# taz.de -- Florian Lintz über Selbstbewusstsein: „Es ist normal, verschieden zu sein“
> Florian Lintz hat sich trotz Behinderung an die Technische Hochschule
> Köln hochgearbeitet. Dort lehrt er als Bildungsfachkraft für Inklusion.
(IMG) Bild: Ein Teil der Hochschule: Florian Lintz ist Bildungsfachkraft für Inklusion an der TH Köln
taz: Herr Lintz, wie haben Sie es [1][aus der Behindertenwerkstatt] an die
Technische Hochschule Köln geschafft?
Florian Lintz: Das war ein langer Weg, den ich mir meist allein suchen
musste. Vor meiner Ausbildung zur Bildungsfachkraft für Inklusion an der TH
Köln habe ich in einer Werkstatt für Menschen mit Handicap gearbeitet. Dort
hatte ich einen Außenarbeitsplatz bei der Universität zu Köln in der
Sortierzentrale von Büchern. Aber ich wollte mehr. Ich wollte nicht auf
diesem – immer noch an die Werkstatt angedockten – Arbeitsplatz bleiben.
Ich wollte nicht immer nur das Werkstattgeld verdienen und auf
Grundsicherung angewiesen sein. Ich wollte wieder in einen regulären Job.
Denn in Soest, wo ich herkomme, hatte ich schon mal auf dem ersten
Arbeitsmarkt gearbeitet.
taz: Wie haben Sie das trotz Ihrer spastischen Beeinträchtigung geschafft?
Lintz: Nach einigen Praktika – im Freibad zur Unterstützung des
Bademeisters und in der Warenverräumung – habe ich in einer Reha-Klinik
gearbeitet. Ich übernahm die Aufgabe von Zivildienstleistenden, die damals
durch den Bundesfreiwilligendienst ersetzt wurden. Ich war eine Art
„Mädchen für alles“. Ich habe die PatientInnen von A nach B geschoben,
Wasserkästen auf die Zimmer verteilt, Neuankömmlinge empfangen, ihre Koffer
hochgebracht.
taz: Dabei blieb es nicht.
Lintz: Nein. Wenn ich Leerlauf hatte, musste ich dafür sorgen, dass die
Flure sauber waren und keine Wasserkästen herumstanden. Außerdem musste ich
draußen Mülleimer und Aschenbecher säubern und Zigarettenstummel
einsammeln. Die Aufgaben sind dann immer mehr geworden, und irgendwann habe
ich gedacht: Ich bin für die Patientenbetreuung eingestellt worden. Jetzt
bin ich auch für Hausmeisterarbeiten zuständig, und dann wird mir
angekreidet, wenn ich mal was vergesse.
taz: Aber Sie haben durchgehalten.
Lintz: Ja. Damals hatte ich noch nicht so viel Selbstbewusstsein. Es war
mein erster regulärer Job, und ich war froh, nicht mehr [2][in einer
Werkstatt für Menschen mit Handicap] arbeiten zu müssen. Deshalb habe ich
vieles mit mir machen lassen, bis ich merkte: Es geht nicht mehr. Ich habe
mich krankschreiben lassen und dann auf ärztlichen Rat den Job in der
Reha-Klinik gekündigt. Danach war ich fast ein Jahr arbeitslos, lag viel im
Bett, habe viel geschlafen, hatte keine Perspektive. Diese Schwebephase war
schwer für mich – auch, weil ich niemanden hatte, der das schon durchlebt
hatte und mit dem ich das reflektieren konnte.
taz: Gab es in Soest keinen Freundeskreis?
Lintz: Doch, aber der zerfiel, weil viele zur Ausbildung oder zum Studium
wegzogen. Und zu den ehemaligen Mitschülern hatte ich keinen Draht. Ich
hatte eine Körperbehindertenschule besucht, und wir hatten alle
unterschiedliche Herausforderungen. Das hat nicht harmoniert.
taz: Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?
Lintz: Mit dem Wissen von heute würde ich sagen, dass – so habe ich es
erlebt – zu pauschal gefördert wird. Denn wenn man sich klarmacht, dass die
meisten später in die Werkstatt kommen, ist das einfach nur ein Absitzen
der Schulzeit. Egal, was man lernt – irgendwann landet man in der Werkstatt
oder einer ähnlichen Einrichtung für Menschen mit Handicap. Ich bin elf
Jahre zur Schule gegangen und war in der besten Mathe-Förderschulgruppe, wo
wir Gleichungen mit zwei Unbekannten gerechnet haben. Aber es war immer
klar, wo wir landen. Ich wollte das nicht und habe das in der neunten
Klasse den Berufsberatern und Lehrern gesagt.
taz: Wie war darauf die Reaktion?
