# taz.de -- „Der Heimatlose“ auf der Berlinale: Mit wenig Mitteln viel erreichen
> Das Spielfilmdebüt „Der Heimatlose“ von Kai Stänicke eröffnet die Reihe
> Perspectives. Seine Inselallegorie setzt erfolgreich auf Künstlichkeit.
(IMG) Bild: In Kai Stänickes Debütfilm „Der Heimatlose“ wird einem Inselrückkehrer der Prozess gemacht
Kurz vor Beginn der Berlinale hat Kulturstaatsminister [1][Wolfram Weimer
der deutschen Filmindustrie] einen warmen Geldregen versprochen: Hunderte
Millionen Euro zusätzlich sollen in den nächsten Jahren die deutsche
Filmproduktion ankurbeln und dem deutschen Film wieder zu mehr
internationaler Strahlkraft verhelfen. Ob mehr finanzielle Mittel da
allerdings ausreichen, mag man sich fragen, schließlich werden AutorInnen
und RegisseurInnen nicht kreativer, nur weil sie mehr Geld auf dem Konto
haben.
Ein Film, der mit offensichtlich geringen Mitteln sehr viel erreicht, der
sich von einem Mangel an finanziellen Möglichkeiten sogar zu kreativen
Entscheidungen inspirieren lässt, eröffnet in diesem Jahr die Reihe
„Perspectives“ der Berlinale. Debütfilme werden hier gezeigt, Filme vom
Nachwuchs also, was manchmal anstrengend sein kann, manchmal aber auch
überraschend und verheißungsvoll, neugierig machend auf das, was da in
Zukunft kommen mag.
So ein Film ist Kai Stänicke mit „Der Heimatlose“ gelungen, der vom ersten
Moment an mitreißt, eine besondere, ganz bewusst mysteriöse Atmosphäre
entstehen lässt und es vor allem schafft, woran selbst Filme von viel
erfahreneren FilmemacherInnen oft scheitern: seine Geschichte zu einem
starken, runden Ende zu führen.
Auf dem Meer beginnt der Film. Hein (Paul Boche), Anfang 30, kehrt nach 14
Jahren Abwesenheit nach Hause zurück. „Was führt dich bloß an diesen
gottverlassenen Ort?“, fragt ihn der Schiffer. „Das ist meine Heimat, die
kann man sich nicht aussuchen“, antwortet Hein dem Schiffer mit einer
Mischung aus Lakonie und Rätselhaftigkeit, die sich durch den Film ziehen
wird.
## Archaische Gemeinschaft
Am Strand holt Hein einen kleinen Anhänger aus dem Koffer, geht weiter,
trifft die ersten Bewohner, die ihn nicht erkennen. Selbst seine Mutter ist
sich unsicher, ob Hein tatsächlich der verlorene Sohn ist, auch seine
Schwester zweifelt, die bärtigen, raubeinigen Männer der Gemeinschaft erst
recht.
Archaisch wirkt diese Gemeinschaft, irgendwann in vorindustrieller Zeit
scheint die Geschichte zu spielen, bewusst unbestimmt erzählt Stänicke,
betont stets das Allegorische, nicht das Spezielle seiner Geschichte. Ein
Dorfgericht wird einberufen, um zu entscheiden, ob Hein der ist, der er zu
sein behauptet, oder vielleicht doch ein Betrüger. Dafür werden Episoden
aus ferner Vergangenheit herangezogen, erst Zeugen aus dem Dorf, dann Hein.
Sie sollen sich erinnern, doch diese Erinnerungen unterscheiden sich teils
stark.
Mit subjektiven Perspektiven spielt Stänicke in diesen Momenten, inszeniert
unterschiedliche Erinnerungen der Protagonisten, lässt aber auch Hein
seinem jüngeren Ich begegnen, zeigt die Freundschaft zu einem
Gleichaltrigen namens Friedemann. Dieser ist inzwischen erwachsen,
verheiratet und behauptet, Hein nicht zu erkennen.
Dass man es bei „Der Heimatlose“ nicht mit einer Variation der berühmten
und mehrfach verfilmten Geschichte um Martin Guerre zu tun hat, der vorgab,
ein anderer zu sein, wird schnell klar, doch das Rätsel um Heins Identität
bleibt bis zum letzten Moment offen. Von Täuschung und Selbsttäuschung
erzählt Stänicke, vom Wunsch der Zugehörigkeit, der Erkenntnis, nicht in
eine bestimmte Gemeinschaft zu passen.
## Reduzierte Formen
Eine universelle, schon oft variierte Geschichte, die Stänicke durch eine
ebenso kostengünstige wie markante Stilisierung überhöht: Die wenigen
Häuser des Dorfes bestehen nur aus einem Boden aus Holz und ein bis zwei
Wänden, einige Requisiten vervollständigen die Illusion. Ganz so weit wie
einst [2][Lars von Trier in „Dogville“] geht Kai Stänicke mit der
Stilisierung zwar nicht, doch der Verfremdungseffekt funktioniert ähnlich
überzeugend.
Ob diese künstlerische Entscheidung tatsächlich einem geringen Budget
geschuldet war, sei dahingestellt. So oder so zeigt die bewusst reduzierte
Form von „Der Heimatlose“, wie mit kaum mehr als überzeugenden
Schauspielern, mit einem präzisen, vor allem auch durch seine altertümlich
wirkenden Dialoge überzeugenden Drehbuch etwas Ungewöhnliches und
Originelles entstehen kann.
Fast wäre man nach diesem bemerkenswerten Debütfilm versucht zu hoffen,
dass sich Kai Stänicke auch bei seinen nächsten Filmen von einem geringen
Budget zu dieser beeindruckenden Kreativität drängen lassen wird.
Andererseits mag es sein, dass Stänicke dank Geldsegen in Zukunft noch
bessere Filme dreht. Und das wäre dann wirklich spektakulär.
13 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Meyns
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