# taz.de -- Austellung in Stade: Der beinahe Vergessene
       
       > Der Künstler Rolf Nesch leistete im Metalldruck revolutionär Neues und
       > verließ Hamburg um der Freiheit willen schon 1933. In Deutschland erst
       > jetzt wiederentdeckt.
       
 (IMG) Bild: 1972 entstanden die unernsten bunten Fische aus der Serie „Hommage à Picasso“: Rolf Nesch (unten) irgendwann in den 1920er-Jahren
       
       Über die Brille hinweg, was den Augen etwas verdüstert Tiefliegendes gibt,
       und mit genialischer Stirnlocke schaut Rolf Nesch 1922 aus dem Bild – nur
       die heutigen Betrachter wissen, dass er noch so einiges erleben wird. Als
       Erstes grüßt sogleich neben einem leicht gezeichneten, freundlichen
       Seehundkopf ein Selbstporträt des Künstlers am Ende der ersten Treppe –
       fast schon eine Tradition in den monografischen Ausstellungen im alten
       Fachwerkbau des Kunsthauses am historischen Stader Stadthafen. Hier wird
       bis Ende Juni vor allem anhand der werkbestimmenden Druckgrafik eine
       Wiederentdeckung probiert.
       
       ## Revolutionär Neues
       
       Der 1893 in Oberesslingen bei Stuttgart geborene, 1975 in Oslo gestorbene
       Künstler, der besonders im Metalldruck revolutionär Neues leistete, ist
       außerhalb Norwegens etwas in Vergessenheit geraten. Dabei hat Emil Rudolf
       Nesch, üblicherweise Rolf genannt, besonders mit Hamburg viel zu tun.
       Schüler von Oscar Kokoschka in Dresden und Gaststudent bei Ernst Ludwig
       Kirchner in Frauenkirch bei Davos, lebte Nesch seit 1929 in Hamburg und war
       Mitglied der Künstlergruppe „Hamburgische Sezession“.
       
       Max Sauerlandt, Kunsthistoriker und Leiter des Museums für Kunst und
       Gewerbe, vermittelte ihm den Auftrag, zum 80. Geburtstag von Karl Muck eine
       Radierungsserie über den berühmten Dirigenten und das Orchester zu machen.
       Damit und mit den Serien „St. Pauli“ und „Hamburger Brücken“ wurde der
       Schwabe nach seinen Stationen in Dresden und Berlin in der Hansestadt
       bekannt und beliebt. In Petersburger Hängung füllen die Arbeiten dieser
       Zeit nun das Treppenhaus in Stade.
       
       Doch solche umwerfend leicht stilisierten, oft schwungvoll abstrahierten
       Bilder wurden schon 1933 aus den Ausstellungen entfernt. Kunst und Künstler
       gerieten massiv unter Druck. Die Sezession löste sich, den Repressalien
       zuvorkommend, selbst auf. Rolf Nesch suchte über die neue Kunstpolitik das
       Gespräch mit dem frisch gekürten Nazi-Bürgermeister von Hamburg, Carl
       Vincent Krogmann.
       
       Denn der war für ihn etwas Besonderes: Kriegskamerad aus dem Ersten
       Weltkrieg, Freund und Saufkumpan, mäzenatischer Förderer, Initiator eines
       Kreises, der Nesch ein Monatssalär spendierte und wichtigster Sammler mit
       rund 300 Arbeiten – die werden allerdings 1943 bei einem Bombenangriff
       verbrennen. Doch Karrierist Krogmann war der nunmehr als „entartet“
       geltende Künstler – zumindest außerhalb geschlossener Türen – nur noch
       peinlich. Er setzte sich nicht für die Kunst ein, ging mit dem neuen
       rechten Sturm. Und Rolf Nesch ging nach Norwegen. Das zu einer Zeit, als
       Künstler wie Franz Radziwill oder Emil Nolde bei der NS-Partei noch
       Vorteile suchten für den Aufbau einer neuen „nordisch-arischen“ Kunst.
       
