# taz.de -- Film „Wuthering Heights“: Sturm ohne Fallhöhe
> Emerald Fennells Verfilmung von Emily Brontës „Wuthering Heights“
> verspricht im Gothic-Trend tragische Liebe – und eine moderne,
> feministische Perspektive.
(IMG) Bild: Sturm auf allen Kanälen: Catherine Earnshaw (Margot Robbie) und Heathcliff (Jacob Elordi) in „Wuthering Heights“
Findet ein literarischer Klassiker seinen Weg auf die Leinwand, drängt sich
unweigerlich die Frage auf, warum man sich gerade jetzt wieder seiner
besinnt. Es ist ein Gedanke, der sich natürlich auch angesichts von
[1][Emerald Fennells] neuem Film „Wuthering Heights“ einstellt.
Im Falle von Emily Brontës einzigem Roman (Deutsch: „Sturmhöhe“) lässt die
bloße Tatsache seiner erneuten Verfilmung zunächst allerdings kaum
Rückschlüsse auf den Zeitgeist zu. Immerhin hat jedes Jahrzehnt seit der
Frühphase des Films zumindest eine, meist gar mehrere Kino- und
TV-Adaptionen des erstmals 1847 erschienenen Werks erlebt.
Interessanteres eröffnet sich, wenn man „Wuthering Heights“ als „Gothic
Novel“ begreift und sich vergegenwärtigt, wie viele Klassiker dieses Genres
derzeit neu interpretiert werden – von [2][Robert Eggers’ „Nosferatu“] bis
[3][Guillermo del Toros „Frankenstein“]. Gerne wird diese Häufung damit
erklärt, dass Horrorfilme in Krisenzeiten an Konjunktur gewinnen, da das
Genre als Resonanzraum kollektiver Ängste fungiert.
## Sehnsucht nach dem Anderen
Doch womöglich greift diese Lesart im Kontext der „Gothic Novel“ allein zu
kurz. Vielleicht spiegeln die Schauerliteratur und ihre filmischen
Umsetzungen [4][nicht nur die Furcht, sondern ebenso die Sehnsüchte ihrer
Zeit]. Sieht man hinter die Schauerfassade von „Nosferatu“, „Frankenstein“
oder „Wuthering Heights“, offenbaren sich Geschichten von beinahe
mythischer Schwere.
Allesamt sind sie durchzogen von Tragik, gewiss, doch von einer Tragik, die
Bedeutung in sich trägt: Unter der Maske des Grauens verbirgt sich
letztlich eben auch die Liebe – eingebettet in Erzählungen, die in einer
Gegenwart digitaler Dauerbeschallung, in der vieles im Modus des
Oberflächlichen verharrt, noch existenzielles Gewicht versprechen.
Auffällig ist dabei, wie sehr Filme wie „Nosferatu“ und „Frankenstein“ –
obgleich sie die Namen ihrer männlichen Titelgestalten tragen – ihre
emotionale Schwerkraft aus den Taten der weiblichen Figuren beziehen. Es
sind Frauen, die sich isoliert wissen, sich in ihrer Umgebung fremd fühlen,
deren Wunsch nach einem anderen Leben sie an den Rand der
gesellschaftlichen Norm rückt – bis sie der Kreatur begegnen und in deren
Einsamkeit ein Echo der eigenen Entfremdung erkennen.
„Wuthering Heights“ kennt keine Kreatur im eigentlichen Sinne und doch ist
die Konstellation verwandt: Auch hier richtet sich das Begehren auf eine
Figur, der gesellschaftliche Akzeptanz versagt bleibt. Die Liebe von
Catherine, die dem niedrigen englischen Landadel angehört, zu Heathcliff,
der einst als Findelkind zur Familie stieß, überschreitet die Grenzen von
Stand und Herkunft.
## Der verheißene Bruch
Die Nähe der Frauen zum Anderen aber bleibt nicht folgenlos, endet gar in
ihrem Tod. Freilich lässt sich das nach modernen Maßstäben leicht als
„toxisch“ beschreiben – und im Falle von „Wuthering Heights“ trifft das im
späteren Verlauf auch eindeutig zu. Wenn nun aber ausgerechnet Emerald
Fennell diesen Stoff für unsere Gegenwart neu interpretiert, schwingt darin
beinahe zwangsläufig die Verheißung einer Neuakzentuierung mit.
Schließlich ist die britische Filmemacherin mit ihrem Spielfilmdebüt
[5][„Promising Young Woman“ (2020), einem Rachethriller über eine junge
Frau, die Jagd auf sexuell übergriffige Männer macht], schlagartig zu
internationaler Bekanntheit gelangt. Und damit mit einem Werk, das sich
rückblickend als das prägendste der [6][#MeToo-Ära] begreifen lässt.
Auch von „Wuthering Heights“ könnte man da, wenn nicht schon den Bruch mit
dem romantisierten Frauenopfer, dann zumindest eine zweite Ebene erwarten.
## Ein Haus unter Vorzeichen
Der Auftakt legt eine solche Lesart noch nahe. Catherine wird als Kind
(Charlotte Mellington) eingeführt, das einer Hinrichtung beiwohnt – ihre
sichtliche Verstörung über den Anblick wird von der Haushälterin mit einem
beiläufigen „Männer machen eben grausame Dinge“ quittiert, als sei derlei
Gewalt keine Abweichung, sondern Grundrauschen dieser Welt.
