# taz.de -- Feminismus und Aufruhr in Iran: Das Rückgrat der Revolution ist weiblich
> Oft waren es Frauen, die Umbrüche initiiert haben – und die dann bei der
> Machtverteilung übergangen wurden. Warum es im Iran anders laufen könnte.
(IMG) Bild: Iranische Mädchen ohne das obligatorische Kopftuch in Teheran, 2024
Sie tanzen, sie feiern. Eine springt in die Luft, kommt breitbeinig auf,
wirft ihren Kopf nach vorn, schleudert die langen Haare von rechts nach
links und im Kreis. Andere lassen die Haare über den Rücken fallen, werfen
die Arme in die Luft, sie legen die Zunge an den Gaumen an und rufen
gellend wie bei einer Hochzeit. [1][Die Bilder feiernder Iraner:innen
nach dem Tod von Ali Chamenei sind wohl derzeit eines der meistdiskutierten
Themen überhaupt].
Wie kann man sich über den Tod eines Menschen freuen? Wie kann man es
nicht, wenn damit einer der brutalsten Diktatoren der Gegenwart weg ist?
Doch die Bilder feiernder Frauen erzählen auch eine andere Geschichte. Sie
stellen die dringendste Frage für Iran – und für die Welt zeigen sie eine
Zäsur auf, die historisch sein könnte.
Umstürze und Revolutionen beginnen selten bei Generälen und Bomben. Sie
beginnen bei Menschen, die so nicht weiterleben wollen, nicht können. Und
sehr oft sind diese Menschen Frauen. Sie sind und waren es, die
gesellschaftliche Umbrüche in Gang setzen, aber das historische Gedächtnis
weiß auch: Wenn es dann um die Verteilung von Macht geht, werden Frauen in
den Hintergrund gedrängt. Genau deshalb lohnt sich ein Blick auf den Iran.
Und die Frage: Wird der Iran, wird die Menschheit aus der Vergangenheit
lernen?
Derzeit herrscht Krieg in Iran, und es gibt Stimmen, die „Frau, Leben,
Freiheit“ wie etwas Vergangenes aus „besseren Tagen“ darstellen wollen. Das
alte Lied: „Es ist Krieg, jetzt ist keine Zeit für Frauenrechte.“ Doch
inzwischen ist bekannt, dass genau das eine der größten Fehleinschätzungen
ist. Oder eben eine Schutzbehauptung, um genau die auszuschließen, die auf
eine gerechte Verteilung von Macht pochen.
Auch, weil die Beteiligung von Frauen am Nation Building und Aufarbeitung
von Kriegshandlungen nicht nur völkerrechtlich geboten ist, sondern weil
sie sicherstellt, dass danach gerechtere, sicherere und vor allem stabile
Gesellschaften entstehen. Der Economist trug dies 2021 in einer
großangelegten Recherche zusammen und kam zu dem Schluss: [2][Nations that
fail women fail]. Länder, die Frauen im Stich lassen, scheitern.
Ein Video aus dem Jahr 2025, Teheran: Eine junge Frau steht an einer
Kreuzung, nimmt ihr Kopftuch ab und hält es einen Moment lang in der Hand,
als würde sie überlegen, wohin damit. Dann steckt sie es in ihre Tasche und
geht weiter. Zwei andere Frauen, ein paar Schritte entfernt, haben
ebenfalls kein Kopftuch mehr. „Wir haben einfach aufgehört zu fragen, ob
wir dürfen“, sagte eine Studentin aus Teheran mir seinerzeit.
## Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Teilhabe
„Wir haben angefangen zu handeln.“ Seit dem Herbst 2022, seit dem Tod von
Jina Mahsa Amini im Polizeigewahrsam, ist genau diese Handlung zu einer
politischen geworden. Der Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ ist längst mehr
als ein Ruf auf Demonstrationen. Eine Protestierende aus Sanandaj
formuliert es 2023 treffend: „Unsere Bewegung ist nicht nur gegen den
Hijab. Sie ist für eine Gesellschaft, in der niemand über den Körper eines
anderen herrscht.“
Der Widerstand der Frauen in Iran lässt sich deshalb kaum mit einer
klassischen Frauenbewegung vergleichen. Zahlreiche Studien zeigen, dass er
vielmehr das Gegenmodell zu einem politischen System geworden ist, das die
Kontrolle über Frauen in den Kern seiner Ideologie gestellt hat. Seit der
islamischen Revolution von 1979 reguliert der Staat den weiblichen Körper
über Gesetze wie den verpflichtenden Hijab, über Familienrecht und
moralpolizeiliche Kontrollen.
Die Soziologin Azadeh Kian beschreibt, dass Geschlechterrollen im Iran zur
Strukturierung nationaler Identität und sozialer Hierarchie dienen –
weshalb jede Herausforderung dieser Regeln zugleich die Legitimität des
Regimes infrage stellt.
Gleichzeitig hat sich über mehr als ein Jahrhundert eine kontinuierliche
Tradition weiblicher politischer Mobilisierung entwickelt, von den
Aktivistinnen der konstitutionellen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts
bis zu heutigen Netzwerken in Universitäten, Medien und der
Zivilgesellschaft, wie Historikerinnen wie Afsaneh Najmabadi und Eliz
Sanasarian zeigen.
Entscheidend ist dabei ein Paradox: Iran gehört zu den Ländern mit der
höchsten Bildungsbeteiligung von Frauen im Nahen Osten, während sie
rechtlich und politisch weiterhin stark eingeschränkt sind. Forschende wie
Valentine Moghadam und Homa Hoodfar argumentieren, dass genau diese
Kombination aus hoher Bildung, struktureller Diskriminierung und
jahrzehntelanger politischer Erfahrung eine besonders mobilisierte
Generation hervorgebracht hat.
Deshalb [3][fungiert der Kampf iranischer Frauen] heute nicht nur als
feministischer Protest, sondern als gesellschaftlicher Katalysator für
breitere Forderungen nach Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer
Teilhabe – ein Widerstand, der das autoritäre System im Kern herausfordert.
Man könnte es so sagen: der tagtägliche zivile Ungehorsam, den Frauen vor
allem seit 2022 an den Tag legen, war der Nährboden für die Proteste, die
Ende 2025 begannen, denn sie konnten in ein Klima des breit angelegten,
dauerhaften und beständigen Widerstands gegen den Kern des Regimes
eingebettet werden.
Doch die Geschichte, auch des Iran, kennt ebenfalls das Risiko, dass Frauen
zwar eine Revolution tragen, aber nicht unbedingt ihre politische Zukunft
gestalten dürfen. 1979 beteiligten sich viele Frauen an den Protesten gegen
den Schah. Nur wenige Wochen nach dem Sieg der Revolution gingen sie erneut
auf die Straße – diesmal gegen den neu eingeführten Zwangsschleier. „Wir
merkten plötzlich, dass die Revolution uns nicht meinte“, war eine der
brutalen Erkenntnisse für Frauen.
Der iranisch-amerikanische Soziologe Asef Bayat beschreibt dieses Phänomen
als ein wiederkehrendes Muster moderner Umstürze. In seinem Buch
„Revolution without Revolutionaries“ schreibt er: „Frauen stehen oft an
vorderster Front in revolutionären Momenten, werden jedoch an den Rand
gedrängt, sobald die formalen Machtkämpfe beginnen.“
Auch Valentine Moghadam, die seit Jahrzehnten zu Frauenbewegungen im Nahen
Osten forscht, weist darauf hin, dass Frauen häufig die soziale Dynamik von
Protestbewegungen prägen – während politische Institutionen nach einem
Umbruch wieder von traditionellen Machtstrukturen dominiert werden.
