# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Vierzehn Tage Normalität
       
       > Ein Projekt ermöglicht Anastasia Marinchenko und ihren Kindern eine Pause
       > vom Krieg. Doch was bringen zwei Wochen in Österreich, wenn Sascha fehlt?
       
 (IMG) Bild: Anastasia Marinchenko mit ihren Kindern im Thermalbad in Weiz
       
       Seine Worte, Nachrichten, Fotos. Saschas Hand, die er ihr zum Abschied aus
       Kyjiw an die Front auf den runden Bauch legte und sagte: „Tschüss,
       Kleines!“ Die Erinnerung an Sascha ist allgegenwärtig. Sie bestimmt die
       Gegenwart.
       
       Vor einigen Tagen, erzählt Anastasia Marinchenko, habe sie in warmem
       Thermalwasser gelegen, während die Kinder geplanscht und getobt hätten. Zum
       ersten Mal überhaupt hat Marinchenko die Ukraine verlassen, ist mit ihren
       drei Kindern nach Weiz in die Steiermark gereist, zum Erholungsurlaub in
       Österreich, oder besser: zum Urlaub vom Krieg. Danilo und Iwan sind zehn
       und elf Jahre alt, die kleine Sofia bald drei.
       
       In der neuen Umgebung denkt Marinchenko oft: Wie entspannt und glücklich
       diese Österreicher doch aussehen! „So war ich auch mal. Nur wusste ich das
       damals nicht. Ich nahm es wie selbstverständlich hin.“ Wenn sie heute
       Mütter und Väter zusammen mit ihren Kindern sieht, muss sie oft weinen.
       
       Wenn man Anastasia Marinchenko, 32, irgendwo auf einer Straße in Graz oder
       Weiz begegnen würde, würde man nichts ahnen von dem Kummer, der auf ihr
       lastet. Sie lacht fröhlich und unbeschwert wie ein Mädchen, dem die
       Kindheit noch nicht ganz aus dem Gesicht gewichen ist. Sie hat
       pechschwarze, gefärbte Haare und aufgemalte Augenbrauen. Aber wenn sie zu
       lange spazieren geht oder bergauf läuft, kommt sie schnell außer Atem; sie
       hat zugenommen, seit Krieg ist, seit sie ohne Mann ist, sagt sie. Zu Hause
       in Kyjiw verlässt Marinchenko das Haus kaum noch, meistens nur zum
       Einkaufen oder zum Friedhof. Zu groß ist ihre Angst davor, [1][bei
       Raketenalarm schutzlos auf der Straße zu stehen].
       
       Seit Beginn der russischen Vollinvasion vor vier Jahren gibt es offiziellen
       Angaben zufolge etwa 55.000 getötete ukrainische Soldat:innen. Hinzu kommt
       eine große Zahl von Menschen, die vermisst werden und wahrscheinlich tot
       sind. Die Dunkelziffer der Verluste könnte also weit höher liegen. Eine
       Denkfabrik in Washington schätzt die Zahlen auf [2][weit über
       hunderttausend Tote]. Wie viele Frauen ihre Ehemänner verloren haben und
       wie viele Kinder ohne Väter aufwachsen – dazu fehlen zuverlässige Angaben.
       
       ## Die Reise hat sie für einen Moment gerettet
       
       Marinchenko sitzt auf dem Sofa in einer Wohnung in Weiz, einem
       12.000-Seelen-Ort in der Steiermark, direkt neben der Basilika am Weizberg.
       Aus dem Fenster blickt man auf Häuschen mit Satteldächern, auf braungrüne
       Felder und Hügel. Der Schnee ist fast geschmolzen. Eine idyllische Stille
       liegt über der kleinen Stadt.
       
       Das Gebäude hat das christlich geprägte Projekt „Way of Hope“ um den
       Theologen Fery Berger angemietet, das sich seit 2015 um Geflüchtete
       kümmert. In Zusammenarbeit mit der ukrainischen Organisation „Voices of
       Children“ holt die Initiative seit etwa einem halben Jahr ukrainische
       Mütter mit Kindern in schwierigen Lebenslagen für 14-tägige
       Erholungsaufenthalte nach Weiz. Kurz bevor jemand von Voices of Children
       sie anrief und nach Österreich einlud, war Sascha ihr im Traum erschienen,
       erzählt Marinchenko. Nimm die Kinder und fahre, habe er zu ihr gesagt.
       Tagelang fragte sie sich: Was meint er damit? Dann erfuhr sie von der
       Reise. Wäre der Traum nicht gewesen, hätte sie sich niemals getraut, sagt
       sie.
       
       Die Reise hat sie und die Kinder für einen Moment gerettet. Zu Hause gibt
       es nur wenige Stunden am Tag Strom und heißes Wasser, die russische Armee
       hat große Teile des Elektrizitätswerks zerstört. Zwischendurch sanken die
       Temperaturen in Kyjiw auf minus fünfzehn Grad. Die Raumtemperatur betrug
       vier Grad Celsius. Egal, wie warm sie sich anzogen, die vier froren.
       
