# taz.de -- CO2-Zertifikatehandel: Brüssel legt die Axt am Klimaschutz an
> Die EU diskutiert Pläne, ihr Emissionshandelssystem zum Klimaschutz
> weiter zu untergraben. Die Preise zogen in den letzten Jahren stark an.
(IMG) Bild: Werksgelände von BASF mit Chemieanlagen und Schornsteinen in Ludwigshafen am Rhein
Es geht um das wichtigste Instrument des Klimaschutzes in der EU: Seit 2005
gilt das „Emission Trading System“ – der Europäische [1][Emissionshandel
ETS]. Nach diesem brauchen Industrieunternehmen eine „Erlaubnis“, um
Treibhausgase auszustoßen – in Form eines Zertifikats. Diese Zertifikate
werden nach dem sogenannten „Cap & Trade“-Prinzip gehandelt: Es gibt eine
Obergrenze (Cap), die festlegt, wie viele Treibhausgas-Emissionen insgesamt
ausgestoßen werden dürfen. Wer mehr braucht, muss Zertifikate zukaufen. Im
vergangenen Herbst hatten die EU ein neues Klimaziel beschlossen: Bis 2040
sollen die Treibhausgasemissionen der 27 Mitgliedstaaten um 90 Prozent
unter das Niveau von 1990 sinken. Und obwohl davon erst 37 Prozent
geschafft sind, plant Brüssel offenbar, den ETS abzuschwächen.
Anfangs wurden die Zertifikate kostenlos ausgegeben, was vielen Konzernen
einen Milliardengewinn bescherte: Sie preisten die Kosten ein, gaben sie
also an die Verbraucher weiter. Gesetzeslage ist aktuell, dass diese
kostenlose Zuteilung ab diesem Jahr stark verringert wird, die letzten
kostenlosen Zertifikate sollten für besonders betroffene Industriebereiche
2034 eingestellt werden. Um das Klimaziel tatsächlich erreichen zu können,
sollte die Versteigerung von neuen Zertifikaten 2039 enden. Doch jetzt sind
Pläne bekannt geworden, dass diese Ziele offenbar deutlich nach hinten
verschoben werden sollen, das Handelsblatt hatte zuerst darüber berichtet.
„Das CO2-Gebührensystem muss weg“, forderte am Donnerstag Christian
Kullmann, Chef des Spezialchemiekonzerns Evonik, „mindestens aber drastisch
reformiert werden“. „Die Industrie funkt SOS“, erklärte Markus Steilemann,
Chef des Lobbyverbandes der chemischen Industrie. Seit Wochen macht die
Industrie Druck mit solchen Ansagen an die Politik. Gerade die Konzerne,
die in den letzten Jahren ihre Betriebe nicht zukunftsfitt gemacht haben,
sehen sich mit Millionensummen konfrontiert, die sie für die Zertifikate
investieren müssen. Das macht ihre Produkte teurer und auf dem Weltmarkt
weniger attraktiv. Evonik-Chef Kullmann warnte, der Emissionshandel
gefährde allein in Deutschland mindestens 200.000 Industriearbeitsplätze.
Allerdings hatte die EU im Jahr 2023 einen Ausgleichsmechanismus
geschaffen, um europäische Firmen vor ausländischer Konkurrenz zu schützen:
den [2][„Carbon Border Adjustment Mechanism“, kurz CBAM]. Nach diesem
müssen seit diesem Jahr die Importeure von Chemikalien, Metallen, Zement
oder Düngemitteln eine Art Zoll auf die Einfuhr aus dem Nicht-EU-Ausland
zahlen. Die Höhe richtet sich nach dem Preis der Emissionszertifikate,
wodurch auf dem EU-Binnenmarkt die gleichen Wettbewerbsbedingungen gelten
wie im Rest der Welt.
## Aktuell 83 Euro pro Zertifikat
Viele Jahre funktionierte der Emissionshandel nicht, weil es viel zu viele
Zertifikate gab: Neben den kostenlos ausgegebenen, schwemmten auch jene den
Markt, die sich Firmen durch den „Clean Development Mechanism“ CDM
erarbeitet hatten. Unter dem Kyoto-Protokoll war geregelt, dass sich
Unternehmen, die in den Klimaschutz in einem anderen Land investierten, die
dort eingesparte Treibhausgasmenge hier als Zertifikat gutschreiben
konnten. Zwischenzeitlich dümpelte der Preis bei 3 Euro. Nach dem
Paris-Protokoll gibt es solch eine Übertragungsmöglichkeit nicht mehr, seit
2020 zogen die Preise spürbar an auf zeitweise über 100 Euro. Aktuell
notiert ein Zertifikat bei gut 83 Euro.
Nach den Plänen der EU war ursprünglich vorgesehen, ab dem kommenden Januar
den [3][Emissionshandel] auszudehnen auf die Bereiche Verkehr und Gebäude.
Dadurch wird fossiles Heizen oder Tanken teurer. Allerdings haben vor allem
die osteuropäischen Mittgliedstaaten dagegen Front gemacht, der Start des
sogenannten „ETS2“ wurde im vergangenen Jahr auf Januar 2028 verschoben.
Die jetzt diskutierten weiteren Verschiebungen sollen in einen Plan münden,
der bis Sommer vorgestellt wird: Dann müssten Europaparlament und die
Mitgliedstaaten diesem Plan noch zustimmen.
5 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
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