# taz.de -- Indie-Band Engin: „Mit Türkisch kann man sehr gut große Gefühle ausdrücken“
> Engin Devekiran, Frontmann der Band Engin, hat sich lange vor der
> türkischen Seite in sich verkrochen. Ein Gespräch über Entfremdung und
> neu entdeckte Liebe.
(IMG) Bild: „Unsere Musik funktioniert nicht, wenn man nicht an Vielfalt glaubt“, sagt Engin Devekiran
taz: Herr Devekiran, im Titelsong des neuen Albums Ihrer Band Engin singen
Sie: [1][„Almanya, bitte, bitte geh in Therapie.“]
Engin Devekiran: Ja, das tue ich.
taz: Nun haben Sie einen Master in Psychologie, Sie sind also Experte. Was
ist denn Ihre Diagnose? Woran krankt Deutschland?
Devekiran: Eine Diagnose, muss ich zugeben, habe ich noch nicht gestellt.
Mir geht es darum, einen Prozess anzustoßen. Ich will wegkommen von dieser
allgemeinen Miesepetrigkeit, die auf alles draufhaut, was ihr nicht passt,
aber nix verändern will – und stattdessen lieber Resilienz und Positivität
finden. Ich kenne das Gefühl ja selbst sehr gut, der Song ist entstanden
nach einer Phase mit zu viel Social-Media- und Nachrichtenkonsum.
taz: In dem Song bescheinigen Sie diesem Land „Frust, Wut, Angst zwischen
Çay und Champagner“. Hat Almanya zu viel Angst?
Devekiran: Ja, in Deutschland – und nicht nur da – greift eine Angst vor
der Zukunft um sich – und zu viele reagieren darauf mit populistischen
Ideen und Gedanken. Wenn ich da nicht Selbstfürsorge betreiben und mich
davon abgrenzen würde, könnte ich auch verzweifeln. Aber das ist ja genau
das Ziel von populistischen Strömungen, dass Lethargie erzeugt wird, dass
das Gefühl aufkommt: Da kann man ja eh nichts machen.
taz: Was hilft Ihnen, rauszukommen aus diesem Gefühl?
Devekiran: Dazu brauchen wir nur ein Konzert zu spielen. Dann sehe ich ein
sehr vielfältiges Publikum, das multikulturell ist und altersmäßig divers –
und zusammen einen tollen Abend verbringt. Wenn die Menschen
zusammenkommen, dann verstehen sie sich auch gut. Aber wenn jeder in seiner
Bubble bleibt und es sich in seinen Gewissheiten bequem macht, dann kommt
man leicht auf blöde Gedanken.
taz: Wer genau kommt denn zu den Konzerten von Engin?
Devekiran: Das ist eine bunte Mischung, aber es gibt natürlich ganz viel
Deutsche mit türkischen Wurzeln. Junge Deutschtürken, die schon in der
vierten Generation hier sind. Die bringen auch ihre größeren Geschwister
oder Eltern mit und teilweise die Großeltern. Bei uns vor der Bühne stehen
aber auch Leute, die frisch aus der Türkei nach Deutschland gekommen und
noch mal ganz anders sozialisiert sind als die Deutschtürken. Man könnte
sagen, wir haben ein deutsches, europäisch denkendes Publikum, das
teilweise türkische Wurzeln hat, und kosmopolitisch unterwegs ist.
taz: Sind Engin eine politische Band?
Devekiran: Tagespolitik ist nicht unser Thema. Aber die politische Haltung
steckt in der Sache, allein durch unsere Existenz stehen wir für etwas.
Unsere Musik funktioniert nicht, wenn man nicht an demokratische Grundwerte
und an Vielfalt glaubt. Und wenn das schon bedeutet, politisch zu sein,
dann ist es halt politisch. Die Populisten lehnen alle Einflüsse von außen
ab und flüchten in eine völkische Idee von Deutschsein. Dem stehen wir
diametral gegenüber. Wir sagen: Eine deutsch-türkische Identität ist auch
deutsch. Aber eigentlich stehen wir bloß für ganz basale demokratische
Grundwerte.
taz: Bekommen Sie oft Ärger mit den üblichen rechtsnationalen Trolls?
Devekiran: Nicht oft, weil wir Facebook meiden. Einmal bekamen wir einen
Shitstorm nach einem Fernsehbeitrag. Das ging dann bis zu: Der kommt auch
noch weg. So richtig krasse Sachen.
taz: Macht Ihnen das Angst?
