# taz.de -- Doppelausstellung in Hamburg: Wenn Farben fast die Augen sprengen
> Mit Edvard Munch und Maria Lassnig bringt die Hamburger Kunsthalle zwei
> Nicht-Zeitgenossen zusammen. Sie eint die Bearbeitung des Augen-Blicks.
(IMG) Bild: Zugewandt: „Ehepaar“ von Maria Lassnig, 2001
[1][Edvard Munch] ist seit Langem ein anerkannter Maler, da reißt im Herbst
1930 die Netzhaut seines rechten Auges ein, Blut dringt in den Glaskörper.
Munch, dessen linkes Auge bereits 1904 infolge einer Prügelei erheblich an
Sehkraft verloren hat, muss befürchten, dauerhaft zu erblinden. Und das, wo
er sich doch zeitlebens mehr als sicher war, jederzeit schwer zu erkranken,
überhaupt früh zu versterben, hatte er doch als Fünfjähriger seine Mutter
verloren und mit 14 seine ihm so wichtige Schwester Sophie.
Doch das Auge wird gesunden, es wird seine Sehfähigkeit wiedergewinnen –
und Munch malt parallel diesen existenziellen, sich über Monate
hinziehenden Heilungsprozess; malt ihn von außen betrachtend wie auch von
innen heraus: Das Ölgemälde „Sehstörung“ zeigt ein Zimmer, in dem eine
unbekleidete Gestalt vor einem erst kreisrunden, sich dann ausweitenden
bedrohlichen Farbstrudel steht, die Arme schützend vor der Brust erhoben.
Dazu kommen Aquarelle, die in ihrer Flüchtigkeit wie aus einer anderen
malerischen Welt wirken und so gar nichts mit dem vertrauten Nimbus seiner
sonst dunklen, zuweilen erdschweren, durchkomponierten Gemälde verbindet:
Skizzen für die Werkgruppe „Das versehrte Auge“ etwa, einzelne, kreiselnde
Augenkörper, blau und rot eingefasst, frei aufs Blatt getuscht.
Auch die österreichische Malerin [2][Maria Lassnig] (1919–2014) hat die
Eigenwelt des Auges immer wieder beschäftigt: Was sehe ich durch die
geschlossenen Augenlider von der Welt, und wie kann ich dasselbe mit wieder
offenen Augen darstellen? Woraus Reihen wie „Beim Sehen mit geschlossenen
Augen“ entstehen.
## Lebenslange Auseinandersetzung mit dem Körper
Nun hängen diese beiden Werkgruppen in der Hamburger Kunsthalle
nebeneinander, als ein überzeugender wie verbindender Beitrag zu der
Ausstellungsschau „Maria Lassnig und Edvard Munch: Malfluss = Lebensfluss“.
Es ist eine so leichtfüßige wie komplexe Gegenüber-Ausstellung zentraler,
aber auch neu zu entdeckender Werke der beiden Künstler, die weit mehr
verbindet als ihre heutige Prominenz: ihre lebenslange künstlerische
Auseinandersetzung mit dem Körper; dem Körper in der Kunstgeschichte – doch
vor allem mit dem eigenen, um den man sich sorgte, den man zu verstehen
suchte, der als Herkunfts- wie Austragungsort der eigenen künstlerischen
Produktion in einem gegenübertritt. Wobei Lassnig manchmal sehr konkret
wurde: Wenn sie im Liegen einen liegenden Körper malte, ging es ihr darum,
einen liegenden Körper darzustellen.
Und natürlich gibt es in der Schau einige greatest Hits des Edvard Munch:
diverse Fassungen der „Madonna“, „Mädchen am Meer“, „Mädchen auf der
Brücke“. Einige dieser Bilder werden bald nicht mehr verliehen und wohl nur
noch im Nationalmuseum in Oslo zu sehen sein.
Munch, 1944 gestorben, hat das Werk der 1919 geborenen Lassnig, die 1951
erstmalig ausstellte, natürlich nicht gekannt; Lassnig hat sich umgekehrt
in ihrem Bild „Traditionskette“ von 1983 malerisch recht eindeutig zu Munch
positioniert: in selbstbewusster Haltung hockt sie seitlich kniend vor den
Büsten von Diego Velázquez, Edvard Munch und [3][Vincent von Gogh].
Von Maria Lassnig, die sich in ihren Tagebuchnotizen stets als ‚Künstler‘
bezeichnete, um deutlich zu machen, dass für sie schon das Attribut
‚Künstlerin‘ die Vorherrschaft des Männlichen nur verfestigt, hat man wohl
selten eine so große Werkfülle gesehen. Nach ersten Selbstporträts, folgten
bald ihre „Körperbewusstseins-Zeichnungen“, auf die ihre
„Körpergefühlsbilder“ (von ihr gern KG abgekürzt) folgten: „ich nannte
meine bodyawarness zuerst paintings, zuerst ‚introspektive‘ erlebnisse,
später nannte ich sie überhaupt nicht mehr, als ich für meine knödel und
farbhaufen als ‚selbstporträts‘ behauptend, nur hohn erntete“, notierte sie
1970.
## Anerkennung aus New York
Da lebte sie seit zwei Jahren in New York, bewegte sich vornehmlich im
Umfeld von Filmemacherinnen, aber auch Körpertherapeutinnen, erhoffte sich
hier – zu Recht – den Durchbruch ihres Schaffens und die Anerkennung in
ihrem Herkunftsland: 1980 bekam sie in Wien eine Professur für Malerei, als
eine der ersten Frauen überhaupt.
Lassnig, übrigens Befürworterin des Zehn-Stunden-Schlafs, weil Punkt fünf
auf ihrer Liste für gelingende KGs: „Beste Gesundheit = beste Wahrnehmung“
steht, hat bis zuletzt kraftvoll gemalt, auch das bezeugt die Hamburger
Schau. Da ist ihr Werk „Zweifel“, das sie als alte, nackte und zweifelnde
Frau zeigt; da ist ihr ernüchterndes Bild „Krankenhaus“, da ist das
abschließende Gemälde „Vom Tode gezeichnet“ von 2011: ein schmaler, fast
ausgezehrter Kopf, die Augen geschlossen und die Nase spitz, wird von einer
Hand sehr behutsam, ja liebevoll gemalt.
22 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Frank Keil
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