# taz.de -- Besuch bei der Buchmesse in Kyjiw: Im Hauptquartier der Kulturstreitkräfte
       
       > Kyjiw wurde kurz vor dem „Book Arsenal“-Festival massiv beschossen. Die
       > Kulturszene ist stark davon betroffen, zeigt sich aber unerschütterlich.
       
 (IMG) Bild: Austausch und Diskurs sind essenziell in Kriegszeiten. 27.000 Besucher:innen kamen zur Buchmesse in Kyjiw
       
       Vor dem Einkaufszentrum Kwadrat am Lukyanivska-Platz fegen Feuerwehrleute
       Schutt und Splitter zusammen. Von der einstigen Mall ist nur ein
       rundliches, rußschwarzes Betonskelett geblieben. Der Marktplatz gegenüber
       ist verwüstet. Wellblech, Metallstreben und Glasscherben liegen auf dem
       angrenzenden Bürgersteig.
       
       Auch [1][der Buchladen Bukva in der Mall ist vom Feuer vernichtet worden],
       doch die Betreiber kündigen umgehend in einem ukrainischen Medium an, im
       Juni wiedereröffnen zu wollen: „Passen Sie auf sich und Ihre Lieben auf.
       Ruhm der Ukraine.“
       
       Am [2][Tschornobyl-Museum im Stadtteil Podil] bietet sich Anfang
       vergangener Woche ein ähnliches Bild. Verbrannte Autowracks stehen davor,
       das Dach ist eingestürzt; das Gebäude ist, welch Ironie, eine hübsche alte
       Feuerwache mit einem kleinen Türmchen. Museumsdirektorin Vitalina
       Martynovska, eine kleine, blonde Frau mittleren Alters, steht auf der
       gegenüberliegenden Straßenseite, berät sich mit den Hilfskräften.
       
       „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Sie sehen ja, wie groß die
       Schäden sind“, sagt sie und schüttelt mit dem Kopf. „Den Großteil der
       aktuellen Ausstellung konnten wir zum Glück retten. Unsere Büros haben wir
       in einem Ersatzgebäude untergebracht.“ Viele Exoponate der Dauerausstellung
       wurden vernichtet.
       
       [3][In zwei Nächten ist Kyjiw zuletzt massiv von Drohnen und Raketen
       überzogen worden], die russischen Angriffe in der Nacht auf den 24. Mai
       trafen auch Kultureinrichtungen und Museen. Am Kyiv Opera Theater, dem
       Ukrainian House, der Philharmonie gab es Schäden durch Detonationen.
       
       Am Institut für Geschichte nahe des Maidan decken überall Pressholzplatten
       die herausgesprungenen Fenster ab. Auch die Büros der Verlage Ranok und
       Veselka sind beschädigt worden. Und das Autorenpaar Olena and Artem
       Zakharchenko hat sein Zuhause verloren. „Die Wohnung, die ich so sehr
       geliebt habe, habe ich nicht mehr. (…) Das Leben ist niedergebrannt, in
       Stücke zerfallen“, schrieb Olena Zakharchenko auf Facebook.
       
       „Wir sehen einmal mehr, dass Russland nicht nur die ukrainische
       Staatlichkeit, die Bevölkerung und die Institutionen vernichten will,
       sondern die gesamte ukrainische Identität und Kultur“, sagt Oksana
       Sabuschko wenige Tage später beim Kyjiwer Book Arsenal, der größten
       Buchmesse der Ukraine. [4][Sabuschko ist Star und Dauergästin der Messe],
       ihr Roman „Feldstudien über ukrainischen Sex“ ist einer der großen
       Zeitromane über die Ukraine seit der neuerlichen Unabhängigkeit, ein
       Long-Time-Bestseller.
       
