# taz.de -- Dominique Hurths künstlerische Forschung: Die Gardine der Täterin
> Anhand textiler Objekte erforscht die Künstlerin Dominique Hurth
> NS-Täterinnenschaften. Der Kunstverein in Stuttgart stellt ihre
> Recherchen nun aus.
(IMG) Bild: Dominique Hurths Installation mit Vorhang verweist auf die Weberei im KZ Ravensbrück. Ansicht, Württembergischer Kunstverein
Sie haben es sich gemütlich gemacht. Das gute Porzellan steht ordentlich
sortiert in der schweren Holzanrichte. Auf der Sitzecke haben Puppen Platz
genommen, davor ist schon der Tisch fürs Essen gedeckt. Den Kissen auf der
Couch hat jemand einen Kniff verpasst. Reinlich wirkt alles, kein Fleck ist
auf dem Tischtuch.
Kleine schwarz-weiße Abzüge zeigen dieses Interieur. Darunter liegen
Farbfotografien, auf denen Sonnenlicht durch karierte Vorhänge scheint.
Aufgenommen sind sie allesamt in den ehemaligen Wohnungen von
KZ-Aufseherinnen [1][aus Ravensbrück]. Eine piefige Behaglichkeit springt
einen aus den Bildern an, die im Kontrast zu dem Ort steht, von dem sie
stammen. Ergänzt hat sie die Künstlerin Dominique Hurth, die diese
zusammengetragen hat, mit Vorhängen, in die sie – gemeinsam mit
Textilgestalterin Christina Klessmann – den Makel gleich hineingewebt hat.
Zu sehen ist die Installation, die schon von 2020 stammt, in der aktuellen
Einzelausstellung Hurths im Württembergischen Kunstverein. Als deren Titel
hat die Künstlerin ein Zitat ausgewählt: „Privathandtaschen dürfen zum
Außendienst nicht mitgetragen werden“. Entnommen ist es dem
Dienstvorschriftenkatalog von Obersturmbannführer und KZ-Lagerkommandant
Max Koegel von 1942. Speziell an das weibliche KZ-Personal richtet er sich,
Koegel hielt das offensichtlich für nötig.
Noch weitere Anweisungen aus Koegels Katalog fand Hurth so bemerkenswert,
dass sie diese abgeschrieben hat. Sie untersagen das „Blumen- oder
Beerenpflücken während der Dienstzeit“, weisen darauf hin, dass Hunde
streng gehalten, aber nicht misshandelt werden dürften und dass im Dienst
Pistole und Mütze stets zu tragen seien.
## Die gemusterten Regenschirme der Angeklagten
Dominique Hurth betreibt in ihrer Kunst eine Art Spurensuche, in deren
Fokus die Geschichte von NS-Täterinnen und -Mittäterinnen steht, vorwiegend
in Bezug auf das KZ Ravensbrück. Sie geht dabei von Objekten und
Materialien aus, und diese sind fast immer textil. Da sind die Uniformen
der KZ-Aufseherinnen und deren Entstehungsgeschichte. Oder die Vorhänge in
den KZ-Personalwohnungen. Oder die gemusterten Regenschirme, unter denen
sich die Angeklagten des dritten Majdanek-Prozesses (1975–1981) verbargen.
3.340 meist junge Frauen arbeiteten zwischen 1939 und 1945 als
Aufseherinnen in Ravensbrück. Inhaftiert waren dort rund 120.000 Frauen aus
30 Nationen. 1940 wurde das SS-eigene Unternehmen Texled (Gesellschaft für
Textil- und Lederverwertung) dorthin verlegt, wo primär Kleidungsstücke für
die Häftlinge von Konzentrationslagern, Uniformen für die SS und die
Wehrmacht an der Front sowie für das weibliche Wachpersonal des KZs
produziert wurden.
Hurths Forschungen gehen darüber hinaus. Eine der ältesten ausgestellten
Arbeiten, „Entfaltungen“ (2013) visualisiert die „Arisierung“ des jüdischen
Leinenunternehmens Grünfeld mit dem Zusammenfalten eines Taschentuchs.
Brisant, gerade in Stuttgart, [2][waren doch schwäbische Unternehmen wie
Hugo Boss oder Mercedes Benz auch in NS-Verbrechen verstrickt], worauf
Hurth in Exponaten hinweist.
## Sie habe niemals Stock oder Peitsche besessen
In der Mitte der Ausstellungsräume hat die Künstlerin eine kleine Arena für
Auszüge aus der Dokumentation von
NS-[3][Kriegsverbrecher:innenprozesse]n, in denen ehemalige
KZ-Aufseherinnen aus Ravensbrück verhört wurden, aufgebaut. Hurth zoomt
Details heraus, hat Ausschnitte aus den Fotografien aquarelliert, Aussagen
der Angeklagten auf Papierbögen gedruckt. Sie habe niemals eine Waffe oder
Pistole, Stock oder Peitsche besessen, behauptet da etwa eine. Stimmen kann
das nicht, es stünde im Widerspruch zu Koegels Anweisung.
Eine 96-minütige neue Videoarbeit zieht die Stränge zusammen, sortiert ein,
fasst zusammen. Komplex bleibt es dennoch, kaum ganz zu erfassen bei einem
Besuch. Wie auch? Hurth recherchiert schon seit Jahren zu ihrem Thema. Viel
Zeit kann man in der Ausstellung verbringen, sich festlesen auch in einer
von der Künstlerin zusammengestellten Bibliothek.
29 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Juedisches-Gedenken-im-KZ-Ravensbrueck/!6123098
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## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
## TAGS
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