# taz.de -- Opposition auf den Philippinen: Hinterzimmerpunks
> Die Musikszene auf den Philippinen ist ein Hort des Widerstands gegen das
> restriktive politische Regime. Eine Nacht mit Punkbands in Manila.
(IMG) Bild: „Spaß haben in diesem Scheißsystem“: die Sängerin der Band „Banana Is the Bastard“ auf der Bühne
Die Tische sind leer, und die Bedienung wirkt ein wenig genervt, als wir
uns nur zwei kleine Getränke bestellen. Aber die Pommes sind für
philippinische Verhältnisse einfach viel zu teuer. Es ist 18 Uhr und wir
sind pünktlich zum Beginn eines Konzertabends in einer Thunfischbar,
irgendwo in der Millionenstadt Manila, etwas abseits der großen Hochhäuser
und Bankentürme. Mehr als zwölf Bands wurden angekündigt, doch alles, was
wir vorfinden, sind drei sehr junge, sehr schwarz gekleidete Mitglieder der
Band „Comply/Resist“, die in einem winzigen Hinterzimmer neben den
Toiletten ihren Bass und die Gitarre stimmen, und einen Schlagzeuger, der
auf dem Handy tippt. Die Konzertveranstalter, so hören wir, stecken in
Manilas alltäglichem Verkehrsinfarkt fest.
Wir trinken unsere Cola aus, kommen später wieder. Und tatsächlich: Punker
und tätowierte Menschen, mit Bierflaschen im Eiskübel vor sich, man sieht
einige Iro-Frisuren und Band-Devotionalien, die auf Decken feilgeboten
werden. Es dauert nicht lange, bis die ersten Riffs von „Comply/Resist“ die
Besucher in das mittlerweile stickige Hinterzimmer vor die Bühne locken.
Wir lernen Angelo kennen. Er ist seit vielen Jahren in der politischen
Linken auf den Philippinen aktiv und kennt alle Bands, die am Abend spielen
werden. „Exquisite Auswahl! So was haben wir lange nicht gehabt. Ihr könnt
euch wirklich glücklich schätzen“, erklärt er uns euphorisch, während seine
Freundin Donna uns verpflichtet, die Band „Choke Cocoi“ auf keinen Fall zu
verpassen.
Worüber die beiden ähnlich euphorisch sind: die Proteste, die seit
September insbesondere in der Hauptstadt Manila stattfanden. Der Auslöser
war ein Korruptionsskandal: Offensichtlich waren Gelder versickert, die
eigentlich für ein staatliches Hochwasserschutzprojekt nahe Cebu, der
zweitgrößten Stadt des Landes, geplant waren. Bei einem Besuch des
Präsidenten wurde ersichtlich, dass hier keine einzige der angeblich
gebauten Flutmauern enstanden war.
## Massendemos gegen die Regierung
Das löste wiederum eine Welle der Empörung aus. Den vorläufigen Höhepunkt
fanden die Proteste bei einer Massendemonstration am 21. September 2025 in
Manila mit rund 130.000 Teilnehmern. Der 21. September gilt auf den
Philippinen als historisches Datum. 1972 wurde durch den Vater des jetzigen
Präsidenten, Ferdinand Marcos Senior, das Kriegsrecht verhängt, welches die
Bevölkerung massiv in ihren Rechten einschränkte und den Beginn seiner
14-jährigen Diktatur einläutete.
Die über mehrere Tage anhaltenden Proteste im Februar 2025 wurden bekannt
als „Trillion Pesos March“, bezugnehmend auf die Milliarden von
philippinischen Pesos, die in die Taschen korrupter Staatsangestellter und
Bauunternehmer flossen – manche sprechen von umgerechnet 7,4 Milliarden
Euro. Die so dringend benötigten Fluthilfemaßnahmen wurden hingegen nur
mangelhaft oder gar nicht realisiert.