       Es wundere sie nicht, dass so oft Kultur- und Erinnerungsorte angegeriffen
       würden, sagt sie. „Kultur gibt uns ein Gemeinschaftsgefühl und vermittelt
       Sinn. Wir spüren das in der Ukraine gerade jetzt: Konzerte und Aufführungen
       sind häufig ausverkauft. Versuchen Sie mal, ein Ticket für ein Theaterstück
       in Kyjiw zu bekommen, Sie sollten ein halbes Jahr vorher buchen.“
       
       Kyjiw ist und bleibt eine Kulturstadt, gerade in Kriegszeiten. Es gibt das
       große Bedürfnis, die Trauer und Traumata zu be- und verarbeiten, die
       Leerstellen und Lücken zu füllen. Der Witz und der Widerstandswille sind
       dabei ungebrochen. [5][Das berühmte Punk-Cabaret-Kollektiv Dakh Daughters]
       zeigt das zum Beispiel bei einem Auftritt im Oktober-Palast. Sie spielen
       gut gelaunten „Ukrainian Reggae“ mit empowernden Lyrics: „We have to live/
       We have to believe/ We have to resist/ We have to exist.“ Untätigkeit und
       Untertänigkeit sind für die Dakh Daughters keine Optionen. Während des
       Konzerts versteigern sie Merch und Militär-Equipment, um Geld für die
       Brigaden zu sammeln.
       
       Zur Buchmesse sind viele wichtige Autor:innen angereist. Serhij Zhadan,
       Artem Tschech, Artem Tschapaj, auch Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Die
       Verlagsstände sind unter den prächtigen Bogengängen des Mystetskyi Arsenal
       („Kunst Arsenal“) aneinandergereiht, geschätze 90 Prozent der ausgestellten
       Bücher sind auf Ukrainisch.
       
       Bei den 240 Panels und Talks dominieren die großen Themen des Kriegs: Der
       Umgang mit Kriegsversehrten, die Frage der Mobilisierung, die Befreiung der
       Kriegsgefangenen, die Wehr(un)gerechtigkeit, auch geopolitische und
       philosophische Dimensionen. 27.000 Besucher:innen kommen laut der
       Veranstalter insgesamt an den vier Tagen.
       
       Darunter sind auch viele Soldat:innen, viele Kriegsversehrte. Gleich am
       Eingang stehen Rollstühle und Gehhilfen für Menschen mit Handicap bereit,
       man sieht einige Armeeangehörige in Uniformen, die Beinprothesen haben.
       „Ein solches kulturelles Ereignis ist einfach inspirierend – und es kann
       einen motivieren, weiterzukämpfen“, sagt Autor und Soldat [6][Artem
       Tschech, der in seinem Buch „Nullpunkt“ (2022)] über die Abstumpfung, den
       Gehorsam und die Dehumanisierung im Krieg geschrieben hat er. Austausch und
       Diskurs als Rehumanisierung. Oder als ideelle Prothese.
       
       „Bear your freedom“, „Lebe deine Freiheit“ ist das Motto dieses Jahr,
       [7][es stammt von Maksym Butkevych], der (neben Andrij Ljubka) Gastkurator
       der diesjährigen Ausgabe ist. Der Journalist und Menschenrechtler war
       zwischen 2022 und 2024 mehr als zwei Jahre in russischer
       Kriegsgefangenschaft. Wieder lesen zu können, was er wolle, sei ein Segen
       gewesen nach seiner Entlassung, sagt Butkevych. In Haft habe er zunächst
       nur russische Propaganda zu lesen bekommen („wie schlecht geschrieben das
       war!“). Später gaben sie ihm das Neue Testament.
       
       ## Der Dichter und das Brigaderadio
       
       Über Freiheit und Verantwortung diskutiert Butkevych auch unter anderem mit
       [8][Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk] und dem von der
       Krim stammenden Journalisten und Soldaten Pawlo Kasarin. Zu den
       Haftbedingungen sagt Butkevych: „Sie verwandelen dich in ein Objekt, das
       sie steuern können. Sie bestimmen, was du anziehst, wann du aufstehst, wann
       du isst. Und je mehr wir in ein Objekt verwandelt werden, um so mehr
       schwindet auch die innere Freiheit.“
       
       Matwijtschuk, Gründerin des Center for Civil Liberties, betont, dass die
       Freiheit mit Verantwortung einhergehe, verweist auf den „Citizen“ oder
       „Citoyen“, der sich durch das Verantwortungsgefühl auszeiche, „durch das
       Bewusstsein, dass mein Blick auf die Welt über meine eigenen vier Wände
       hinausgeht.“ Es werde also im Krieg nicht nur Freiheit, sondern auch
       bürgerliche Verantwortung verteidigt, die oft – siehe Russland – weit
       weniger ausgebildet und populär ist.
       