       Trotz aller Schwierigkeiten im neuen Land erreichte Neschs Kunst in
       Norwegen teils eine matissehafte Leichtigkeit, besonders in der reduzierten
       Darstellung der neuen Landschaft. Aber angesichts des Krieges fand er auch
       zu expressiven, starkfarbigen Formulierungen. Der nichtjüdische Künstler,
       der um der Freiheit willen schon im Oktober 1933 Deutschland verließ, was
       mag er gefühlt haben, als das Reich ihn einholte? 1940 wurde Norwegen
       besetzt. Die Lage eines deutschen Exilkünstlers wurde in jede Richtung
       kompliziert. Als er 1943 zur Wehrmacht einberufen wurde, warf er sich in
       Oslo vor die Straßenbahn – und überlebte mit einer leichten linksseitigen
       Lähmung. Er musste nicht Soldat werden, hatte aber den Rest des Lebens bis
       1975 mit Schwierigkeiten bei der Arbeit zu kämpfen.
       
       Faszinierend sind vor allen die späten Drucke. 1946 wird Rolf Nesch endlich
       Norweger. Er macht objektcollagenhafte Materialbilder, eines aus Marmor und
       Porzellan, Glas, Nägeln und Drahtgeflecht ist hier zu sehen. Und er
       beherrscht den Metalldruck perfekt. Zwei gezeigte Druckplatten dienen als
       Beispiel.
       
       ## Fantasiemonster
       
       Dadurch, dass Nesch die Platte nicht nur einkratzt und abschabt, sondern
       ihr auch etwas auflötet oder anderweitig hinzufügt, kombiniert er die
       traditionell getrennten Verfahren Tief-, Hoch- und Prägedruck zu neuer
       Meisterschaft. Das Papier nimmt dabei schrundige, fast reliefhafte Formen
       an, die durch die starke Farbigkeit meist besänftigt werden. Neben
       Fantasiemonstern und Figuren der nordischen Sage werden auch die sehr
       einfachen Strichformen früher norwegischer Felsritzungen verarbeitet. Und
       alle Techniken kommen zusammen in den großen Friesen.
       
       Sechsteilig ist der Druck „Schlachten von Rentieren“: Drei Blätter in
       grünem Ton zeigen die Dynamik der freien Herde. Dann beugt sich ein blau
       gekleideter Mensch über ein Tier, und die letzen beiden Blätter füllen sich
       hinter der Zeichnung mit Rot. Doch derartig dramatische Szenen sind selten
       – zumindest in dieser Ausstellung der 130 Arbeiten aus der Hamburger
       Privatsammlung von Klaus Friedrich Meyer.
       
       Der Kreuzritter, der Gardeoffizier und der Preisochse, in gleichem Format,
       aber mit 13 Jahren Differenz erstellt, hängen hier einträchtig
       nebeneinander. Aber das dürfte eher eine Interpretation der Kuratorin Ina
       Hildburg sein als ein beabsichtigtes politisches Statement des Künstlers,
       doch es funktioniert ganz prächtig. Denn sonst bleibt diese Kunst meistens
       freundlich. Am Ende stellte der Künstler mit einer so bewegten Geschichte
       unernste bunte Fische her und heimste dafür Anerkennung ein. Solche Kunst
       schien der theorieorientierten und politisierten neuen Kunst der
       Nachkriegsgeneration der späten Sechziger zu altersweise und zu dekorativ.
       
       1958 erhält er den Alfred-Lichtwark-Preis, Hamburgs wichtigsten Kunstpreis.
       1962 wird er Ehrenmitglied der Hamburger Akademie der Künste. Und trotz
       Ehrungen und der Teilnahme an der Documenta I bis III oder an der
       Venedig-Biennale 1962 wurde der Künstler langsam vergessen. Jetzt ist Rolf
       Nesch anhand dieser erstmals öffentlich gezeigten Hamburger Sammlung
       wiederzuentdecken – vor allem als Meister des Metalldrucks. Und das nicht
       nur in Stade.
       
       Bei der April-Auktion von Ketterer in München erzielt das Blatt
       „Hafenbrücke“ nach einem Aufruf von nur 5.600 Euro völlig unerwartet einen
       tatsächlichen Erlös von 165.000 Euro. Und das Porträt des Hamburger
       Richters, Kunstsammlers, Mäzens und Kunstkritikers Gustav Schiefler war
       einem norwegischen Sammler 25.000 Euro wert – 30-mal mehr als der
       angesetzte Preis.
       
       ## Rolf Nesch – Ein stiller Revolutionär. Die Sammlung Klaus Friedrich
       Meyer, Hamburg: bis zum 30. Juni im Kunsthaus Stade, Wasser West 7
       
       25 Apr 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hajo Schiff
       
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