Die Demonstrationen werden in eine Reihe von Massenprotesten der jungen
Generation Z in verschiedenen Ländern des Globalen Südens wie Nepal,
Madagaskar und Marokko eingeordnet, in denen die Jugend gegen Korruption,
Armut und das Gefühl, sozial abgehängt zu werden, auf die Straße geht.
Donna und Angelo ist es besonders wichtig, die Relevanz dieser
Demonstrationen zu betonen: „Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass
sich die politische Opposition und vor allem auch die junge Generation auf
die Straße wagt, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Zum ersten Mal seit
Langem gibt es die Hoffnung, dass ich wirklich etwas verändern könnte.“
Bereits unter dem ehemaligen Präsidenten [1][Rodrigo Duterte,] der von 2016
bis 2022 im Amt war und sich heute wegen mutmaßlicher
Menschenrechtsverletzungen in seinem „Krieg gegen die Drogen“ vor dem
Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten muss, war es
insbesondere in der politischen Linken riskant, seine politische Gesinnung
offen kundzutun. In den sechs Jahren seiner Amtszeit und den vorhergehenden
Jahren als Bürgermeister der Stadt Davao hat Duterte laut Human Rights
Watch angeblich mindestens 7.000 Drogenabhängige und Dealer umbringen
lassen. Manche Quellen sprechen von bis zu 30.000 Toten.
Für viele gilt sein „Krieg gegen die Drogen“ jedoch nur als Vorwand, um
politische Gegner auszuschalten. So wurden unter anderem vier Fälle von
ermordeten Aktivisten der Organisation „Food not Bombs“ bekannt, die als
aktive Mitglieder in der Punkszene galten. Es folgten
Solidaritätsbekundungen und Spendenkonzerte für die Familien und
Angehörigen. „Damals hat es natürlich nicht nur die Drogenabhängigen und
Dealer getroffen. Die Leute wurden auf offener Straße von Spezialkommandos
hingerichtet. Auch wenn du anders aussahst, wurdest du schnell in dieselbe
Ecke gestellt“, sagt Angelo und schaut auf einen hageren Mann mit
schütterem Haar, Ziegenbart und Gesichtstattoos neben ihm.
## Mit der Hilfe von Super Mario
Dieser zieht seine Sonnenbrille ab und zeigt auf ein Tattoo des
[2][Super-Mario]-Pilz in seinem Gesicht, der beim Einsammeln im Videospiel
ein weiteres Leben bringt. In Anbetracht der mutmaßlich im Auftrag der
Regierung erfolgten Morde der vergangenen Jahre ein zynisches Statement.
Wieder im Hinterzimmer, nun spielen „Banana Is the Bastard“. Die Sängerin
Maria hüpft wie wahnsinnig durch die Menge, schreit ihre Texte durch die
gelbe Sturmhaube. Ein musikalisches Chaos, durchzogen von rhythmisch
dröhnenden Gitarrenriffs. Immer wieder wird gepoked. Marias politische
Ansagen zwischen den Liedern sind nur schwer zu verstehen, sie spricht eine
Mischung aus Englisch und Tagalog: Kritik an Trump und der „amerikanischen
Besatzung“ der Philippinen sind zu verstehen, und Wut über die Entführung
des venezolanischen Ex-Präsidenten Maduro durch CIA-Spezialkräfte Anfang
des Jahres.
Ein antiimperialistischer Vibe ist in der philippinischen Linken weit
verbreitet. Die Inseln wurden bereits Mitte des 16. Jahrhunderts von
Spanien kolonisiert. Nach nahezu 300 Jahren spanischer Herrschaft wurde das
Land infolge des spanisch-amerikanischen Krieges für 20 Millionen US-Dollar
an die USA verkauft, welche das Land bis nach dem Zweiten Weltkrieg
kolonial verwalteten. Kurzzeitig besetzten die Japaner die Philippinen, die
eine schreckliche Zerstörung hinterließen. Vor der offiziellen
Unabhängigkeit im Jahr 1946 sicherten sich die USA durch Verträge wie den
„Bell Trade Act“ enormen wirtschaftlichen Einfluss und das Recht auf
strategisch wichtige Militärstützpunkte auf dem Archipel.