       Pawlo Kasarin bemerkt dazu: „Ich war überrascht, wie gut die freiheitliche
       Demokratie in Kriegszeiten funktioniert. Man sollte meinen, ein autoritäres
       System und strenge Top-Down-Hierarchien hätten es leichter im Krieg. Als
       die ukrainischen Truppen aber während des Kriegs in Kursk einmarschiert
       sind, gab es keinen Widerstand der Bevölkerung, wie wir ihn in Cherson und
       anderen ukrainischen Städten gesehen haben.“
       
       Der Veranstaltungsort der Buchmesse, das Mystetskyi Arsenal, ist ein
       klassizistischer Vierflügelbau aus dem frühen 19. Jahrhundert. Es war, der
       Name lässt es vermuten, lange Zeit Munitionsfabrik und Lagerort für Waffen,
       bis in Sowjetzeiten. Seit 2006 ist es ein Ort für Kunst und Kultur –
       eigentlich.
       
       Denn Militär und Zivilgesellschaft lassen sich nicht wirklich trennen im
       Jahr 2026 in der Ukraine. [9][Serhij Zhadan, Literatur- und Popstar der
       Ukraine, hat den Sender Radio Khartiia gegründet], eine Station von und für
       die Soldaten der Brigade Khartiia („Charta“), deren Namensgeber er auch
       ist.
       
       Beim Book Arsenal hat Khartiia einen Stand, man kann Shirts und Hoodies in
       Punk-Optik kaufen. Zhadan selbst liest Gedichte und muss später eine halbe
       Stunde lang Autogramme geben. Andere Brigaden verkaufen Kaffee, verteilen
       Flyer. Auch einer der gefragtesten Autoren der Messe, Illarion Pavliuk, ist
       Offizier und sitzt auf der Messe in Uniform an den Signiertischen.
       
       ## Remarque, Jünger, Hemingway
       
       Gleich eingangs präsentieren sich die „Cultural Forces“. Sie bestehen
       insgesamt aus etwa 200 Soldaten, die im zivilen Leben aus kreativen
       Bereichen kommen und nun Konzerte und Lesungen für die Frontsoldaten
       organisieren. Sie sammeln aber auch ausgelesene Bücher, die sie den
       Soldaten dort senden („Books to the Frontline“-Initiative).
       
       „Es geht für uns auch darum, die Moral der Frontbrigaden zu stärken“, sagt
       Andriy, ein Mitglied der Cultural Forces. „Nach so vielen langen und harten
       Kriegsjahren ist es wichtig, dass die Kämpfer vermittelt bekommen, was sie
       dort verteidigen.“
       
       [10][Kriegstagebücher und Lyrik sind in der Ukraine weiterhin sehr
       gefragt]. Unmittelbare, assoziative Textformen. Doch nun beginnt vielleicht
       schon eine neue Phase der Literatur in Kriegszeiten, die des Vergleichs,
       des Suchens nach einer neuen Sprache. Erich-Maria Remarque, Ernst Jünger
       und Ernest Hemingway sind die Author’s authors in der Ukraine dieser Tage.
       
       Der Bestseller und meistdiskutierte Essay-Roman der Saison ist dann auch
       „Hemingway nic nie wie“ („Hemingway weiß gar nichts“) des jungen Soldaten
       und Schriftstellers Artur Dron (über 40.000 verkaufte Bücher). Dron
       arbeitet sich darin unter anderem am Abenteuergeist und der Heldenpose ab,
       mit der Hemingway in den Krieg ging, er gleicht die Weltkriegsliteratur mit
       der heutigen ukrainischen Literaur ab.
       
       Mit gleichmacherischer Antikriegsliteratur komme man im Fall der Ukraine
       nicht weiter, meint er: „Wir brauchen eine neue Literatur, die
       kriegsfeindlich, aber nicht antimilitaristisch ist. Die Literatur ist es
       gewohnt, Waffen zu verurteilen. Stattdessen sollte sie diejenigen, die mit
       Waffen angreifen, von denen unterscheiden, die sich mit Waffen
       verteidigen“, schreibt er. Im Herbst soll das Buch auf Deutsch erscheinen
       (im Mauke Verlag).
       
       Der ukrainische Buchmarkt hat in den vergangenen drei Jahren wieder einen
       deutlichen Aufschwung erlebt, 117 publizistische Neugründungen gab es 2025,
       die Zahl der Neuerscheinungen blieb konstant hoch, [11][die Umsätze wuchsen
       3 Jahre in Folge]. Es gab ein dem „Kulturpass“ ähnliches Förderprogramm der
       Regierung für junge Lesende, das sehr gut angenommen wurde („YeKnyha“,
       „There's a Book“).
       
