# taz.de -- Brief an Ministerin Dorothee Bär: Wir sind keine Gebärmaschinen
> Es soll mehr Geld für die Erforschung von gynäkologischen Krankheiten
> geben. Doch wer Frauengesundheit verbessern will, muss auch Abtreibungen
> legalisieren.
(IMG) Bild: Das Modell einer schwangeren Frau für den Anatomieunterricht aus Elfenbein, 17. Jahrhundert
Liebe Frau Bär,
ich möchte Ihnen eine kurze Geschichte von mir erzählen.
Höchstwahrscheinlich habe ich eine gynäkologische Erkrankung – eine
Frauenkrankheit, wie Sie sagen würden – doch mit Sicherheit kann ich es
nicht sagen, denn diagnostiziert wurde sie bislang nicht. Dabei gebe ich
mir große Mühe, eine Diagnose zu bekommen, auch um Folgeerkrankungen zu
verhindern. Ich lese mich ein, tausche mich mit anderen Erkrankten aus,
notiere meine Symptome und mache Termine bei unterschiedlichen Ärzt_innen.
Doch in den Praxen wird mir kaum geholfen. Vielmehr stoße ich dort auf
Unverständnis. „Aber wieso wollen Sie denn eine Diagnose? Sie sind doch gar
nicht ungewollt kinderlos.“
Ganz als gäbe es nur einen Grund, den Körper zu verstehen: Kinder in die
Welt zu setzen. Andernfalls werde ich nicht ernst genommen. Ein Gefühl, das
mir und anderen Frauen und Queers nicht fremd ist. Dass Männer in der
Medizin priorisiert und alle anderen psychologisiert werden, [1][ist durch
verschiedene Studien belegt]. Geht es um unsere Gesundheit, werden
Schmerzen heruntergespielt, Diagnosen unnötig in die Länge gezogen und
einfallslose Behandlungsmethoden vorgeschlagen („Nehmen Sie doch die
Pille.“ oder „Versuchen Sie, Stress zu vermeiden!“).
Deswegen freue ich mich, dass Sie nun etwas ändern und entsprechende Gelder
zur Verfügung stellen wollen. Das kommt zwar etwas spät und ich könnte ich
Sie fragen, an wem es denn liegt, dass Deutschland in Bezug auf
[2][„Frauengesundheit“ noch „Entwicklungsland“] ist. Denn welche Partei war
denn in den letzten Jahrzehnten am häufigsten an der Regierung beteiligt?
Aber Schwamm drüber. Es ist nie zu spät, einen Missstand zu beheben. Und
ich glaube Ihnen, wenn Sie sich darüber ärgern, dass Medikation immer noch
weitestgehend an Männern ausgerichtet, Krankheiten wie Endometriose und
Lipödeme nicht ordentlich erforscht und Crashtest-Dummys erst seit Kurzem
auch Frauenkörpern nachempfunden sind.
Doch wenn Ihnen wirklich an der Gesundheit der Hälfte der Bevölkerung
gelegen ist, reicht es nicht aus, diese einzelnen Forschungsmissstände zu
beheben. Sie müssen ein grundsätzliches Umdenken in Politik, Medizin und
bei den Krankenkassen anstoßen. Gehandelt werden muss nach der Maxime: Die
Gesundheit von Frauen und queeren Menschen zählt! Und auch dann, wenn sie
keinen Kinderwunsch haben. Wir sind keine Gebärmaschinen.
Wer sich um die Gesundheit von Frauen und Queers sorgt, muss also dafür
sorgen, dass sie selbst über ihre Körper bestimmen dürfen. Alles andere ist
scheinheilig. Und zur körperlichen Selbstbestimmung gehört natürlich auch
die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. [3][Die Mehrheit der
deutschen Bevölkerung ist längst dafür,] doch konservative Kräfte, wie Ihre
Partei, sind es, die die Grundrechte bewusst weiter einschränken wollen.
Und es gibt weitere Maßnahmen, die gegen die medizinische Benachteiligung
helfen würden: die kostenlose Bereitstellung von Verhütungsmitteln, eine
weniger konservative Vorstellung davon, wessen Kinderwünsche unterstützt
werden und welche Körper von gynäkologischen Krankheiten betroffen sein
können. Aber auch verpflichtende Seminare für medizinisches Personal über
den Zyklus und mögliche Erkrankungen von Frauen und Queers können Schmerzen
lindern und im besten Fall Leben retten.
Die bessere Erforschung von Endometriose oder die Behebung des
Versorgungsmangels für Menschen in den Wechseljahren sind gute Versprechen.
Aber ich freue mich, wenn Sie die Gesundheit von Frauen und queeren
Menschen radikal in allen Bereichen verbessern. Damit Betroffene in den
Praxen nicht mehr abgespeist werden, sondern sie die Hilfe bekommen, die
sie benötigen.
Mit freundlichen Grüßen
Carolina Schwarz
23 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11521267/
(DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/politik/csu-forschungsministerin-dorothee-baer-hightech-agenda-sexismus-forschung-li.3364518?reduced=true
(DIR) [3] /Umfrage-zu-Abtreibungen-in-Deutschland/!6004352
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