Lintz: Meine Gesprächspartner haben gefragt: „Was wollen Sie denn beruflich
machen, wie stellen Sie sich das vor?“ Ich habe gesagt: „Nicht in die
Werkstatt. Sagen Sie mir, was ich machen kann.“ Meine Mutter war auch
dabei, die mich immer unterstützte und unterstützt. Am Ende wurde mir
„gewährt“, im Berufsbildungswerk Bigge im Sauerland innerhalb eines Jahres
den Hauptschulabschluss nachzuholen. Das habe ich dann gemacht. Wir hatten
schwerpunktmäßig kaufmännische Fächer wie BWL und VWL, für mich damals
böhmische Dörfer.
taz: Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Lintz: Es war kompliziert für mich, weil ich nicht aufs Internat gehen
durfte – das wurde mir nicht bezahlt. Also wurde ich jeden Morgen um 6.10
Uhr mit dem Bulli in Soest abgeholt, damit ich um 8 Uhr in der Schule war.
Um 17 Uhr war ich wieder zu Hause und musste dann noch lernen. Das war
schon eine krasse Zeit. Aber einerseits wollte ich den Hauptschulabschluss
machen, weil ich etwas haben wollte, das meine Freunde alle auch hatten.
Und dieser Abschluss ist ja das Mindeste. Auf der anderen Seite hat es mich
gefuchst, dass man es mir so schwer machte. Dass es immer mit Extra-Aufwand
verbunden war und ich noch mal irgendwo hingehen und „Bitte bitte“ sagen
musste.
taz: Es macht mürbe.
Lintz: Ja. Und dann frage ich mich: Legt einen das System „extra“ Steine in
den Weg, damit man aufgibt – oder warum wurde es mir damals so schwer
gemacht? Das finde ich rückblickend immer noch ungerecht.
taz: Und sei es „nur“ aus Gleichgültigkeit der Mehrheitsgesellschaft.
Lintz: Ja, und es macht mich wütend, weil ich merke, dass ich ständig auf
den Goodwill fremder Leute angewiesen bin. Von Institutionen, die nur deine
Aktennummer kennen, die dich ein- oder zweimal gesehen haben. Und du musst
diese Leute davon überzeugen, dass du weißt, welche Diagnose da auf dem
Papier steht. Dass du dich aber nicht nur darüber definierst. Dass du mehr
sein willst als die Diagnose.
taz: Aber Sie haben durchgehalten.
Lintz: Ja. Musste ich.
taz: Sind Sie stolz darauf?
Lintz: Klar, stolz, dass ich es geschafft habe, aber ich fühle mich immer
irgendwie dazwischen. Ich fühle mich nicht gehandicapt genug – kann man
auch drüber streiten, was „genug“ ist –, um mir darüber keine Gedanken zu
machen. Aber irgendwo enden dann auch meine Gedanken. Denn wenn irgendwas
nicht funktioniert hat, lag es wohl nicht in meinem Handlungsspielraum, und
das hat mich wütend gemacht. Dass ich das nicht habe ändern können. Dass
ich wieder auf andere angewiesen war, teilweise immer noch bin – dieses
Dazwischen eben. Nicht Fisch und nicht Fleisch.
taz: Und wie kam es zum Wechsel nach Köln?
Lintz: Meine Mutter wollte zu ihrem neuen Lebensabschnittsgefährten nach
Köln ziehen und fragte, ob das nicht auch für mich eine Chance wäre: in
einer Großstadt Fuß zu fassen, wo ich vielleicht mehr Möglichkeiten hätte
als damals in Soest. Ich bin dann mit umgezogen und dachte, ich fange erst
mal im geschützten Bereich an – also in der Werkstatt.
taz: Wie war die Atmosphäre dort?
Lintz: Ich fand es nicht so schön. Ich saß gemeinsam mit anderen Menschen
mit Handicap an einem Tisch, und wir haben Schaltmodule für Lastenaufzüge
montiert. Ich habe die Kabel, die in das Modul führen, abisoliert und in
die Lüsterklemmen geschraubt. Das war die Aufgabe für acht Stunden am Tag.
Das war teilweise nervig. Auch die Gesprächsinhalte, die sich viel um
Bagatellen des Alltags drehten, haben mich nicht abgeholt. Das kreide ich
den Leuten natürlich nicht an. Sie sind, wie sie sind. Aber es war nicht
meine Wellenlänge.
taz: Sie wollten weg.
