# taz.de -- Online-Medium „The Kyiv Independent“: „Der Welt helfen, die Ukraine zu verstehen“
       
       > Das englischsprachige ukrainische Medium „The Kyiv Independent“ trifft
       > auf großes Interesse. Die Chefredakteurin und ein Reporter berichten von
       > ihrem herausfordernden Job.
       
 (IMG) Bild: Olga Rudenko (unten, zweite v.r.) und ihr Team an einem wärmeren Tag in Kyjiw
       
       Vor ein paar Wochen wäre sie wohl noch im Mantel hier im Büro gesessen,
       sagt Olga Rudenko während eines Videocalls mit der taz. Inzwischen sei die
       Situation etwas besser. Ein paar Stunden am Tag gebe es wieder Strom, dann
       funktioniere auch die Heizung. Die restliche Zeit laufe die Versorgung über
       einen Generator. Es herrschen widrige Bedingungen für den Journalismus in
       der ukrainischen Hauptstadt in Zeiten, da Russland die zivile
       Energieinfrastruktur massiv unter Beschuss nimmt.
       
       Doch die Chefredakteurin des [1][englischsprachigen Onlinemediums „The Kyiv
       Independent“], das im November 2021 gegründet wurde, also nur drei Monate
       vor Beginn der russischen Großinvasion, gibt sich standhaft. In ihren
       Meinungsartikeln betont sie die Wichtigkeit unabhängiger Berichterstattung
       und der Unterstützung von Medien, die nicht an Oligarchen angebunden sind,
       wie es in der Ukraine immer noch üblich ist.
       
       Auch Rudenko arbeitete zehn Jahre lang in einer solchen Redaktion – bei der
       Kyiv Post, der ersten englischsprachigen Zeitung im Land. Nachdem viele
       ihrer Kolleg:innen dort plötzlich entlassen worden waren, weil sie sich
       der Einflussnahme des damaligen Eigentümers Adnan Kivan auf die
       Berichterstattung entgegengestellt hatten, beschlossen die
       Journalist:innen ihren eigenen Newsroom zu gründen, mit Rudenko als
       Chefredakteurin.
       
       Laut ihr kommen die meisten Leser:innen aus den USA, an zweiter Stelle
       folgt Großbritannien, Deutschland liegt auf Platz fünf. Zu 70 Prozent
       finanziert sich „The Kyiv Independent“ durch regelmäßige Beiträge seiner
       Stammleser:innen, den inzwischen 27.000 Mitgliedern. Das restliche Geld
       stammt aus kommerziellen Einnahmen wie dem Merch-Verkauf.
       
       „Wenn Sie ‚The Kyiv Independent‘ lesen und unterstützen, können Sie sich
       immer sicher sein, dass alle Entscheidungen darüber, worüber wir schreiben,
       hier in dieser Redaktion von genau diesem Team getroffen werden, das Sie
       auf der Website sehen“, so Rudenko. „Niemand wird mich anrufen und sagen:
       Diese Person ist mein Freund, also schreib nichts Negatives über sie.“
       
       Man hätte eigentlich nie geplant, ein Kriegs-Newsroom zu sein, aber
       selbstverständlich habe man sich der Herausforderung stellen müssen.
       Nachdem der erste Schock der Invasion vorüber gewesen sei, habe man damit
       begonnen, Geschichten zu veröffentlichen, die nicht direkt vom Krieg
       handelten. Es entstand ein Wirtschaftsressort, eine Kultursektion, das
       Format „Explaining Ukraine“, eine Art Lexikon mit Grundwissen zum Land –
       außerdem Newsletter, Videos und Dokumentationen, vor allem über russische
       Kriegsverbrechen.
       
       „Die Idee war immer, dieses Fenster der Welt zur Ukraine zu sein,
       qualitativ hochwertigen Journalismus aus der Ukraine in die Welt zu tragen
       und die Welt über alles, was die Ukraine betrifft, zu informieren“,
       schildert Rudenko.
       