       Hier schliefen die Kinder zum ersten Mal seit Wochen durch, können ihre
       Erkältung auskurieren. Ohne Raketenalarm und in der Wärme. Aber schon in
       der zweiten Nacht lag Marinchenko wach und sorgte sich. „Bald müssen wir
       wieder zurück. Wohin dann?“
       
       ## Eigentlich wäre Trauerarbeit nötig
       
       Um viel darüber nachzudenken, fehlt ihr die Zeit. Das Team von Way of Hope
       hat ein dichtes Programm vorbereitet: Museumsbesuch, wandern mit Alpakas,
       Kunsttherapie, Bowling, Eislaufen. Individualtherapie.
       
       Heute laufen sie über den Asphaltweg zum Bach, um Insekten aus dem Wasser
       zu fischen: Marinchenko und die Kinder, noch eine Mutter aus Kyjiw mit
       ihren zwei Kindern, eine österreichische Naturführerin und Vira Kulishenko,
       42, eine klinische Psychologin – auch sie kam als Geflüchtete vor vier
       Jahren mit ihren zwei Töchtern nach Graz. Kulishenko wartet eigentlich nur
       darauf, nach Kyjiw zu ihrem Mann zurückzukehren. Bis das möglich ist,
       betreut sie die Frauen und Kinder bei Way of Hope.
       
       Was können zwei Wochen überhaupt ausrichten für jemanden wie Marinchenko,
       die so viel verloren hat? „Ich versuche immer, zu fühlen, was jemand
       braucht. Zwei Wochen sind nicht viel. Wir müssen realistische Erwartungen
       haben“, sagt Kulishenko, die das Programm entworfen hat. Manche kämen stark
       traumatisiert an und seien emotional verschlossen. Das Wichtigste sei dann,
       sie den schwierigen Alltag zu Hause für kurze Zeit vergessen zu lassen.
       Schlafen. Lachen. Spielen. Sich um nichts kümmern zu müssen. Viele der
       Frauen sind Hausfrauen und leben von ihrer Witwenrente. Eine professionelle
       Therapie können oder wollen sie sich nicht leisten.
       
       Kulishenko sagt, sie versuche gar nicht, in dieser kurzen Zeit emotional zu
       Marinchenko durchzudringen. „Das könnte bei ihr zum Zusammenbruch führen.“
       Weder sie noch die Kinder hätten den Verlust des Vaters und Ehemanns
       überwunden. Dazu wäre Trauerarbeit nötig, sagt Kulishenko. Marinchenko
       selbst glaubt aber nicht, dass Therapie dabei helfen kann.
       
       ## Fetzen einer Normalität
       
       „Schaut mal, was ist das?“, ruft einer von Marinchenkos Jungs auf dem Weg
       zum Bach, zeigt aufgeregt zum Himmel. „Ein Flugzeug, keine Drohne!“,
       erklärt seine Mutter ihm. „Normale Flugzeuge haben wir schon lange nicht
       mehr gesehen.“ Der ukrainische Flugverkehr steht seit vier Jahren still.
       
       Dann kommt das Grüppchen am Wasser an, die Kinder fischen mit ihren
       Fangnetzen winzige Tierchen aus dem Bach, die sie in Plastikdosen
       schmeißen. Die Kinder beugen sich über einen Baumstamm und analysieren die
       Insekten unter einem Handmikroskop. Die Naturführerin verteilt
       DIN-A4-Blätter mit den aufgedruckten Tiernamen auf deutsch und ukrainisch.
       
       Eintagsfliege – Travneva mushka
       
       Flohkrebs – Amfipod
       
       Strudelwurm – Ploskyy cherv’yak
       
       Lidmückenlarve – Lychynka moshky povykovoyi
       
       Die Kinder rennen und schreien durcheinander, basteln Flöße aus
       Tannenzapfen und lassen sie in der Strömung treiben. Sie essen Krapfen mit
       Marillenfüllung, trinken Tee. Die Stimmung ist ausgelassen. Fetzen einer
       Normalität, die keine ist.
       
       Nur die kleine Sofia plärrt ununterbrochen. Sie will auf den Arm genommen
       werden. Die Mutter hält sie an ihrer rosafarbenen Kapuze fest, damit sie
       nicht ins Wasser fällt, schreit sie an – aus Sorge. Kurz vor seinem Tod
       musste sie Sascha versprechen: Sollte ihm etwas zustoßen, würde sie stark
       bleiben, für die Kinder. Dieses Versprechen ist ihr zum Mantra geworden.
       
       ## „Das Teuerste hat man mir genommen“
       
       Im April wird Sofia drei. Sie kann noch kein Wort sprechen, nicht einmal
       „Mama“ sagen. Das Verhalten der Kleinen bereitet ihr Sorgen, sagt die
       Psychologin Kulishenko auf dem Rückweg. Aber die zwei Jungs wirken stabil:
       Sie sind mit einem Vater aufgewachsen, der immer für sie da war. Das merke
       man.
       
