# taz.de -- Film „The Education of Jane Cumming“: Frauen vor dem Fall
       
       > In „The Education of Jane Cumming“ rekonstruiert Sophie Heldman die
       > Vorgeschichte eines Verleumdungsprozesses. All das wird empathisch
       > erzählt.
       
 (IMG) Bild: Flora Nicholson, Mia Tharia und Clare Dunne in „The Education of Jane Cumming“
       
       Eine Kutsche rumpelt durch das schottische Umland. Lady Cumming Gordon
       (Fiona Shaw), eine Dame mit unbewegter Miene, bringt im Jahr 1810 drei
       Mädchen in eine Privatschule nahe Edinburgh. Zwei von ihnen sind ihre
       Enkelinnen. Die dritte, Jane (Mia Tharia), ist es auch – ihr aber begegnet
       man anders. Denn sie ist ein uneheliches, dazu kein weißes Kind. Ihr
       verstorbener Vater zeugte sie während seiner Tätigkeit für die
       Ostindienkompanie, mit einer Frau aus Kalkutta. Sein letzter Wunsch:
       Bildung für das Kind.
       
       Über subtile Verschiebungen im Tonfall und kleine Gesten der Distanz, wie
       sie das fein beobachtende Historiendrama „The Education of Jane Cumming“
       durchziehen, lässt sich schnell erahnen, wie sehr Janes bisheriges Leben
       von Ausgrenzung geprägt war. Entsprechend vorsichtig bewegt sich die
       15-Jährige durch die neue Umgebung.
       
       Doch Jane hat Glück, denn die Schule ist kein Ort dumpfer Konvention.
       Geleitet wird sie von Jane Pirie (Flora Nicholson) und Marianne Woods
       (Clare Dunne), zwei Frauen, die ihrer Zeit voraus sind. Sie bringen den
       höheren Töchtern Mathematik und Griechisch bei, nicht nur Tanz und
       Konversation. Vor allem aber nehmen sie ihre Schülerinnen ernst, begegnen
       ihnen mit Empathie statt bloßer Strenge.
       
       Als sie auf Wunsch der Großmutter den Sommer mit Jane an der Küste
       verbringen, gelingt es ihnen sogar, einen Zugang zu ihr zu finden. In der
       Weite der Landschaft zeigt sich außerdem zunehmend, dass zwischen den
       beiden Lehrerinnen eine Vertrautheit liegt, die über das Kollegiale
       hinausgeht. Flora Nicholson und Clare Dunne spielen diese Nähe mit feinen
       Nuancen, und deuten ihre Verbindung nur über minimal zu lang gehaltene
       Blicke und kaum merkliches Innehalten im Gespräch an.
       
       ## Emanzipation von gesellschaftlichen Konventionen
       
       Bis weit in die zweite Spielhälfte hinein könnte man meinen, „The Education
       of Jane Cumming“ sei ein zartes Coming-of-Age-Drama über die leise Chance
       auf Emanzipation von gesellschaftlichen Konventionen – wüsste man nicht,
       dass der Film auf einem realen Verleumdungsprozess basiert. Denn Jane wird
       gegen ihre beiden Lehrerinnen, die sie bewundert und deren Nähe sie
       zunehmend sucht, schwere Anschuldigungen erheben.
       
       Gegenüber ihrer Großmutter wird sie nicht nur behaupten, dass die beiden
       Lehrerinnen eine intime Beziehung unterhalten, sondern auch dass sie diese
       im Schlafsaal der Schülerinnen ausgelebt hätten. Für die beiden Frauen ist
       damit ihre Existenz bedroht. Eltern nehmen ihre Töchter von der Schule –
       bis kein Mädchen mehr übrig ist.
       
       Der Fall wurde bereits vielfach rezipiert, hat etwa das Theaterstück „The
       Children’s Hour“ (1934) von [1][Lillian Hellman] und später die Verfilmung
       „Infam“ (1961) mit Audrey Hepburn und Shirley MacLaine inspiriert.
       [2][Regisseurin Sophie Heldman], die gemeinsam mit Nicholson auch das
       Drehbuch verfasste, bleibt jedoch näher an der historischen Konstellation.
       Der Prozess, den die beiden Lehrerinnen gegen Janes Großmutter führen –
       dessen Akten ein Jahrhundert lang unter Verschluss bleiben sollten, um „die
       Gedanken von Frauen und Mädchen nicht zu verunreinigen“ –, bleibt im Film
       aber ausgespart.
       
       Sophie Heldman richtet den Blick lieber auf das, was keine Prozessakte zu
       fassen vermag, und imaginiert nicht nur, wer diese Frauen gewesen sein
       könnten, sondern auch wie aus persönlichen Verletzungen und
       gesellschaftlichem Druck ein Konflikt erwuchs, der sie einander als
       Gegnerinnen gegenübertreten ließ.
       
       Das alles ist mit bemerkenswerter Empathie erzählt: „The Education of Jane
       Cumming“ urteilt nicht vorschnell, sondern zeichnet ein präzises Drama
       darüber, wie das Unheil bisweilen seinen Lauf nimmt – und entfaltet gerade
       durch sein genaues Gespür für Zwischentöne eine nachhaltige Wirkung.
       
       20 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nina-Hoss-erstmals-an-der-Schaubuehne/!5050432
 (DIR) [2] /Schauspieler-Bruno-Ganz/!5134460
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arabella Wintermayr
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Berlinale
 (DIR) Schule
 (DIR) Historienfilm
 (DIR) Gerichtsprozess
 (DIR) Drama
 (DIR) Empathie
 (DIR) Romanverfilmung
 (DIR) Kino
 (DIR) Schaubühne
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Film „Wuthering Heights“: Sturm ohne Fallhöhe
       
       Emerald Fennells Verfilmung von Emily Brontës „Wuthering Heights“
       verspricht im Gothic-Trend tragische Liebe – und eine moderne,
       feministische Perspektive.
       
 (DIR) Kinofilm über eine lesbische Liebe: Wahrhaftige Heldinnen
       
       Eine Malerin fährt für einen Auftrag auf eine Insel und entdeckt ihr
       Begehren neu: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Céline Sciamma.
       
 (DIR) Nina Hoss erstmals an der Schaubühne: Einsam an der Spitze
       
       Thomas Ostermeier inszeniert Lillian Hellmans vergessenes Stück „Die
       kleinen Füchse“. Es ist die erste Rolle für Nina Hoss an der Schaubühne.