       ## Schnelles Wachstum
       
       Das Medium expandierte schnell. Waren es anfangs noch 18
       Redaktionsmitglieder, sind es heute 82. Weitere Stellen sind
       ausgeschrieben, man sucht etwa einen Korrespondenten in Brüssel und eine
       Person, der von außen fundiert über Russland berichten kann. Zu den Themen,
       die „The Kyiv Independent“ abdeckt, gehören auch Missstände in der
       ukrainischen Politik und im Militär. Erst kürzlich wurde ein Bericht über
       Folter in einer brasilianischen Einheit veröffentlicht, die mutmaßlich zum
       Tod eines Soldaten führte.
       
       Rudenko sagt: „Unser Geschäft besteht nicht darin, die Welt dazu zu
       bringen, die Ukraine zu lieben. Unser Geschäft besteht darin, der Welt zu
       helfen, die Ukraine zu verstehen.“
       
       Es sei kein Geheimnis, dass zu Beginn der Großinvasion viele ukrainische
       Journalist:innen mit der Versuchung der Selbstzensur gekämpft hätten.
       Wenn man sich im Überlebensmodus befinde, könne es sehr verlockend sein,
       etwas zu zensieren, von dem man glaubt, dass es dem eigenen Land und somit
       einem selbst schaden könnte, so Rudenko. Diese Versuchung sei dann doppelt
       oder dreifach so groß, wenn man auf Englisch für ein ausländisches Publikum
       schreibe.
       
       Aber man habe ihr widerstanden, sei keine „PR-Agentur der Ukraine“ geworden
       und habe auf diese Weise langfristig das Vertrauen der Leser:innen
       gewinnen können.
       
       Der Australier Francis Farrell ist Reporter von „The Kyiv Independent“ und
       hat sich auf die Frontberichterstattung spezialisiert. „Manchmal hat man
       mit Leuten an der proukrainischen Seite des Informationskriegs zu tun, die
       den Krieg als Zuschauersport verfolgen und dir sagen, dass du das Falsche
       tust, wenn du auf systemische Probleme hinweist, die die ukrainischen
       Kriegsanstrengungen sabotieren“, erzählt er den taz.
       
       Farrell hat eine ungarische Mutter, die Verbindung nach Europa war also
       früh gegeben – und auch das Verständnis, was russische Besatzung bedeutet.
       Als die Großinvasion begann, habe er gespürt, dass er vor Ort sein muss.
       Seitdem lebt er in der Ukraine, die er aber schon von vorherigen Besuchen
       kannte.
       
       „Erst wusste ich nicht wirklich, was ich tue. Es herrschte diese
       Cowboy-Atmosphäre wie für alle 2022“, berichtet er. Frontberichterstattung
       sei über informelle Kontakte gelaufen. 2023 habe das ukrainische Militär
       versucht, die journalistische Arbeit stärker zu reglementieren – laut
       Farrell ohne ein wirkliches Verständnis für die Wichtigkeit von
       Journalismus.
       
       ## Drohnen bedrohen die Pressefreiheit
       
       Als die Zusammenarbeit mit den Presseoffizieren schließlich ab 2024 immer
       besser funktioniert habe, sei es mit der Sicherheit bergab gegangen. „Vor
       allem wegen der FPV-Drohnen, die alles jagen können: Soldaten, Zivilisten,
       Fahrzeuge, Journalisten.“ Erst sei es 3 Kilometer von der Front deshalb
       gefährlich gewesen, dann 5, inzwischen sind es sogar 15 oder 20. Die
       Infanterie an der Nulllinie zu besuchen sei inzwischen unmöglich, und
       selbst Geschichten über die Artillerie oder Drohnenteams würden immer
       schwieriger.
       
       Große westliche Medien ließen ihre Reporter nicht mehr in gefährliche
       Gebiete. Farrell nimmt das Risiko aber in Kauf. Angst habe er vor allem vor
       den Fahrten in die Gefahrenzone. „Im Moment selbst nicht so sehr, da
       übernimmt das Adrenalin, man ist konzentriert bei der Sache.“
       
       „Der herausforderndste Teil ist, die Geschichte auf eine andere, bessere
       Art an ein westliches Publikum heranzutragen, das müde vom Krieg geworden
       ist“, sagt er. Bilder aus dem Krieg könnten wirken, als seien sie immer
       gleich – und das über Jahre hinweg. Dagegen arbeiten er und die anderen
       Journalist:innen von „The Kyiv Independent“ jeden Tag an.
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://kyivindependent.com/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yelizaveta Landenberger
       
       ## TAGS
       
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