Lintz: Ja. Ich habe meinen Vorgesetzten gesagt, dass ich was anderes machen
wollte. Daraufhin wurde ich im Lager eingesetzt, wo ich Warenpaletten
zusammengestellt habe. Aber auch das hat mich auf Dauer nicht zufrieden
gemacht. Das habe ich meinem Vorgesetzten gesagt, aber ich hatte das
Gefühl, dass es an ihm abprallte. Also bin ich zum Werkstattleiter gegangen
und habe mein Anliegen geschildert. Mein direkter Vorgesetzter fand nicht
gut, dass ich ihn überging. Aber ich dachte: Schließlich ist es mein Leben.
taz: Hat es geholfen?
Lintz: Ja. Ich war dann dafür zuständig, die Mülltonnen um das Gebäude zu
leeren, zu fegen und den Raucherbereich sauber zu halten. Auf der einen
Seite war es schön, weil ich raus war aus diesem Konstrukt der Werkstatt,
dieser Riesenhalle mit vielen Leuten und der Lageratmosphäre. Andererseits
war die Arbeit selbst nicht so angenehm.
taz: Aber symbolisch war es der erste Schritt nach draußen.
Lintz: Ja. Ich habe mich dann sehr bald an die Abteilung gewandt, die
Außenarbeitsplätze vermittelte. Das sind Arbeitsplätze außerhalb der
Werkstatt, aber man ist noch in der Werkstatt angestellt. Meine Chefs
sagten zwar immer: „Lass dir Zeit, wir kümmern uns, wenn es so weit ist.“
Aber darauf wollte ich mich nicht verlassen.
Ich habe mir also einen Termin geben lassen, und dann haben wir geschaut,
welche Fähigkeiten ich habe, was ich mir zutraue und welche
Außenarbeitsplätze sie zu vergeben haben. Nach ein, zwei Monaten habe ich
ein erstes Praktikum in der Sortierzentrale der Universität zu Köln
gemacht. Von da aus ging es in die Bewerbung für die [3][Ausbildung zur
Bildungsfachkraft für Inklusion an der TH Köln].
taz: Wie haben Sie davon erfahren?
Lintz: Irgendwann erzählte mein Job-Coach, der mich regelmäßig besuchte,
von der Ausschreibung und riet mir, mich zu bewerben. Die Bewerbungsfrist
endete schon am übernächsten Tag. Also haben wir uns in den Aufenthaltsraum
gesetzt, ich habe eine Sprachnachricht verfasst und per Mail abgeschickt.
Ende Januar 2019 wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich war
dann eine der sieben Personen, die aus ungefähr 50 BewerberInnen ausgewählt
wurden. Die Ausbildung dauerte drei Jahre, und seit 2022 sind wir fest
angestellt.
taz: Wen unterrichten Sie?
Lintz: Studierende der Sozialen Arbeit, der Pädagogik, der Kinder- und
Familienbildung. Wir geben auch Seminare an der Universität zu Köln.
Kürzlich hatten wir eine Schulung, bei der Studierende Unterrichtsmaterial
in Leichter Sprache entwickeln sollten. Auch da war unsere Expertise
gefragt.
taz: Schulen Sie auch Leute aus der Praxis?
Lintz: Ja. Wir haben zum Beispiel Kita-Leitungen darin geschult, wie man
den Kita-Alltag inklusiver gestalten kann. Ein Problem ist, dass die
Betreuerinnen dieser heterogenen Gruppen nicht genug Zeit haben. Oft fehlt
ihnen auch das Wissen, wie sie mit Menschen unterschiedlicher
Beeinträchtigung umgehen sollen. Ich glaube, es ist extrem wichtig, schon
in der Kita mit der Inklusion anzufangen, damit eine Selbstverständlichkeit
im Umgang entsteht.
taz: Inzwischen gibt es in vielen Schulen Inklusionsklassen. Hat sich das
gesellschaftliche Klima verändert?
Lintz: Ja, durchaus. Als ich 1996, 1997 zur Schule ging, war das
Bewusstsein dafür noch nicht so ausgeprägt. Allerdings erinnere ich mich,
dass wir an unserer Schule für Körperbehinderte ein Mädchen hatten, das
eigentlich nach den Richtlinien einer geistigen Behinderung unterrichtet
wurde. Sie hat aber bei uns mitgelernt. Denn sie hatte zwar ein Handicap
und konnte nicht sprechen, war aber sehr intelligent. Da wurde schon
geguckt, wie man sie fördern kann. Dafür hatten wohl die Eltern gesorgt.