Sowieso werden die „Wuthering Heights“ von allerlei Misogynie umweht: Der
Vater, Mr Earnshaw (Martin Clunes), fühlt sich vom „Geschnatter der Weiber“
belästigt, wo es doch die Frauen sind, die das Gut am Laufen halten,
während der Hausherr nicht nur den eigenen Verstand, sondern auch den
Familienbesitz versäuft.
Beinahe ließe sich von einem seltenen Akt der Güte sprechen, als er eines
Tages dann Heathcliff (Owen Cooper) mitbringt, der zuvor auf offener Straße
misshandelt wurde – wäre es nicht wiederum an den Frauen, sich seiner
anzunehmen und weiter mit den ohnehin knappen Mitteln zu haushalten, die
durch Earnshaws Spielsucht weiter schwinden.
## Feminismus nach „Bridgerton“-Art
In wenigen Skizzen zeichnet Emerald Fennell das enge Band nach, das
zwischen Catherine und Heathcliff trotz des Machtgefälles erwächst. Selbst
dann wird es noch von kindlicher Unbefangenheit getragen, als Catherine und
Heathcliff, nun verkörpert von Margot Robbie und Jacob Elordi, längst
erwachsen sind.
Die erste klare Umdeutung ihres Verhältnisses vollzieht sich umso
unvermittelter, als Catherine zwei Hausangestellte beim sexuellen
Dominanzspiel beobachtet. Das Gesehene leitet nicht nur ihr eigenes
sexuelles Erwachen ein, sondern lässt auch die beinahe geschwisterliche
Nähe zu Heathcliff in ein körperliches Begehren kippen.
Als er sie in diesem voyeuristischen Moment ertappt, sich auf sie legt und
ihr erst die Hand auf den Mund, dann „schützend“ über die Augen legt,
offenbart sich aber zusätzlich auch die Akzentverschiebung, die Emerald
Fennell tatsächlich mit ihrer Adaption vornimmt. Und die hat mehr mit dem
„Feminismus“ der gerne als progressiv bezeichneten [7][Historienschmonzette
„Bridgerton“] zu tun als mit der wohltuenden Wut ihres Erstlings.
Anders ausgedrückt: Frauen dürfen bisweilen masturbieren oder ein Buch
lesen, bleiben aber in der patriarchalen Logik ihrer Zeit gefangen, müssen
vor allem eine lukrative Partie machen und Mutter sein.
Der „Sturmhöhe“-Text setzt sich unverändert fort: Catherine heiratet aus
finanzieller Not den wohlhabenden Nachbarn Edgar Linton (Shazad Latif),
während Heathcliff zunächst wutentbrannt von dannen zieht, um wenige Jahre
später als vermögender Mann zurückzukehren.
## Reizarme Erotik
Mit dieser Heimkehr verändert sich der Ton ihrer Beziehung erneut, wird zu
Missgunst und schließlich zur leidenschaftlichen Obsession. Fennell
fokussiert sich auf ausgiebige Sex-Montagen, um davon zu erzählen – auf
windumtosten Klippen, in samtener Kutsche und auf der heimischen
Küchentafel.
Schlechterdings jedoch erweist sich die Erotik in „Wuthering Heights“ nicht
nur als ziellos, sondern vor allem als bemerkenswert reizarm: Zwischen
Margot Robbie und Jacob Elordi entsteht kaum spürbare Chemie, zumal ihre
Figuren sich zunehmend in ihrer Kaltherzigkeit einrichten, sodass jede
Regung von Empathie im Keim erstickt.
Stärker noch als Catherine ist es Heathcliff, dessen gekränkte Gefühle
rasch in Grausamkeit umschlagen: Als sie die Liaison endgültig beendet,
heiratet er aus Rache Isabella (Alison Oliver), das Mündel von Catherines
Ehemann, demütigt sie und legt sie gar in Ketten. Der Film beobachtet diese
Gewalt auffallend unkritisch, beinahe berauscht von seinen eigenen Bildern.
## Eine zeitgeistige Adaption?
Mehr als auf interpretatorischer Ebene aber vermag „Wuthering Heights“ auf
visueller zu überzeugen: Ein modern kuratierter Soundtrack, der mehrere
Tracks von Charlie XCX integriert, trifft auf Kostüme, die weniger an ein
klassisches Historiendrama erinnern als an Madonnas „Erotica“-Ära. Doch die
Moral bleibt dieselbe: Die Frau stirbt – gleichgültig, ob sie sich den
Konventionen widersetzt oder ihnen schließlich doch beugt.
Interessant ist „Wuthering Heights“ letztlich weder als feministische
Neuinterpretation, als Träger jener existenziellen Schwere der
Gothic-Literatur, noch irgendwo im Dazwischen. Zurück bleibt ein Film von
beträchtlicher Oberflächenwirkung – schön anzusehen, doch schal. Zynisch
könnte man sagen: Es ist eben doch eine überaus zeitgeistige Adaption.
11 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
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