„Es gibt zu viel Scheiße, die passiert. Wir haben die Band gegründet, um
Spaß zu haben und uns geschworen, das Projekt aufzulösen, sobald das
vorüber ist“, sagt Sängerin Maria in einer Konzertpause. Was genau sie mit
„das“ meint, bleibt etwas unbestimmt. Ihr Song „Ngipin Sa Lupa“ („Zähne im
Boden“) wird da konkreter: Da geht es zum Beispiel um Landraub an der
ländlichen und zumeist indigenen Bevölkerung und wie die Regierung
internationale Konzerne dabei unterstützt, ganze Dörfer zu zerstören. Der
Landbevölkerung fehlen oft offizielle Besitzurkunden („Land Titles“) für
ihre Äcker. Das nutzt die Regierung aus als Vorwand, um zu räumen.
Erst wenige Tage zuvor wurden auf der Insel Mindoro nahe der Hauptinsel
Luzon, auf welcher Manila liegt, von den „Armed Forces of the Philippines“
(AFP) Bomben auf eine indigene Gemeinschaft geworfen, die sich seit Jahren
gegen die Pläne großer Bergbauunternehmen wehrt. Unterstützung kommt von
der „New Peoples Army“: Die NPA, eine 1969 gegründete maoistische
Guerillagruppe, kämpft als bewaffneter Arm der kommunistischen Partei CPP
mit Waffengewalt für die Rechte der Kleinbauern und Landarbeiter.
## US-amerikanisch-philippinische Studentin in Militärgewahrsam
Bei dem Angriff durch die Regierungstruppen starben drei Kinder, eine
internationale Menschenrechtsaktivistin wurde getötet. [3][Chantal
Anicoche], eine weitere US-amerikanisch-philippinischstämmige Studentin,
die das Leben der dort ansässigen indigenen Mangyan studierte, wurde acht
Tage lang vermisst und anschließend, nachdem sie öffentlichkeitswirksam aus
einem Erdloch „gerettet“ wurde, durch das Militär in Gewahrsam genommen.
Trotz internationaler Proteste und des Einschaltens amerikanischer Anwälte
wurde Beobachtern der Kontakt zu ihr verweigert. Ernesto Torres, Chef der
Einsatzgruppe NTF-ELCAC, einer 2018 durch die Regierung Duterte gegründeten
Einheit, die den bewaffneten Konflikt mit der NPA beenden soll, gab im
Anschluss bekannt: Anicoche habe selbst eingestanden, sie sei auf die
Philippinen gereist, um sich der NPA anzuschließen, und habe sich zum
Zeitpunkt des Zusammenstoßes in einem NPA-Lager in Mindoro befunden. Sie
habe darüber hinaus bereits in den USA mit Gruppierungen
zusammengearbeitet, die zum internationalen Netzwerk von Unterstützern der
kommunistischen CPP gehören.
Am 29. Januar wurde Anichoche schließlich freigelassen und verließ noch in
derselben Nacht die Philippinen. Einsatzgruppen-Chef Torres sagte damals
dazu, der Fall könne auch in den USA weiter überprüft werden, da die CPP
auch dort als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Aktivisten der
Menschenrechtsorganisation „Karapatan“ sehen hierin eine „versteckte
Drohung“ der weiteren politischen Verfolgung von Anicoche und den
Organisationen, die sich für ihre Freilassung einsetzten, und eine weitere
Möglichkeit, diese als Terroristen und Kommunisten zu brandmarken.
Auch unter der aktuellen Regierung zeigt sich – wie bereits zu Zeiten
Dutertes – eine geringe Zurückhaltung beim Einsatz repressiver und teils
perfider Mittel gegen politische Gegner. Ein zentrales Instrument ist dabei
das sogenannte „Red-Tagging“, eine insbesondere auf den Philippinen
verbreitete Praxis, bei der Oppositionelle und Aktivisten öffentlich als
Kommunisten und damit zugleich als Terroristen oder Staatsfeinde diffamiert
werden. Diese Stigmatisierung hat oft schwerwiegende Folgen: Nicht selten
kommt es auf dieser Grundlage zu Verhaftungen, gewaltsamen Übergriffen oder
dem Verschwinden der Betroffenen.