       Als am 24. Februar 2022 plötzlich Bomben auf Kyjiw, auf ihre Stadt fielen,
       waren Anastasia und Sascha Marinchenko seit elf Jahren ein Paar. Er
       arbeitete als U-Bahnfahrer, sie als Kindergärtnerin. Er sei ein liebevoller
       Ehemann und großartiger Vater, sagt sie, Freunde und Kollegen kannten ihn
       als zuverlässig und loyal. Den Jungs brachte er Lesen, Schreiben und
       Schwimmen bei. Doch Anastasia Marinchenko wünschte sich ein Mädchen.
       
       „Lassen wir es darauf ankommen“, überredete sie ihn. In den Vororten von
       Kyjiw tobte damals der Krieg. Die Russen versuchten, die Stadt einzunehmen.
       Sascha meldete sich zur Territorialverteidigung der Stadt. Sie kochte Essen
       für die Kämpfer. Als sie ihm ein paar Monate später von der Schwangerschaft
       erzählte, kamen ihm fast die Tränen. „Du wirst dieses Kind alleine
       großziehen!“, prophezeite er ihr. Sie wollte das nicht glauben. Niemals
       gestand sie ihm ihre Angst davor. Selbst dann nicht, als sie erfuhr,
       erzählt sie heute, dass er an die Front geht.
       
       Für Anastasia Marinchenko lauern die Erinnerungen an Sascha überall, in
       ganz alltäglichen Dingen. Auch ihre Wut auf ihn, dass er sich als
       Freiwilliger an die Front meldete und sie alleine ließ, kocht noch immer in
       ihr. Früher stand sie manchmal vor seinem Foto in ihrem Wohnzimmer und
       schrie ihn an, schleuderte das Bild durch den Raum. Heute sind solche
       Anfälle seltener geworden. Das erste Jahr nach seinem Tod stellten sie zum
       Essen immer einen Teller für ihn auf den Tisch und schenkten ihm Tee ein.
       Auch das machen sie nicht mehr.„Ich bin am Leben, aber das war es auch
       schon“, sagt Marinchenko. „Ich spüre kein Glück. Das Teuerste hat man mir
       genommen.“
       
       ## Hier braucht sie kein Beruhigungsmittel
       
       Auf ihrem Handy zeigt Marinchenko ein Foto vom Abend des 19. Februars 2023:
       Sie liegt im Schaumbad, ihr dicker Bauch ragt aus dem Wasser.
       
       – „Der siebte Monat hat angefangen.“
       
       Er antwortet ihr mit einem Selfie in khakigrünem Pullover mit großen Augen
       und aufgerissenem Mund.
       
       – „Wie die Zeit verfliegt!“
       
       – „Ich glaube und weiß, dass für uns alles gut werden wird, wir haben es
       verdient“, schreibt sie. Um 23.43 Uhr kommt von ihm:
       
       – „Gute Nacht, meine Liebste!“
       
       Sechs Tage später klingelten Männer in Uniform an ihrer Haustür und sagten
       ihr, dass Sascha am 25. Februar getötet wurde. Sie wollte es nicht glauben.
       Bis sie in der Leichenhalle seinen toten Körper sah. Heute ist sie froh,
       dass seine Kameraden Sascha bergen und es überhaupt eine Beerdigung gab.
       
       Keine zwei Monate später kam Sofia auf die Welt. Bei der Geburt war sie
       alleine. Aber im Krankenhaus sprach sie mit Sascha so, als könnte er sie
       vielleicht direkt hören.
       
       Kontakt zu seiner Familie hat sie kaum. Seine Mutter trinke, der Vater sei
       nur an Geld interessiert. Auch das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter ist
       schwierig. Eigentlich, sagt sie, ist sie seit seinem Tod auf sich allein
       gestellt. Der ukrainische Staat zahlte ihr eine Entschädigungssumme von
       zweieinhalb Millionen Hrywna aus, umgerechnet etwa fünfzigtausend Euro.
       Bisher reiche ihr das aus.
       
       ## Auch ihr Leben sei sinnvoll
       
       Gestern, erzählt Marinchenko, saß sie abends mit der anderen Mutter in der
       Küche von Way of Hope zusammen. Auch ihr Ehemann ist 2023 im Krieg
       gefallen. Die beiden können ihren Schmerz miteinander teilen. Ihr
       Beruhigungsmittel Corvalment habe sie hier in Weiz kein einziges Mal
       genommen. In Kyjiw lässt sie es jeden Tag unter der Zunge zergehen.
       Marinchenko hat zwei große Thermosflaschen gekauft hier in Österreich. In
       der Ukraine sind die wegen der Stromausfälle seit Monaten vergriffen oder
       nur für Wucherpreise zu finden.
       
       Am Tag vor der Abreise aus Weiz wirkt Marinchenko im Videocall unruhig, sie
       fürchtet die Heimkehr. In Österreich hat sie sich zum ersten Mal getraut,
       allein auf dem Eis zu stehen. Endlich hatte sie genug heißes Wasser und die
       Zeit, ihre Haare zu färben. Als sie in der Therme ihre Bahnen gezogen habe,
       erzählt sie, sei ihr ein Gedanke gekommen: Sie wolle mehr Zeit mit sich
       selbst verbringen. Auch ihr Leben sei wertvoll. Nicht nur das ihrer Kinder.
       
       20 Feb 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marina Klimchuk
       
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