# taz.de -- Rücktritt des ADAC-Verkehrspräsidenten: Shitstorm? Leckt uns am Auspuff!
       
       > Der Rücktritt des ADAC-Verkehrspräsidenten treibt unseren Autor um: Warum
       > folgen wir den pöbelnden Minderheiten? Und wer hält dagegen?
       
 (IMG) Bild: Der CO₂-Preis sei ein „richtiges Mittel, um die Klimaschutzziele zu erreichen“
       
       An die Toilettenwand in meiner Schule hatte ein weiser Mensch mit Filzstift
       den Satz geschrieben: „Ein kluges Wort, und schon ist man Kommunist“. Im
       Westberlin meiner Kindheit hatte man noch Angst vor den Kommunisten im
       Osten. Und Kritik oder abweichende Gedanken wurden gern mit „Geh doch
       rüber!“ beantwortet.
       
       Kommunisten sind als Massenbewegung, die auch mal die Welt retten wollte,
       inzwischen ausgestorben. Ein paar Restposten gibt es noch. Aber die Sitte,
       jemanden für rationale Aussagen zu beschimpfen und vom Hof zu jagen, hat
       sich in der mächtigsten Massenbewegung Deutschlands noch gut erhalten.
       
       Der [1][Verkehrspräsident des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs ADAC,
       Gerhard Hillebrand, trat diese Woche nach einer Wut- und Kündigungswelle
       von Mitgliedern zurück]. Sein Vergehen: Er hatte ein paar einfache
       Wahrheiten ausgesprochen: Höhere Spritpreise würden Menschen zum Umstieg
       auf klimafreundliche Alternativen bringen. Der CO2-Preis sei ein „richtiges
       Mittel, um die Klimaschutzziele zu erreichen“, diese Ziele sollten nicht
       gelockert werden. Für den Umstieg brauche es aber soziale Abfederung,
       günstige E-Autos, Ladeinfrastruktur. Kurz: Hillebrands Aussagen waren etwa
       so spektakulär wie „Die Sonne geht im Osten auf“.
       
       Wobei wir wieder bei Kommunisten und Sündenböcken wären. Denn Hillebrand
       schmiss sein Ehrenamt hin, weil es nach einer orchestrierten Wut- und
       Empörungswelle bei der Bild-Zeitung und anderen asozialen Medien 60.000
       Austritte aus dem ADAC gab. Klingt gewaltig. Sind aber nur 0,3 Prozent der
       22,7 Millionen Mitglieder. Gleichzeitig gab es im Januar 100.000 Eintritte,
       was für den größten Autoclub Europas ziemlich normal ist. Die Austritte
       waren merklich, aber keine Bedrohung. Also nicht so, als würden 60.000
       Menschen ihr taz-Abo kündigen.
       
       ## Demokratie lebt vom Mehrheitsprinzip
       
       „Dieses Land ist dabei, das Zuhören zu verlernen“, klagte deshalb die
       Süddeutsche Zeitung. Ich sehe das anders: Dieses Land hat verlernt, einen
       Arsch in der Hose zu haben, wenn eine Mini-Minderheit laut und aggressiv
       rumpöbelt. Der ADAC hätte ja auch sagen können: Leckt uns am Auspuff! 99,7
       Prozent unserer Mitglieder beschweren sich nicht. 60.000 Wutlenker lassen
       wir einfach auf der Standspur stehen. Beim nächsten platten Reifen sind sie
       sowieso wieder Mitglied.
       
       Überall kuschen wir vor lauten Minderheiten: Wenn ein paar [2][Unternehmer
       fordern, für die Bevölkerung Bürgergeld oder Krankenversicherung zu
       kürzen]. Wenn die AfD mit 20 Prozent der Stimmen die Politik vor sich
       hertreibt. Wenn [3][Bauern ganz nach Laune Straßen blockieren dürfen], was
       bei KlimaschützerInnen als Terrorismus gilt. Wenn Trump der Welt auf der
       Nase rumtanzt.
       
       Demokratie bedeutet, dass die Mehrheit bestimmt. Und sich nicht der
       [4][„Tyrannei der Minderheit“ beugt, wie der Titel eines der besten
       Politik-Bücher der letzten Jahre] lautet. Strittige Fragen kann man im
       Zweifel mit 50,01 Prozent Zustimmung durchsetzen. Und mit 99,7 Prozent erst
       recht. Dafür braucht es aber eben Mut: auf das Recht zu bestehen, dem
       lauten Geblöke zu widersprechen, einen Shitstorm durchzustehen und den
       Willen der Mehrheit durchzusetzen.
       
       Deshalb hätten die Pannenhelfer des ADAC zu Gerhard Hillebrand stehen
       sollen. Und damit zu allen, die noch keine totale Panne haben.
       
       6 Feb 2026
       
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