       Allerdings steigen – aufgrund der erhöhten Produktionskosten – die
       Buchpreise, allein innerhalb eines Jahres sollen Bücher 20 bis 30 Prozent
       teurer geworden sein. Die Prognosen für das laufende Jahr sind nicht so
       optimistisch.
       
       Für die ukrainische Gesellschaft ist der Krieg auch nach innen die
       Maximalbelastung. Rehabilitierung von Veteranen, Mobilisierung,
       Trauerarbeit sind die Stichworte. „Wir stehen vor einer Herausforderung,
       der sich wahrscheinlich kein europäisches Land in den letzten Jahrzehnten
       stellen musste. Wir müssen Zehntausende oder Hunderttausende von Menschen
       reintegrieren“, sagt Menschenrechtler Butkevich, „und wir laufen Gefahr,
       durch interne Spaltungen auseinandergerissen zu werden.“
       
       Ein Gradmesser sei, wie gut es gelinge Menschenrechte und demokratische
       Werte auch in Kriegszeiten zu leben und zu erhalten. Die Ukraine dürfe
       nicht zu einer völlig durchmilitarisierten und -hierarchisierten
       Gesellschaft werden.
       
       Veranstaltungen wie das Book Arsenal helfen, sich darüber zu verständigen.
       Sie sind wie eine Live-Verarbeitung des Krieges, im Hauptquartier der
       Cultural Forces. Als Maksym Butkevych damals in russischer
       Kriegsgefangenschaft in den besetzten Gebieten saß, durfte er irgendwann
       wieder Post empfangen. „Eine Freundin schrieb mir vom Besuch des Book
       Arsenal. Es sei gut besucht gewesen und habe sich lebendig angefühlt,
       schrieb sie.“ Er sei glücklich gewesen, diese Zeilen in Kriegszeiten zu
       lesen. „Es zeigt, dass da Leben ist, dass da Kreativität ist, dass da Kraft
       ist.“
       
       8 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://chytomo.com/en/one-bookstore-damaged-and-another-destroyed-by-russian-shelling/
 (DIR) [2] https://www.chornobyl-museum.kyiv.ua/
 (DIR) [3] /Schwere-Angriffe-auf-Kyjiw/!6183573
 (DIR) [4] /Ukrainische-Autorin-ueber-Russland/!5903497
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=N7CKS-PFTvU
 (DIR) [6] https://www.arco-verlag.com/buecher/titel/nullpunkt.html
 (DIR) [7] /Journalist-ueber-Kriegsgefangenschaft/!6051245
 (DIR) [8] /Friedensnobelpreistraegerin-Matwijtschuk/!6129881
 (DIR) [9] /Soldat-ueber-vier-Jahre-Krieg/!6155477
 (DIR) [10] /Soldatin-und-Dichterin/!6139162
 (DIR) [11] https://www.statista.com/outlook/amo/media/books/ukraine?srsltid=AfmBOora6I5iWF8pZjGl8ouzAUl56swV4-JBcwTeeTSNddU_E1g_XCxd
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Uthoff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kyjiw
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Literatur
 (DIR) Ukraine
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Russische Literatur
 (DIR) Russland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Russische Buchmesse in Berlin: Mit Literatur gegen die „Schizo-Realität“
       
       Die zweite Exil-Buchmesse für russischsprachige Literatur in Berlin war
       größer und bunter als die erste Ausgabe. Es wurde kontrovers diskutiert.
       
 (DIR) Soldat über vier Jahre Krieg: „Wir sprechen jetzt anders über Angst, Hoffnung oder Wut“
       
       Serhij Zhadan ist Autor und Soldat. Ein Gespräch darüber, wie der Krieg
       Gesellschaft und Zeitwahrnehmung verändert – und die Sprache präzisiert.
       
 (DIR) Soldat, Autor, Pazifist: Der Gerechtigkeit wegen
       
       Gandhi-Übersetzer, Kriegsgegner, Feminist – und derzeit Soldat: Der
       ukrainische Autor Artem Tschapaj schreibt Kurzgeschichten im Stil von Road
       Novels.