# taz.de -- Unser Fenster nach Russland: Wie Telegram-Propaganda die Menschen lenken soll
> Novaya Gazeta Europe hat Millionen Beiträge russischer Pro-Kreml-Kanäle
> ausgewertet. Sie zeigt, wie Stimmung unter anderem gegen Migranten
> gemacht wird.
(IMG) Bild: Im Propagandaland: Der verschneite Kreml am 3. Februar in Moskau
Die taz präsentiert unter [1][taz.de/unserfenster] jeden Mittwoch eine
wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen kritischen Medien.
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und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre Arbeit auch unter
schwierigen Bedingungen fortzuführen.
Am 04. Fabruar 2026 öffnet [2][Novaya Gazeta Europe] mit dem folgenden
Beitrag ein Fenster nach Russland.
Novaya Gazeta Europe hat mehr als fünf Millionen Beiträge aus nahezu
hundert russischen Pro-Kreml-Kanälen auf Telegram ausgewertet. Ziel dieser
Analyse: nachzuzeichnen, wie sich die Feindseligkeit gegenüber der
politischen Opposition, Migranten und Menschen mit sogenannten „nicht
traditionellen Werten“ in Russland entwickelt hat.
Die zwischen 2019 und 2024 veröffentlichten Inhalte zeigen ein auffallend
konsistentes Muster: Hetze nimmt regelmäßig im Vorfeld repressiver
Gesetzesinitiativen zu, erreicht in Phasen politischer Unsicherheit ihren
Höhepunkt und richtet sich bevorzugt gegen Gruppen, die sich am schwersten
zur Wehr setzen können.
[3][Die ganze Recherche des Mediums können Sie hier auf Englisch
nachlesen].
## Homophobie als Waffe
Bereits 2019 erlebte Russland eine neue Welle der Unterdrückung von
LGBT-Personen. In Tschetschenien dokumentierten
Menschenrechtsorganisationen erneut Massenverhaftungen, Folter und
Ehrenmorde. In Moskau fand das LGBT-Filmfestival „Side by Side“ zum letzten
Mal statt, begleitet von Angriffen rechtsextremer Gruppen, die mit
stillschweigender Zustimmung der Behörden operierten. Im selben Jahr sah
sich die Sportbekleidungsmarke Reebok nach einer koordinierten
Gegenreaktion gezwungen, eine feministische Werbekampagne zurückzuziehen.
Im Jahr 2019 waren 46 Prozent der Beiträge, die sich auf LGBT-Personen oder
Frauenrechte bezogen, negativ. Bis 2022 war dieser Anteil auf 65 Proznet
gestiegen.
Als im Februar 2022 die vollständige Invasion Russlands in der Ukraine
begann, geriet die Berichterstattung über LGBT-Themen kurzzeitig ins
Hintertreffen, überschattet von der Fixierung der Medien auf die Ukraine.
Trotzdem erreichte der Anteil negativer Beiträge über LGBT-Personen in der
ersten Hälfte des Jahres mit 72 Prozent einen historischen Höchststand.
Nur wenige Wochen später begannen die Gesetzgeber mit der Diskussion über
ein Gesetz zum vollständigen Verbot der sogenannten „LGBT-Propaganda“.
Während regierungsfreundliche Medien den Westen weiterhin als einen Ort
darstellen, der „von Perversen erobert“ wurde, ist ihre Sprache gegenüber
LGBT-Personen innerhalb Russlands deutlich härter geworden – und zunehmend
explizit.
## Migranten als politisches Ziel
Im September 2021 markierte ein Mord in der Region Moskau einen Wendepunkt.
Im Dorf Buzhaninovo vergewaltigten und töteten zwei Menschen aus
Tadschikistan eine lokale Rentnerin. Die Nachricht von dem Verbrechen löste
spontane Proteste der Einwohner aus, die die Ausweisung aller Migranten aus
einem nahe gelegenen Arbeiterwohnheim forderten. Die Behörden kamen dieser
Forderung innerhalb eines Tages nach – obwohl sich später herausstellte,
dass die Täter des Verbrechens nie dort gewohnt hatten.
