# taz.de -- Chronisch kranke Frauen: Wenn Schmerzen bagatellisiert werden
       
       > Frauen und Kinder stehen im Gesundheitssystem an hinterster Stelle, sagt
       > ein Arzt zu unserer Kolumnistin für diesem Text. Soll das wirklich so
       > bleiben?
       
 (IMG) Bild: Tabletten allein sind nicht die Lösung
       
       Guten Morgen“, flüsterte Pfleger S. und klapperte mit einer Pillendose vor
       meinem Gesicht. Ich schreckte hoch. An den Weckdienst eines fremden Mannes
       um sieben Uhr hatte ich mich noch nicht gewöhnt. Ich lag in einer
       Schmerzklinik im Westen von Berlin, einem Auffangbecken für hoffnungslos
       Verzweifelte.
       
       Ich habe lange gezögert, über Kranksein zu schreiben. Gehört das in diese
       Kolumne? Dabei ist Krankheit nicht nur ein individuelles Erleben, sie hängt
       von politischen Entscheidungen, von Finanzierungssystemen, Personal,
       Forschungsgeldern ab. Davon, wessen Schmerzen ernst genommen werden – und
       wessen nicht. Während Politik und Ökonomen gerade diskutieren, [1][wo im
       Gesundheitssystem gespart werden kann], frage ich mich: Wie soll das gehen,
       ohne dass die Versorgung von Patient:innen darunter leidet?
       
       Ich habe [2][Endometriose] und [3][Adenomyose], Erkrankungen, die für
       Betroffene wie mich mit massiven Schmerzen verbunden sind. Dazu chronische
       Migräne mit Aura – neurologische Attacken mit Sehstörungen, Übelkeit,
       Schmerzen. Nach Jahren führte das zu einem chronischen Schmerzsyndrom.
       Ärzte nennen meinen Fall gern „komplex“. Oder direkter: „Huiuiui, das ist
       ’ne Menge.“
       
       Wie bei vielen Frauen dauerte es Jahrzehnte, bis die Diagnose kam.
       Erkrankungen wie meine wurden lange als „Frauenleiden“ abgetan, etwas, das
       man halt aushalten müsse. Oder mir wurde die Schuld gegeben: falsche
       Ernährung, zu wenig Sport, schlechte Körperhaltung.
       
       ## „Recherchieren Sie mal!“
       
       In der Schmerzklinik sollte alles besser werden. Multimodale Therapie:
       Bewegung, Psychotherapie, Entspannung. Praktisch fühlte es sich an wie ein
       mittelmäßig organisiertes Schullandheim für Erwachsene. Grauenvolles Essen,
       ein Vortrag, der nichts mit gynäkologischen Erkrankungen zu tun hatte,
       Einheiten, die zu kurz oder auf Senioren zugeschnitten waren.
       
       Nach wenigen Tagen entließ ich mich selbst. Natürlich nicht, ohne Feedback
       zu geben. Antwort: „Sie sind doch Journalistin, recherchieren Sie mal.“
       Und: Man wisse um manches, aber das System, da seien die Hände gebunden. Es
       gab auch absurd schöne Momente: Eine Mitpatientin flüsterte, sie fühle sich
       kränker als vorher. Später huschte sie in unser Zimmer, wir gründeten eine
       Mini-Gruppentherapie, teilten unser Leid, lachten zusammen. Ein kurzer
       Moment der Solidarität.
       
       Deshalb erzähle ich davon: Chronische Krankheit ist nicht nur eine Liste
       von Beschwerden. Sie ist auch Isolation. Das Einzige, was in dieser Klinik
       wirklich geholfen hat, waren andere Frauen, das Gefühl, nicht allein zu
       sein.
       
       Monate zuvor, im Endometriosezentrum, fühlte ich mich das erste Mal
       gesehen. Ich spürte, wie die Ärzte selbst am System verzweifeln: an
       fehlenden Diagnostikmethoden, die weniger invasiv wären als Operationen, an
       Zeitmangel. „Frauen [4][und Kinder]“, sagte ein Arzt, „stehen im
       Gesundheitssystem an unterster Stelle.“
       
       ## Krank sein ist ein Vollzeitjob
       
       Chronisch Kranken wird oft gesagt: „Sie sind Expertin Ihrer Krankheit.“ Ich
       wünschte, ich müsste es nicht sein. Krank sein ist schon ein Vollzeitjob:
       Termine, Medikamente, Anträge, kämpfen, erklären, rechtfertigen – und
       gleichzeitig Geld verdienen, ein Sozialleben führen. Eigenverantwortung ist
       wichtig, aber oft wird Arbeit, die das System leisten sollte, auf
       Patientinnen ausgelagert: sich selbst aufklären, Therapien recherchieren,
       Studien lesen und einordnen. Gleichzeitig werden wir nicht ernst genommen,
       wenn wir unsere Symptome beschreiben.
       
       Wenn über Einsparungen diskutiert wird, denke ich an all die Frauen, die
       jahrelang auf Diagnosen warten, deren Schmerzen bagatellisiert werden, die
       von Arzt zu Arzt geschickt werden, bis sie erschöpft aufgeben. Ich wollte
       nie Expertin werden. Ich wollte nur gesund sein, ernst genommen werden,
       Perspektiven aufgezeigt bekommen.
       
       27 Feb 2026
       
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