Devekiran: Nein. Für mich, der mit seinen blauen Augen und blonden Haaren
selten offensichtlichen Alltagsrassismus erlebt, ist es aber auch noch
einfacher. Meine Cousinen machen ganz andere Erfahrungen. Ich finde, es ist
noch zu früh, um Angst zu haben, es ist eher die Zeit, aktiv zu sein.
taz: Werden Engin wahrgenommen als Stimme der deutsch-türkischen
Minderheit?
Devekiran: Wir sind eine Stimme, die ihren Platz hat neben anderen
deutsch-türkischen Stimmen, die aber vor allem aus dem Rap und dem
Urban-Pop kommen.
taz: Da stellt sich die Frage: Warum sind Sie nicht Rapper geworden?
Devekiran: Weil ich Gitarre zu sehr liebe. Rap war in Bretten bei
Karlsruhe, wo ich aufgewachsen bin, kein so großes Thema wie beispielsweise
in Berlin. Ich mochte Wu-Tang-Clan oder die Beastie Boys, aber der deutsche
Straßenrap, der damals groß war, Sido, Bushido oder Die Atzen, der war mir
zu frauenfeindlich. Ich bin mit Rockmusik groß geworden, mit The Smiths,
Arctic Monkeys, The National, ich war ein Indie-Boy und ein Bücherwurm –
und habe dann als klassischer Singer-Songwriter meine Musikkarriere
begonnen.
taz: Die türkischen Einflüsse, die man heute so deutlich heraushört, gab es
damals noch nicht in der Musik von Engin?
Devekiran: Kein bisschen. Ich habe erst sehr spät gemerkt, dass es da einen
Teil meiner Identität gibt, dem ich gar keine Beachtung geschenkt habe. Die
Frage kam seltsamerweise auch nicht im Psychologie-Studium auf, sondern
erst, als ich angefangen habe, an der Pop-Akademie in Mannheim zu
studieren.
taz: Warum dort?
Devekiran: Der damalige Leiter hat uns zu Beginn gesagt, ihr habt zwei
Möglichkeiten: Entweder seid ihr radikal ihr selbst mit all euren Fehlern
und allem, was zu euch dazugehört – dann müsst ihr auch nicht perfekt sein.
Oder ihr strebt ein perfektes Pop-Produkt an, aber das ist der schwierigere
Weg. Von da an hat sie in mir geschwungen, in mir gegärt, diese Frage: Wer
bin ich denn? Ich habe mich also bloß für den richtigen Weg entschieden.
taz: Interessant, dass Sie erst so spät angefangen haben, sich mit Ihrer
türkischen Identität zu beschäftigen.
Devekiran: Die einzigen Berührungspunkte zu türkischer Kultur waren mein
Vater und die engere Verwandtschaft. Es gibt zwar eine türkische Community
in Bretten, aber in die waren wir nicht eingebunden. Als kleines Kind war
ich noch zweisprachig, aber irgendwann ist dann bei uns im Alltag nur noch
Deutsch gesprochen worden – auch mein Vater spricht ein astreines Badisch.
taz: Sie hatten Türkisch verlernt?
Devekiran: Mein Türkisch wurde dermaßen schlecht, dass ich mich als
Jugendlicher geschämt habe, wenn wir im Sommerurlaub zwei Wochen in
Istanbul bei den Verwandten waren. Mit 15, 16 Jahren bin ich dann lieber
erst gar nicht mehr mitgefahren. Es gab eine innere Entfremdung, ich habe
mich regelrecht verkrochen vor der türkischen Seite mir. Die Liebe zur
türkischen Sprache habe ich erst durch die Musik wiederentdeckt.
taz: Könnte man sagen, Sie haben diesen klassischen Konflikt, zwischen zwei
Kulturen aufzuwachsen, als Jugendlicher einfach weggeschoben?
Devekiran: Ja, genau. Ich wurde damit auch wenig konfrontiert, weil ich
eben nicht typisch aussehe. Erst beim Namen stutzen alle. Du bist Türke,
das sieht man dir ja gar nicht an – das habe ich schon Tausende Male
gehört.
taz: Wie reagieren Sie dann?
