# taz.de -- Bulgakovs „Hundeherz“ in Hamburg: Kein Aufbegehren, nirgends
       
       > Armin Petras’ Fassung von Bulgakovs „Hundeherz“ am Hamburger
       > Schauspielhaus bleibt unfokussiert. Es ist ein Flop voller
       > Ausweichmanöver.
       
 (IMG) Bild: Viel Action, wenig Substanz: Szene aus „Hundeherz“
       
       Es schneit schwarz „nach dem Burn-out/World War 3“ in den mit
       Videoprojektionen gefluteten, von Drohnen attackierten Straßenschluchten
       des dystopischen Los Angeles aus „Blade Runner“ oder der Gotham City,
       „verseucht mit prekarierten Bewohnenden“, wie eine Conférencière zur
       Verortung des Stücks in düsterer Bühnenbildopulenz erklärt. Mitten im
       SF-Grusel hockt ein zotteliger Mischlingshund. Oscar Olivio animiert die
       Puppe zum Leben. Lässt sie hecheln, heulen, kläffen, winseln, knurren,
       bellen, schnüffeln, das Fell ausschütteln. Dazu funkeln die Augen
       liebtraurig zur Streichelanimation.
       
       Ein Tier als Projektionsfläche für Vorstellungen vom idealen Lebenspartner:
       kuschelig, zugewandt, devot. Mitleidgroßes Erschrecken dann, wie Menschen
       dem Vierbeiner Haut und Haar verbrühen. Das passt noch prima zu Michail
       [1][Bulgakows] „Hundeherz“, derzeit zu sehen am Hamburger Schauspielhlaus,
       wo ein Vierbeiner als ausgebeuteter Proletarier vor sich hin leidet. Mit
       einer in die Groteske getriebenen Satire erzählt die Novelle von der
       Fantasie der bourgeoisen russischen Elite, die unzuverlässigen Arbeiter in
       perfekte [2][Sowjetmenschen] zu verwandeln, damit sie Machtstrukturen
       unangetastet lassen und ihre Jahrespläne übererfüllen.
       
       Parodierend lässt Bulgakow dazu dem Hund die Hypophyse und Hoden eines
       gerade verstorbenen Mannes einpflanzen. Das Mischwesen aber wird kein Held
       der Arbeiterklasse, sondern vereint die schlechtesten Eigenschaften von
       Mensch und Tier. Großartig, wie Olivio die Puppenrolle nach und nach selbst
       übernimmt, langsam die menschliche Sprache formt, Wurst und zwei Bier
       ordert, seine Gliedmaßen im aufrechten Gang beherrschen lernt und sich mit
       Selbstherrlichkeit aufpumpt. Aber was möchte uns Regisseurin Claudia Bauer
       damit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erzählen?
       
       Die Fassung von Armin Petras übernimmt das Handlungsgerüst und überschreibt
       die Vorlage mit Stichworten zu überreichlich aktuellen Diskursen und
       Krisenlagen, ohne auch nur ein Thema näher zu beleuchten. Dafür soll
       Witzigkeit prunken. Aber nicht mehr als ein lauter Lacher ist im Publikum
       zu hören, wenn der faustisch-frankensteinische Operateur mit den Worten
       „Gott ist ein Töpfer, sie sind ein Schöpfer“ bedacht wird.
       
       ## Ein zeitgemäßer Schönheitschirurg
       
       In unsere neoliberale Leistungsgesellschaft passt, dass er
       Schönheitschirurg ist, der an der [3][Selbstperfektionierungs-Sehnsucht]
       sein Geld verdient. Was hier als „Rebranding der Eugenik“ und „Veredelung
       des Menschen“ bezeichnet wird. Zur Illustration treten der uralte, immer
       noch gutaussehende Robert De Niro (Felix Knopp) und die von Verjüngungs-OPs
       verunstaltete Cher (Sachiko Hara) als Kunden auf. Die Erzählerin ist ein
       KI-Roboter (Sandra Gerling), dem immer wieder die Sprech-Software abstürzt.
       
       Der Herr Doktor (Bettina Stucky) selbst kommt als clownesker Vertreter der
       Kultivierten daher. Er lehrt seinem Hundemenschen die Moral und die Regeln
       sowie das Motto des menschlichen Miteinanders: „Freiheit ist Einsicht in
       die Notwendigkeit“. Aber Erziehen mit Liebe statt Gewalt funktioniert
       nicht. Also wird das vermenschlichte Wesen wieder zurückoperiert.
       
       Immer mit flotten Kommentaren dabei sind eine Sekretärin (Angelika Richter)
       des Wahrheitsministeriums, das die Meinungsmanipulation im Internet
       steuert, und ein Bürgerchor der „solidarischen rebellierenden Berechtigten“
       in der ästhetischen Ausformulierung als Opernchor, der Pop- und
       [4][Arbeiterlieder] sowie Zeitgeistkritik zitiert. Überwachungsstaatlich
       schaut Big Daddy aufs Geschehen.
       
       Das sind alles hübsche Anspielungen. Aber wer ist dieses Menschtier? Erst
       mit der Angst vor Katzen ausgestattet, mutiert es nach den Implantaten der
       Männlichkeit zum Katzenkiller. Ein Opfer wird Täter, der alle Andersartigen
       hasst, denn „die suchen doch nur, was sie klauen können“. Ein xenophober
       AfD-Wähler? Jedenfalls einer, der sich benachteiligt fühlt und sagt: „In
       diesem Land dürfen nur die Intellektuellen schimpfen.“ Das könnte ein
       Ansatz sein zur psychologisch, politisch und sozial genauen
       Auseinandersetzung mit dem derzeit zu erlebenden [5][politischen
       Rechtsruck.] Aber es folgen nur lärmend plakative Ausweichmanöver.
       
       Ebenso ratlos lässt das Finale. Kein Aufbegehren der Erniedrigten und
       Beleidigten, sondern ein scheiternder Aufbruch in „Thelma & Louisa“-Manier:
       Der Hund ist wieder ein Hund, die Menschmaschinen sind irgendwie auf der
       Flucht zu sich selbst, alle werden verfolgt von den Häschern der
       Technokratie.
       
       Die Inszenierung überdreht knapp zwei Stunden vor sich hin, es ist irre
       viel los auf der Bühne, aber es kommt nichts über die Rampe. Kein Gefühl.
       Keine fokussierten Inhalte. Nur blutleeres Tohuwabohu eines optischen
       Spektakels. Was dem wirren Text von Armin Petras entspricht. Wie sagte doch
       der Hundemensch: Theater sei „pseudointellektueller Scheiß“, in dem man
       sich richtig blöd vorkommen soll. Das trifft diesen rasant substanzlos
       mäandernden Abend sehr gut. Es ist seit Jahren der erste wirklich große
       Flop am Hamburger Schauspielhaus.
       
       30 Apr 2026
       
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