Es ist natürlich schwer, in einem so großen System jede Person einzeln
wahrzunehmen und zu sehen: Die kann mehr. Da braucht man ein Umfeld, das
sich mit Regularien auskennt und weiß, wo man was beantragen kann. Das ist
ein großer Batzen an Wissen, den die Erziehungsberechtigten brauchen, damit
ihr Kind nicht den Strukturen zum Opfer fällt.
taz: Und was wollen Sie selbst Ihren Studierenden vermitteln?
Lintz: Dass es normal ist, verschieden zu sein. Wie der Kölner sagt: „Jeder
Jeck ist anders.“ Und dass es oft dem System geschuldet ist, dass Menschen
mit Handicap in der Gesellschaft nicht so sichtbar sind. Und wenn sie
auftauchen, weiß niemand, wie man mit ihnen umgehen soll. Es gibt viel
Unsicherheit. Meine KollegInnen und ich berichten den Studierenden, was uns
geholfen hat – im Bereich Wohnen, Arbeit, Familie, Freizeit. Wir erzählen,
was es aus unserer Sicht bedarf, damit mehr Menschen mit Handicap Zugang
bekommen.
taz: Wie gut fühlen Sie selbst sich an der TH integriert?
Lintz: Sehr gut. Ich habe guten Kontakt zu den anderen Lehrenden und
besuche deren Vorlesungen. Mein Interessenspektrum ist durch die Arbeit an
der Hochschule breiter geworden. Ich habe Seminare zum Betreuungsrecht, zur
Kinder- und Familienbildung, zur Gesundheitsfürsorge und zur barrierefreien
Kölner Südstadt besucht. Ich war auch in einem Beirat, der sich damit
befasste, wie man die Bedeutung von Krebsfrüherkennung für Menschen mit
geistiger Behinderung bildlich gut darstellen kann.
taz: Wie war Ihr eigenes Aufwachsen? Wie ging Ihre Familie mit Ihrem
Handicap um?
Lintz: Ich bin mit meiner Mutter, meinem Erzeuger und meinem drei Jahre
jüngeren Bruder aufgewachsen. Das Aufwachsen aus meiner Sicht war
schwierig, weil mein Erzeuger gegen mich war. Er hat mir immer das Gefühl
gegeben, nicht gut genug zu sein. Er hat mich mit meinem Bruder verglichen,
der Sachen schneller konnte als ich, obwohl er jünger ist. Mein Erzeuger
hat mir zu verstehen gegeben: Dein Bruder kann das schon, warum kannst du
das nicht?
Am Wochenende ist er mit meinem Bruder Fahrrad gefahren. Mit mir wollte er
nicht fahren, weil ich Stützräder hatte. Er hat mir immer das Gefühl
gegeben, ich muss mich mehr anstrengen. Auch für die Schule musste ich mehr
lernen als andere. Es hieß dann: Du darfst nicht raus spielen, du musst
lernen. Das fand ich unfair – auch weil ich sah, wie mein Leben hätte sein
können, wenn ich diese besonderen Herausforderungen nicht hätte.
taz: Trotz aller Bemühungen stößt man an Grenzen.
Lintz: Eben. Und das habe ich teilweise bis heute übernommen. Weil ich
schwer beurteilen kann: Was sind meine Gene, was ist mein Handicap, und wo
strenge ich mich nicht genug an? Was sind festgesetzte Grenzen, wie sie
jeder hat – und was lässt sich noch variabel verschieben?
taz: Zumal Ihnen das schon mehrfach gelang.
Lintz: Ja. Bei meiner Geburt hieß es: Ich werde nie laufen können, nie
Fahrrad fahren – und ich habe es geschafft. Es hieß, ich werde in eine
Werkstatt für Menschen mit Handicap kommen – und ich bin nicht drin
geblieben. Deswegen ist es schwer, wenn ich an Punkte komme, die mir nicht
gelingen. Wie gehe ich damit um? Ist das eine gesetzte Grenze, mit der ich
mich einfach – was weiß Gott nicht immer einfach ist – abfinden muss? Oder
gebe ich mir nicht genug Mühe? Da ist dann wieder das „gescheiterte Kind“,
das dem Vater gefallen will, damit es auch Liebe kriegt.
taz: Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vater?
Lintz: Nein. Ich habe es versucht und ihm einen Brief geschrieben mit
Fragen, auf die ich Antwort wollte. Da kam aber nichts. Dann habe ich ihm
geschrieben, dass es ihn für mich nicht mehr gibt. Da hat er geschrieben:
„Okay.“ Mehr nicht. Dann dachte ich: Okay. Dann ist das eben so.
22 Feb 2026
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