# taz.de -- Glückliches Einkaufen in Berlin: Sommer, Sonne, Sonnenblumenöl
> In Neukölln hat die vierte Azzam-Supermarktfiliale für arabische und
> türkische Lebensmittel eröffnet. Nicht ohne Grund ist viel los im
> Geschäft.
(IMG) Bild: Datteln aus aller Damen und Herren Länder: Im Azzam Supermarkt in Neukölln
Schon aus hundert Metern Entfernung ist leicht zu erkennen, dass an der
Sonnenallee hinter der Hatun-Sürücü-Brücke an diesem Samstag etwas anders
ist: Vor einem Gebäude blockieren zahlreiche Autos die Straße. Zwei
Polizisten wedeln expressiv mit den Armen und verwickeln Menschen hinterm
Steuer bei heruntergekurbelten Scheiben in Gespräche, um sie zur
Weiterfahrt zu bewegen, weil im Parkhaus kein Platz mehr sei.
Der Berliner Winter ist seinen Schneematsch gerade erst losgeworden,
zurückbleien aufgetauter Dreck und Resignation. Unter den Schuhen knirscht
der Split, der Himmel hängt tief, die Kälte kriecht in die Ärmel. Die
Eröffnung des vierten und größten arabisch-türkischen Azzam-Supermarktes
nach Filialen in Spandau, Mitte und einem weiteren nahe dem Hermannplatz
ist bereits zwei Wochen her. Doch noch immer drängen sich Menschen vor dem
mit goldenen Ballons geschmückten Haus, als sei der Sommer zurück.
Es ist, als würde man eine Art Bienenstock betreten. Im Eingangsbereich
stapeln sich Kinderwägen in mehreren Lagen, dahinter quetschen sich Rentner
an Foodies vorbei, Großfamilien und Menschen, die aussehen, als seien sie
nur „mal kurz gucken“ gegangen und seit Stunden nicht mehr herausgekommen.
Die Kälte fällt ab wie ein kratziger Mantel. Menschen sprechen miteinander.
Sie bleiben stehen. Hier geht es nicht um Schnäppchenjagd, sondern um
Auswahl. Und um etwas, das man in deutschen Supermärkten selten kauft:
Zeit.
Überall Verkäufer, die keine Verkäufer sind, sondern beratende Erzähler.
Man kann, selbst ohne arabisch oder türkisch zu sprechen, problemlos über
die metaphysischen Einsatzmöglichkeiten von [1][Zitronensaft] diskutieren:
ans Fleisch, über den Salat, auf die Seele. Bei der [2][Lammschulter] gibt
es mindestens fünf konkurrierende Wahrheiten, alle einleuchtend.
An der Käsetheke erklärt mir ein Mann, der halb so alt ist wie ich, mit
väterlicher Geduld, wie man das Salz aus dem Käse bekommt – durch Wässern.
Und eine ältere Kundin mit klirrendem Goldschmuck an beiden Handgelenken
mischt sich ein, als habe sie nur darauf gewartet. Ja, sagt sie, aber nicht
kalt. Lauwarm. Ganz wichtig. Sie lächelt wissend und für einen Moment fühlt
sich der Supermarkt an, als würde die Sonne scheinen.
Und weiter geht's, während sich der Wagen füllt: Allein das
[3][Dattelregal] ist circa vier Meter lang. Vier Meter Weltgeschichte.
Datteln in allen Größen, Formen, Weichheitsgraden, Preisklassen, aus
Marokko, Tunesien, Jordanien, Saudi-Arabien. Dasselbe gilt für
Sonnenblumenöl. So viel Sonnenblumenöl. Ist das nicht beruhigend in Zeiten
globaler Nervosität?
Das Gemüse ist eine bunte Sensation: winzige Auberginen und Zucchini, die
können nur knackig sein. Oliven, Bäckertheke mit tausend Sorten duftendem
Fladenbrot, Granatäpfel, so süß wie eine Liebeserklärung. Kräuter, die
aussehen, als seien sie gerade erst geschnitten. Preise ungefähr Aldi,
Qualität eher Paralleluniversum. Manches regional, manches bio, alles
überzeugend.
Die Krönung ist nach dem Anstehen in einer gefühlten
Fünftausendmeterschlange das angeschlossene Frühstückslokal. Das arabische
Frühstück würde jeden Brunchanbieter in Prenzlauer Berg in eine
existentielle Krise stürzen. Ich sitze, esse, staune – und werde immer
glücklicher.
So glücklich, dass ich meinen Rucksack dort vergesse, unter anderem mit
Geldbeutel und neuem MacBook darin. Ich merke es tiefenentspannte 24
Stunden später, komme kleinlaut zurück – und bekomme alles umstandslos und
mit großer Freundlichkeit ausgehändigt. Draußen ist Berlin noch immer
hässlich und grau. Drinnen hat jemand auf meine Sachen aufgepasst.
16 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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