Dieser Fall war einer von Dutzenden, die Migranten betrafen und im
Spätsommer und Herbst 2021 die Schlagzeilen auf föderale Ebene
beherrschten. Verbrechen, die von „Nicht-Slawen“ begangen wurden, erhielten
unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit. Während russische Staatsbürger
zunehmend als Opfer dargestellt wurden – nicht nur im eigenen Land, sondern
in der gesamten ehemaligen Sowjetregion.
Infolgedessen stieg der Anteil negativer Berichterstattung über Migranten.
Jede dritte Erwähnung von Migranten oder ethnischen Minderheiten hatte
einen negativen Tonfall.
Laut einer gemeinsamen Untersuchung der unabhängigen Medien iStories und
Novaya Gazeta begehen Migranten etwa halb so viele Straftaten wie russische
Staatsbürger.
[4][Polizeirazzien gegen Migranten wurden dennoch zur Routine,] darunter
auch Einsätze in Moscheen, bei denen die Gläubigen gezwungen wurden, sich
mit dem Gesicht nach unten hinzulegen, während ihre Dokumente überprüft
wurden, manchmal sogar während des Gebets.
## Normalisierung der Unterdrückung
Nach dem Einmarsch in die Ukraine wurde die Kategorie „innerer Feind“
erweitert. An die Stelle von Alexej Navalnys Anhängern traten „Verräter“ –
Russen, denen vorgeworfen wurde, sich auf die Seite der Ukraine und des
Westens zu stellen. Im Frühjahr 2022 enthielt jeder fünfte Beitrag über die
Opposition Vorwürfe des Verrats sowie Entmenschlichung oder die Billigung
von Repressionen.
Heute beschreiben zwischen 50 und 70 Prozent aller Beiträge über die
Opposition Verhaftungen, Gerichtsverfahren oder andere Formen der
Bestrafung. Die Politikwissenschaftlerin Jekaterina Schulmann argumentiert,
dass diese Sichtbarkeit Absicht ist: „Wenn man sich (als Staat, Anm. d.
Red.) nicht auf Unterstützung durch die Bevölkerung verlassen kann, muss
man Repressionen so öffentlich wie möglich demonstrieren.“
## Erfundene Feinde
Die Mobilisierung von Hass ist ein bekanntes Merkmal autoritärer Systeme.
Laut dem Politikwissenschaftler Ilya Matveyev ist sie für das russische
politische Modell unverzichtbar geworden. „Alles basiert auf Hass“, sagt
er. „Die Unterstützung wird durch das Bild eines gemeinsamen Feindes
erzeugt.“
Die langfristigen Folgen können schwerwiegend sein. Schulmann warnt davor,
dass der Krieg Gewalt und kollektive Aggression normalisiert hat. „Eine
große Anzahl von Menschen hat gelernt, wie man Waffen benutzt und sich an
organisierter Gewalt beteiligt. Wohin wird diese Energie fließen, wenn der
Krieg vorbei ist?“Eines der wahrscheinlichsten Szenarien, warnt sie, ist
eine Funktionsverschlechterung des politischen Systems, begleitet von
Brutalisierung: Eine Fragmentierung, in der Gewalt lokal begrenzt zur
Gewohnheit wird und sich zunehmend der formellen politischen Kontrolle
entzieht.
Es gibt jedoch Grund zu vorsichtigem Optimismus. Propagandistische
Narrative schlagen oft keine tiefen Wurzeln. Matveyev argumentiert, dass
Toleranz in den großen Städten Russlands weiter zunimmt, aber ständig
unterdrückt werden muss. „Homophobie ist kein natürlicher Zustand“, sagt
er. „Sie muss ständig verstärkt werden.“
Die gleiche Logik gilt für Migranten. Wenn die staatlich geförderte
Feindseligkeit verschwindet, sagt Menschenrechtsanwältin Valentina Chupik,
werden sich die Einstellungen schnell ändern. „Ohne Propaganda hören die
Menschen auf zu hassen.“
[5][Hören Sie dazu auch den Podcast „Freie Rede“ der taz Panter Stiftung.]
Er beschäftigt sich mit dem russischen Imperialismus, seiner Vergangenheit,
Gegenwart und Verantwortung. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die
wiederkehrende Straflosigkeit staatlicher Gewalt in Russland und ihre
historischen wie aktuellen Folgen.
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4 Feb 2026
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