23 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-stromausfall-114.html
(DIR) [2] https://www.zdfheute.de/politik/ausland/ukraine-angriff-winter-krieg-russland-verteidigung-usa-100.html
(DIR) [3] https://www.bpb.de/themen/europaeische-geschichte/geschichte-im-fluss/522943/der-dnipro/
(DIR) [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Asowsches_Meer
## AUTOREN
(DIR) Zlata Zhuravlova
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