Im März 2019 stand eine junge Frau auf dem Dach eines Autos [4][in der
sudanesischen Hauptstadt Khartum.] Sie trug ein weißes Gewand, hob den Arm
und rief Parolen gegen die Militärherrschaft. Das Bild von Alaa Salah ging
um die Welt. Die sudanesische Journalistin und Aktivistin Maha Elsanosi
sagte später über diesen Moment: „Frauen waren nicht nur Teil der
Revolution – sie waren ihr Rückgrat.“
## Französische und Russische Revolution
Russische RevolutionDoch auch im Sudan zeigte sich ein bekanntes Muster.
Frauen hatten Proteste organisiert, Demonstrationen angeführt, Netzwerke
aufgebaut. Als jedoch die politische Macht neu verteilt wurde, dominierten
wieder militärische und männliche Eliten die Übergangsregierung.
Doch dieses Muster ist älter als die sudanesische Revolution. Während des
sogenannten Arabischen Frühlings spielten Frauen in vielen Ländern eine
entscheidende Rolle. In Ägypten gehörten Aktivistinnen wie Asmaa Mahfouz zu
den ersten, die zu Demonstrationen aufriefen.
Videos von ihr verbreiteten sich 2011 in sozialen Netzwerken und halfen,
Massenproteste zu mobilisieren. Doch nach dem Sturz Husni Mubaraks
schrumpfte die politische Präsenz von Frauen in vielen neu entstandenen
Institutionen. Die Russische Revolution von 1917 begann mit Frauen –
regiert wurden sie später von Parteikadern und Generälen.
Auch bei der Französischen Revolution 1789 spielten die Marktfrauen, die
man später zu „Fischweibern“ degradierte, eine entscheidende Rolle –
politische Rechte erhielten sie dennoch nicht, im Gegenteil. Ihre Vereine
wurden verboten.
Diese Erinnerung wirkt heute wie eine Warnung. Und trotzdem gibt es Gründe
zu glauben, dass der iranische Fall anders verlaufen könnte. Der
entscheidende Unterschied liegt darin, dass Frauen in Iran nicht nur
symbolische Figuren des Protests sind, sondern das soziale und
organisatorische Zentrum der Bewegung bilden.
Politikwissenschaftliche Studien zeigen, dass die politische Ermächtigung
von Frauen eng mit demokratischer Transformation zusammenhängt:
Gesellschaften, in denen Frauenrechte und weibliche politische Teilhabe
wachsen, entwickeln stabilere demokratische Institutionen und stärkere
Zivilgesellschaften.
Gleichzeitig zeigt Forschung zur Demokratisierung, dass Frauenbewegungen
besonders dann nachhaltig Einfluss gewinnen, wenn sie breite
gesellschaftliche Allianzen aufbauen – etwa mit Studierenden, Künstlern
oder Arbeiterbewegungen. Genau das ist in Iran zu beobachten. Der
Widerstand der Frauen richtet sich gegen das gesamte ideologische Fundament
des Systems – nicht bloß gegen einzelne Gesetze wie die Vorschrift zum
Tragen des Hijab.
In diesem Sinne könnte der aktuelle Aufbruch tatsächlich eine historische
Verschiebung markieren: Wenn Frauen nicht nur Auslöser der Revolte sind,
sondern bereits ihr organisatorisches Rückgrat bilden, steigt die
Wahrscheinlichkeit, dass sie die politische Zukunft mitgestalten, ja
bestimmen.
Und dass die nächste iranische Regierung von einer Frau angeführt wird.
7 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Iran/!6158902
(DIR) [2] https://www.economist.com/leaders/2021/09/11/why-nations-that-fail-women-fail
(DIR) [3] /Debatte-um-iranischen-Feminismus/!5873382
(DIR) [4] /Frauenrevolution-im-Sudan/!5690102
## AUTOREN
(DIR) Shila Behjat
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