# taz.de -- Debütfilm „Filipiñana“ auf der Berlinale: Die Macht der Erschöpfung
       
       > Zwischen sengender Hitze, monotoner Arbeit und Golfkulisse zeigt
       > „Filipiñana“ im Mikrokosmos eines Country Clubs, wie Macht und
       > Erschöpfung zusammenhängen.
       
 (IMG) Bild: Stillhalten beim Abschlag: „Tee-Girl“ Isabel (Jorrybell Agoto) in „Filipiñana“
       
       Macht braucht nicht immer Gewalt. Manchmal genügt die Müdigkeit. Wo jede
       Woche einen neuen Skandal bereithält, wird Empörung zur Routine – und
       Routinen erschöpfen. Müdigkeit wird dann von einer privaten Empfindung zu
       einem kollektiven Zustand. Und wie sehr dieser den Herrschenden nützt, ist
       eine der zentralen Beobachtungen in Rafael Manuels Spielfilmdebüt
       „Filipiñana“.
       
       Basierend auf seinem gleichnamigen Kurzfilm entwirft der philippinische
       Regisseur einen scheinbar unpolitischen Mikrokosmos eines Country Clubs in
       Manila. Dort ist es allerdings nicht die mediale Dauererregung, sondern die
       gnadenlose Monotonie der Arbeit, verrichtet in unerträglicher Hitze, die
       jeden Anflug eines Aufbegehrens schon im Ansatz erstickt. Die schwüle Luft
       liegt wie ein permanenter Druck über der weitläufigen Anlage, verlangsamt
       Körper und Gedanken – und stabilisiert eine Ordnung, die gerade deshalb so
       reibungslos funktioniert, weil niemand die Kraft hat, sie infrage zu
       stellen.
       
       Kühlung wird unter diesen Bedingungen zur seltenen Ressource – und
       Klimaanlagen zum Klassenmerkmal. Reserviert sind sie für privilegierte
       Golfspieler zwischen sattgrünem Rasen, künstlichen Teichanlagen und
       ordentlich aufgeschütteten Sanddünen; für die gutsituierten Gäste aus
       China, die aus Reisebussen in die Hotellobby strömen; und vielleicht noch
       für einige wenige Vorgesetzte. Nicht jedoch für die Heerscharen weiblicher
       Arbeiterinnen auf dem Golfplatz.
       
       Eine von ihnen ist die siebzehnjährige Isabel (Jorrybell Agoto), durch
       deren Blick der Film dieses künstliche Paradies, seine sorgsam gehüteten
       Hierarchien und die Mechanismen dahinter vermisst, deren Symbolkraft
       freilich weit über den Country Club hinaus verweist. Um davon zu erzählen,
       setzt Rafael Manuel nicht auf eine effektvolle Handlung, wie man sie aus
       kapitalismuskritischen [1][Komödien wie „Triangle of Sadness“] oder aus
       Hochglanzsatiren à la „The White Lotus“ kennt.
       
       ## Zwischen Abschlag und Stillstand
       
       Stattdessen entwirft „Filipiñana“ ein visuelles Protokoll der Absurditäten
       aus sorgsam komponierten Bildern und präzise choreografierten Abläufen, die
       sich in ständiger Wiederholung verdichten. Als „Tee-Girl“ besteht Isabels
       Aufgabe etwa darin, immer wieder einen Ball auf ein kleines Holzstäbchen
       („Tee“) zu legen, am Abschlagplatz („Tee Box“) drapiert wie ein Requisit,
       während die Männer im Gleichklang ihre Schläger schwingen. Eine lange
       Einstellung zeigt sie in babyblauer Uniform, gefilmt durch die gespreizten
       Beine des Club-Präsidenten Dr. Palanca (Teroy Guzman). Er wird zum Rahmen
       ihres Bildes, während nur Zentimeter entfernt der Metallkopf des Schlägers
       an dem ihren vorbeizischt.
       
       „Filipiñana“ verlässt sich für seine Machtkritik beinahe ausschließlich auf
       eine derart sprechende Mise-en-Scène und zeigt so Golf weniger als Sport
       denn als sinnloses Ritual, das vor allem der Bestätigung der sozialen
       Vorrangstellung seiner Spieler dient. Entsprechend sind die Gesichter der
       Reichen nur angeschnitten, aus weiter Distanz oder gar nicht zu sehen – als
       gehörten sie einer anderen Realität an.
       
       Den Arbeiterinnen hingegen folgt „Filipiñana“ in all ihren Abläufen: In rar
       gesäten Pausen sieht man die „Tee-Girls“ gemeinsam mit den wiederum
       rosagekleideten Caddies im Speisesaal sitzen, wie sie über verkochtem Fisch
       mit gedämpftem Lachen über die Zudringlichkeiten eben jenes Dr. Palanca
       sprechen; wie sie durch das Gebüsch kriechen, um verlorene Bälle zu bergen,
       oder dicht aneinandergedrängt unter Wellblechdächern schlafen.
       
       ## Odyssee über das Gelände
       
       Bewegung entsteht erst, als Isabel damit beauftragt wird, Dr. Palanca
       seinen Golfschläger zu bringen, und dafür eine kleine Odyssee über das
       Gelände unternimmt – vorbei an überdimensionierten Kuchenbuffets am Pool,
       an einer Tanzprobe für die Abendunterhaltung und durch den exklusiven
       Spa-Bereich. Mit ihrem indirekten Aufeinandertreffen äußert sich der Film
       ausnahmsweise auch direkt im Text politisch: Es geht um Landraub,
       Vertreibung und koloniale Besitzlogiken, die bis in die Gegenwart
       fortwirken.
       
       Die koloniale Dimension erhält mit Clara (Carmen Castellanos) eine
       beiläufig eingeflochtene Beobachterfigur: Die mittlerweile in den USA
       lebende junge Frau besucht ihren Onkel für ein paar Tage auf dem Golfplatz,
       erkennt das Machtgefälle, stört sich an seinen Mechanismen – und verharrt
       doch im Komfort ihrer Position.
       
       Hier verdichtet sich, was den Film insgesamt prägt: „Filipiñana“ verweigert
       laute Eruptionen, konzentriert sich stattdessen auf das Passive und leicht
       zu Übersehende und verdeutlicht damit umso konsequenter die verhängnisvolle
       Logik der leisen Abnutzung. Die Leichtigkeit der Privilegierten mag das
       Resultat minutiös organisierter Anstrengung sein, doch die Arbeiterinnen
       bleiben austauschbar – wie die importierten Pinien am Rand des Platzes:
       Stirbt eine, wird schlicht eine neue gepflanzt.
       
       Das Bild ist einfach und unerbittlich: Zu erschöpft, um aufzubegehren; das
       System zu eingespielt, um ins Wanken zu geraten. Am Ende bleibt weniger die
       Frage, wer hier Täter ist, als jene, die unangenehmer nachhallt: Wer macht
       sich mitschuldig, indem er einfach weiterspielt?
       
       12 Feb 2026
       
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