# taz.de -- Verteuerung des Alltags: Handwerker im Alles-scheiße-Modus
       
       > Als Frau osteuropäischer Herkunft glaubt die Kolumnistin, alles selbst
       > machen zu können. Renovieren. Und fluchen. Doch es gibt ebenbürtige
       > Männer.
       
 (IMG) Bild: Der Installateur weiß, wovon er redet: Material, das teurer wird, fehlende Fachkräfte, lange Arbeitstage
       
       Als ich das sechste Mal an diesem Tag durch den Baumarkt irrte, fielen mir
       zum ersten Mal die schönen Ecken dieses Ortes auf: die Frau am
       Rückgabeschalter, die meine Farbeimer zurücknahm, obwohl ich die
       Kassenzettel verlegt hatte; der schüchterne Azubi, der an den SB-Kassen
       überwachen sollte, dass Kunden alle Waren scannten, und dem ins Gesicht
       geschrieben war, dass er hoffte, ein Betrug trete niemals ein.
       
       H. hatte mir zuvor gesagt, was ich bei meinem fünften Besuch gekauft habe,
       sei „Dreck“. „Du brauchst diese eine Marke, der Rest bringt’s nicht“, hatte
       er fachmännisch erklärt und mir etwas auf einen Zettel gekritzelt. Ich
       hatte genickt und stand wenig später also mit diesem Stück Papier wieder
       zwischen meterhohen Gängen mit mir unbekannten Schrauben und Kleingeräten.
       
       Als [1][Frau mit osteuropäischen Wurzeln] gehe ich grundsätzlich erst
       einmal davon aus, dass ich alles selbst erledigen kann. Einen Kühlschrank
       tragen? Kann ich allein. Bis zur Decke kommen ohne Leiter? Ich baue mir
       einfach eine. Doch durch H., einen begabten Handwerker, habe ich einsehen
       müssen, dass auch meine Fähigkeiten Grenzen haben.
       
       H. kommt vielleicht nicht immer pünktlich, aber er kommt. Das ist sein
       großer Vorteil. Als ich mich einmal mit einem anderen Handwerker verabrede,
       lässt er mich wenige Stunden vor unserem Termin sitzen. Keine Erklärung,
       nur ein „Auftrag storniert“. Ich war schwer getroffen, hatte ich doch zuvor
       extra aufgeräumt. H. erzählte ich nicht davon.
       
       ## Einen Handwerker zu finden, ist fast wie Partnersuche
       
       Später leuchtete es mir ein: Einen Handwerker zu finden, ist fast wie
       Partnersuche heutzutage. Man lernt sich online kennen, schreibt vielleicht
       vorher ein paar Nachrichten hin und her, manchmal telefoniert man,
       verabredet sich für ein Date, und wenn man dann kurzfristig sitzen gelassen
       wird, ist die Enttäuschung groß: Lag es an mir? Hat ihm mein handwerkliches
       Problem nicht gefallen?
       
       Wenn Handwerker in der Wohnung sind, weiß ich üblicherweise nicht so recht,
       wohin mit mir. Mit H. ist das anders. Wir haben gute Gespräche, das heißt,
       meistens führt jeder für sich seine Selbstgespräche bei der Arbeit in
       unterschiedlichen Zimmern. Aber ich habe auch gelernt, wie echte Handwerker
       fluchen und sich über die Arbeit ihrer Vorgänger echauffieren.
       
       Mit H. rede ich nicht nur über Küchen, Leitungen und kaputte Armaturen.
       Irgendwann, zwischen zwei Handgriffen, reden wir auch über Material, das
       teurer wird, fehlende Fachkräfte, über lange Arbeitstage.
       
       Es ist gar kein schlechtes Bild für den Zustand dieses Landes. Überall
       bröckelt es: Schulen, Straßen, Behörden, [2][Wohnungen]. Und die
       angestellten H.s dieses Landes fahren von morgens bis spätabends durch die
       Stadt, von einem Auftrag zum nächsten, auch am Wochenende. „Alles scheiße“,
       sagt H.
       
       ## Biomarkt und Feierabendbier
       
       Neulich sah ich eine ARD-Sendung, in der Familien dabei begleitet wurden,
       wie sie mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage zurechtkommen. Eine Mutter
       stand mit ihrer Tochter bei Rewe, und die Stimme aus dem Off erklärte, dass
       sie früher im [3][Biomarkt] eingekauft habe. Jetzt eben nicht mehr.
       
       Ich musste an H. denken. Wahrscheinlich war er noch nie im Biomarkt.
       Vielleicht will er da auch gar nicht hin. Aber das ist überhaupt nicht der
       Punkt. Es geht darum, dass selbst die, die ohnehin schon lange Tage haben,
       die viel arbeiten, die gebraucht werden, nicht unbedingt das Gefühl haben,
       dass es für sie leichter wird.
       
       Am Ende eines solchen Tages trinkt H. ein Bier. Mehr braucht er nicht,
       würde er sagen. Aber was, wenn selbst dieses kleine Feierabendgefühl teurer
       wird, unsicherer?
       
       Ich stand in der Küche, während H. mit seinem Kopf im Schrank verschwand.
       „Das ist doch alles scheiße“, sagte ich. Er hörte mich nicht. Oder tat so.
       Und arbeitete weiter.
       
       9 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Juedische-Kontingentfluechtlinge/!5727852
 (DIR) [2] /Mietrechtsnovelle/!6175278
 (DIR) [3] /Wachsende-Branche-in-Berlin/!6060141
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erica Zingher
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Grauzone
 (DIR) Handwerk
 (DIR) Inflation
 (DIR) Podcast „Mauerecho“
 (DIR) Kolumne Grauzone
 (DIR) Kolumne Grauzone
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Wo Preise steigen, wird Politik spürbar: Alle unter Druck, aber Politik bleibt im Leerlauf?
       
       Handwerker, Landwirt und Ost-Stimme: Drei Perspektiven auf Inflation,
       Spritpreise und Ungleichheit – und was die Politik jetzt konkret ändern
       muss!
       
 (DIR) Chronisch kranke Frauen: Wenn Schmerzen bagatellisiert werden
       
       Frauen und Kinder stehen im Gesundheitssystem an hinterster Stelle, sagt
       ein Arzt zu unserer Kolumnistin für diesem Text. Soll das wirklich so
       bleiben?
       
 (DIR) Vereinigung von Moldau und Rumänien: Vision, Versicherung – oder Verrat?
       
       Für ihr Land werde es schwieriger, als demokratischer und souveräner Staat
       zu überleben, sagt die Präsidentin der Republik Moldau. Hat sie recht?