# taz.de -- Ausstellung von Frank Siewert: Der Mensch hängt an Drähten
> In der Berliner Galerie ep.contemporary setzt der Maler und
> Wissenschaftler Frank Siewert Wesen auf Leinwänden, Papierbögen und
> Einkaufstüten aus.
(IMG) Bild: „Amöben bilateral I“ aus dem Jahr 2012, gezeichnet mit Tusche, Graphit und Kreide auf Bütten
Manchmal ist alles ganz leicht, speziell, wenn man bedenkt, dass ein
politischer Verführer aus ähnlichem Stoff ist wie Mikroben, Einzeller und
Erreger, nur eben mit Vernunft begabt, geschlagen und jene für sich
benutzend. Der Maler und Wissenschaftler Frank Siewert bringt sie alle auf
die Leinwand, und jetzt teilen sich „der bedeutende Agitator“ und die
„Amöben, bilateral“ zwei Ausstellungsräume in der Pohlstraße hinter der
Potsdamer, da, wo Berlin bröckelt.
Dem Agitator sitzt ein Einflüsterer im Nacken, der Werber ist also alles
andere als unabhängig. Siewert hat beide mit dunklem Strich auf Bütten
gezeichnet, sie wirken, als lägen sie in der Petrischale unter einem
Mikroskop, nicht anders als die Wechseltierchen und Erreger, denen Siewert
ein Orangerot spendiert.
Siewert geht es um das Wesenhafte, nicht um bloße Wiedergabe; der
Naturwissenschaftler ist kein Naturalist. Das Motto seiner Ausstellung
„suchen, probieren, manchmal finden“ könnte am Eingang eines Labors stehen.
Die Spuren dieser Suche sind die deutlichen von Pinsel und Feder.
## Staatsabgewandte Kunst der späten DDR-Jahre
Geboren wurde Frank Siewert 1963 in [1][Ost-Berlin]. In den 80er Jahren
lernte er die staatsabgewandte Kunst der späten DDR-Jahre kennen. Was er da
sah, nennt er nonkonformistisch, dem politische Verwertbarkeit
antäuschendem Attribut oppositionell steht er skeptisch gegenüber. Zur
Jahreswende 1984/85 stellte Siewert im Ost-Berliner Club 29, einem Ort der
Off-Kultur gegenüber dem Kino Babylon, aus. Von 1987 bis 1990 arbeitete er
mit der Künstlergruppe Echo in Freiberg. Der Künstler Siewert hat seitdem
in Paris, in Tiflis und Havanna, im Georg-Trakl-Haus in Salzburg, der
Staatsgalerie Prenzlauer Berg und im Stadt- und Bergbau-Museum Freiberg,
der Stadt, in der Siewert Materialwissenschaften und Novalis
Montanwissenschaften studierte, ausgestellt.
Nach der Jahrtausendwende traf Siewert eine Entscheidung, der er lange treu
bleiben sollte: Vor dem Hintergrund der ausladenden Leinwände der Neuen
[2][Leipziger Schule], die Siewert, ein Mensch, der seine Worte abwägt, für
stilistisch reaktionär hält, verabschiedete er sich vom Großformat.
In der aktuellen Ausstellung zeigt Siewert gleich vier wandfüllende Bilder:
„Hermetisch 1“ und „Hermetisch 3“, beide hat er vor über fünfundzwanzig
Jahren erst einmal zur Seite gestellt und jetzt abgeschlossen, der „Mensch
in den Dingen“, der auch die hermetischen Landschaften bewohnt, und der
„Kopf I“, in dem das Denken Farben und Formen annimmt.
Der Mensch bei Siewert hängt an Drähten, ist Seiltänzer oder liegt quer. Er
tritt auf als „Großer Versteher / Durchblicker“ und ist dabei geballte
Schwärze, er ist ein „Brummkopf“; das Gehirn, dieses sinnliche unter den
Organen, bewohnt die „Omme“.
## Von Konsumträgern zu Farbträgern
Seit einiger Zeit malt Siewert nicht nur auf Leinwand, sondern verwendet
Einkaufstüten. Aus den Konsumträgern werden Farbträger. Aus einem knappen
Dutzend hat er ein querformatiges Panorama erstellt, das das Siewertʼsche
Multiversum noch einmal aufblättert.
Hinter den Bildern von Dressur und Erziehung, diese Ausstellung ist nicht
harmlos, erzählt das Material noch ganz andere Geschichten. Eine der Tüten
hat Siewert aus der Fundació Antoni Tàpies mitgebracht, eine andere aus dem
Nationalen Palastmuseum in Taipeh, Taiwan, der Schatzkammer aus der
Verbotenen Stadt in Peking, von Diktator Chiang Kai-shek nach dem
chinesischen Bürgerkrieg auf die Insel geholt. Aber an den Fuß des
Tütentableaus hat Frank Siewert ein Wesen mit floralem Innenleben gesetzt.
Der „Botanicus“ empfiehlt, Zeit mitzubringen.
2 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Die-Kuenstlerzeitschrift-Entwerter/Oder/!6141518
(DIR) [2] /Judy-Lybke-ueber-40-Jahre-Kunsthandel/!5923240
## AUTOREN
(DIR) Robert Mießner
## TAGS
(DIR) Ausstellung
(DIR) Kunst
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) DDR-Dissident und Künstler Hans Ticha: Soldaten ohne Köpfe
AgitPop gegen den Autoritarismus: Eine Retrospektive des DDR-Dissidenten
und Künstlers Hans Ticha ist jetzt in Rostock und bald in Nürnberg zu
sehen.
(DIR) Ausstellung von Nicola L. in Bozen: Sonne, Mond und Körper
Nicola L. überführte den Aktivismus in die Kunst. Eine Ausstellung im
Museion widmet sich nun mit der bislang größten Retrospektive der
Avantagardistin.
(DIR) Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen“: Details, in denen man sich verlieren könnte
Das Kunstmuseum Stuttgart holt Werke des fast vergessenen Rolf Nesch hervor
und stellt sie der Gegenwartskunst von Nadira Husain und Ahmed Umar
gegenüber.