Devekiran: Ich frage zurück, zumindest in Gedanken: Wie sieht ein Türke
denn für dich aus? Genau das passiert mir auch in der Türkei. Die sind dann
allerdings freudig überrascht, dass ich überhaupt Türkisch spreche. Ich
treffe auf sehr viel Wohlwollen in der Türkei – und glaube, es wäre ein
Problem, wenn ich vermeintlich typisch türkisch aussehen würde und dann
nicht richtig Türkisch kann. Es gibt eine Menge Stereotype in beide
Richtungen. Seltsamerweise habe ich aber erst sehr spät gemerkt, dass ich
mich in der Schulzeit sowohl hier wie dort fremd gefühlt habe. Ich habe das
lange mit mir rumgetragen, ohne dass es mir bewusst war.
taz: Eine Wunde, die vernarbt war?
Devekiran: Ja. Und die dann wieder aufbrechen musste. Ich wusste: Wenn ich
mich dafür entscheide, Musiker zu werden, dann muss ich mich fragen, was
bringe ich mit in die Welt, was macht mich aus? Und dann ist es halt genau
das, was am meisten weh tut, wo man genauer hinschauen muss. Zu diesem
Zeitpunkt habe ich angefangen, mich für türkische Popmusik zu interessieren
und bin auf Cem Karaca gestoßen …
taz: … ein berühmter [2][türkischer Musiker], der in den 80er-Jahren im
deutschen Exil lebte.
Devekiran: Er hat 1984 ein deutschsprachiges Album gemacht. Als ich dessen
Lied „Resimdeki Gözyaşları“, „Die Tränen auf dem Bild“, zum ersten Mal
gehört habe, musste ich weinen – obwohl mein Türkisch zu dem Zeitpunkt so
schlecht war, dass ich den Text nicht wirklich verstanden habe. Aber ich
habe gemerkt: Da steckt ganz viel drin.
taz: Sie haben sich verstanden gefühlt?
Devekiran: Ja. Von da an habe ich mich in den Anadolu-Rock und generell in
türkische Popmusik versenkt, habe Klassiker wie Erkin Koray oder Barış
Manço entdeckt, aber auch moderne Künstlerinnen wie Gaye Su Akyol. Vor
allem habe ich auch gemerkt: Das ist so eine innovative, vorwärtsgedachte
Musik, die aber in Deutschland niemand kennt, der keine türkischen Wurzeln
hat. Und das wollte ich ändern, und wollte es in unsere Musik einfließen
lassen.
taz: Wie wurde das in der Band diskutiert?
Devekiran: Jonas und ich, wir kennen uns schon ewig, seit mehr als 20
Jahren. Der war bei mir zu Hause, der weiß, wo ich herkomme. Und David hat
viel in Psychedelia-Bands gespielt, für den war der Anadolu-Rock, der ja
sehr psychedelisch sein kann, überhaupt nicht schwer zugänglich. Beide
haben sofort gesagt: Du musst das machen, wir müssen das machen. Die haben
dann auch angefangen, sich intensiv mit dieser Musik zu beschäftigen.
taz: Es ist verwunderlich, dass Sie diese Musik vorher gar nicht kannten.
Haben Ihre Eltern so etwas nicht gehört?
Devekiran: So gut wie nicht. Mein Vater hat klassische türkische Musik und
alten deutschen Schlager gehört. Mir war auch wichtig, dass ich einen
eigenen Zugang finde, der mit meinem Vater nichts zu tun hat. Ich brauchte
das Gefühl, auf eigene Faust etwas zu entdecken, was mir nicht mitgegeben
wurde. Dadurch konnte ich es mir mehr zu eigen machen, ich konnte
feststellen, wie wunderschön diese Sprache ist, die mir so lange peinlich
war. Warum sollte man nicht türkisch singen? Warum sollten nicht türkische
Elemente in deutscher Musik auftauchen? Warum sollte das nur Rap
vorbehalten sein? Warum muss das immer mit Straße und mit Kiez verknüpft
sein? Diese Fragen stellen sich mir heute nicht mehr.
taz: Wenn Sie nun die beiden Kulturen in Ihrer Musik zusammenführen, hat
das auch Auswirkungen auf Ihr Seelenleben?