Beim Konzert ist mittlerweile die Band „Choke Coco“ an der Reihe, für viele
das Highlight des Abends. Eine zierliche junge Frau ist die Sängerin. Im
Voraus haben wir bereits erfahren, dass sie sich den Drummer von „Banana Is
the Bastard“ leihen mussten, da ihrer es heute nicht geschafft hat.
„Eigentlich will ich Gitarre spielen, aber ständig werde ich als Drummer
engagiert“, scherzt der. Die Szene ist auch in der Hauptstadt Manila
überschaubar. Man kennt sich und hilft sich aus.
## „Ein Sklave des Geldes“
Am Schlagzeug legt der verhinderte Gitarrist also los, und Frontfrau Powsa
rastet mit überzeugendem Geschrei vor der Menge aus. Einen Großteil der
Texte brüllen die Fans mit: „Du bist so beschränkt, du bist ein totaler
Sklave des Geldes, wie die meisten Menschen!“
„Ich denke, unsere Proteste und unsere Musik sind wie die Zeit nach dem
Taifun. Wie in der materialistischen Dialektik kommt nach dem Chaos und der
Zerstörung etwas Neues, eine neueChance. Immer mehr Leute wachen auf.“
Powsa hat sich nach ihrem Auftritt auf einer Treppenstufe in einer ruhigen
Ecke niedergelassen. Fast fünf Stunden Fahrt liegen noch vor ihr bis nach
Hause. „Aber ein Auftritt mit all unseren Freunden ist es uns wert!“,
erklärt sie.
Die Hauptstadt Manila ist sowohl das Zentrum der derzeit stattfindenden
Demos als auch der politischen Bewegungen. Aufgrund der Weitläufigkeit des
Archipels ist es für viele Bewohner schwierig, Zugang zu politischer
Bildung oder zu alternativen Bewegungen zu erhalten.
In den kleineren Städten, in denen sich alternative Gruppierungen oder
Einzelpersonen versuchen zu engagieren, ist es zudem sehr wahrscheinlich,
von Nachbarn oder anderen Bewohnern erkannt und diffamiert oder bedroht zu
werden.
## Unter Androhung von sexueller Gewalt
Auch Powsa war schon oft Opfer von „Red-Tagging“: „Das fängt bei unseren
ersten Artikeln im Campusmagazin an und geht weiter mit einem kritischen
Musikstück oder Fanzines.“ Bewährte Mittel sind auch Morddrohungen auf
Social Media. Insbesondere bei Frauen oft verknüpft mit der Androhung von
sexueller Gewalt.
„Eine Freundin hat sich schon einmal mehrere Monate nicht in ihre
Heimatstadt getraut“, erzählt die Sängern Powsa. Ein Freund ihres Vaters
habe angedroht, sie zu vergewaltigen, „wenn er mich noch einmal auf der
Straße sieht“, sagt sie. Grund waren regierungskritische Äußerungen, die
Powsa auf Social Media gepostet hatte.
Veranstaltungsorte und Treffpunkte der Linken, wie es auch die
Konzert-Location an diesem Abend einer ist, werden von der Regierung
potenziell als „terroristische Zentren“ betrachtet. Das Grillrestaurant
gibt sich deshalb betont unscheinbar, tarnt sich als harmloser
Thunfisch-Grill – während es im Hinterzimmer zur Hochburg der Punkbewegung
mutiert. Für die linke Szene sind diese Orte wichtig. Hier trifft sich der
Widerstand gegen das politische Establishment.
Maria sagt, diese Konzertabende seien auch eine Vergewisserung, dass man
nicht allein sei. Hier könne sie „den anstrengenden Alltag in diesem
verdammten System vergessen und einfach mal Spaß haben“.
2 Apr 2026
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