Devekiran: Ich mag die Idee, dass ich durch die Musik einen Teil von mir,
der abgespalten war, wieder integrieren konnte – so wie der Anadolu-Rock
traditionell türkische Elemente in westliche Rockmusik integriert hat und
dabei etwas super Cooles herausgekommen ist. Noch heute, wenn ich diese
Musik höre oder sie auch selbst mache, denke ich: Das ist ein Weg der
interkulturellen, aber auch der eigenen Heilung.
taz: Was sagt der Psychologie-Master dazu?
Devekiran: Der sagt, da wurde ein Identitätskonflikt aufgelöst. Ein
Konflikt, den ich zwar lange nicht bemerkt habe, aber unter dem ich
trotzdem gelitten habe. Ich hatte immer ein Gefühl, irgendwas ist
mangelhaft an mir. Was ist dieser Teil von mir, der sich so fremd anfühlt?
Diesen türkischen Teil habe ich weggeschoben, weil es mich angestrengt hat,
weil es mich immer wieder in Konflikt gebracht hat.
taz: Ist dieser Konflikt gelöst? Können Sie die Frage nach Heimat heute
einfach beantworten?
Devekiran: Zumindest gefühlt habe ich das Thema für mich geklärt. Meine
Heimat war auf jeden Fall immer Deutschland, aber ich habe jetzt eine
zweite Heimat. Wenn ich in Istanbul durch die Straßen laufe, dann fühle ich
mich nicht mehr wie ein Tourist, sondern gehöre da hin.
taz: Auf dem neuen Album gibt es beide Sprachen gleichberechtigt
nebeneinander. Wie entscheiden Sie, für welches Lied Sie einen türkischen
und für welches Sie einen deutschen Text schreiben?
Devekiran: Wir starten oft so, dass wir zusammen jammen. Wir machen Musik,
versuchen uns eine Songstruktur zu erspielen. Und der Song gibt es dann
irgendwann vor.
taz: Was macht die Sprachen jeweils aus?
Devekiran: Türkisch ist weicher, eine Sprache, mit der man sehr gut große
Gefühle ausdrücken kann. Das war sehr befreiend für mich. Wenn man Deutsch
textet, gibt es oft den Moment: Nee, das klingt jetzt peinlich. Dieses
Gefühl gibt es, wenn man Türkisch textet, eigentlich nicht. Türkische
Songtexte bersten vor Schmerz und Liebesbekundungen, da ist zu viel gerade
gut genug. Dagegen ist Deutsch sehr viel nüchterner, aber wenn man Lust hat
auf längere Wortstafetten, wenn die harten Konsonanten das Gefühl der Musik
treffen, dann ist Deutsch die richtige Sprache.
taz: War es für Sie eine Überwindung, auf Türkisch zu texten?
Devekiran: Ich hatte schon Schiss. Das klingt doch so, als ob ein Deutscher
versucht, sich auf Türkisch auszudrücken, dachte ich. Aber dann habe ich
mir gesagt: Ja, das ist so. Das bist ja du. Das gehört zu dir. Es kann zwar
sein, dass es Leute doof finden, aber so ist es halt echt. Ich habe auch
türkische Muttersprachler gefragt: Ist das gut oder ist es seltsam? Und die
Antwort war meist: Ja, es ist seltsam, aber deswegen gerade gut.
taz: Sie haben schon gesagt, dass sich Deutsche kaum für türkische Kultur
interessieren. Ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft ignorant?
Devekiran: Ignorant ist mir ein bisschen zu vorwurfsvoll. Ich werfe es der
deutschen Gesellschaft nicht vor, ich war ja selber lange genug ignorant.
Aber ich sehe es jetzt als meine Aufgabe, eine Projektionsfläche anzubieten
für Menschen, die sonst nicht die Chance haben, deutsch-türkische Kultur zu
entdecken. Wenn biodeutsches Publikum auf unsere Konzerte kommt, dann ist
das manchmal deren erster Kontakt mit türkischer Musik. Die sagen dann: Ich
wusste gar nicht, dass das so sein kann. Ich habe immer gedacht, das ist
irgendwie anders. Warum? Weil, wenn im Fernsehen Istanbul auftaucht, dann
kommt einer von diesen zwei Songs von Tarkan, stark ornamentiert, ganz viel
Perkussion und immer ein bisschen drüber. Diese Exotisierung habe ich immer
gehasst. Lieber will ich den Leuten zeigen: Es gibt was ganz anderes.
21 Mar 2026
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(DIR) Thomas Winkler
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