# taz.de -- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir oder CDU?
> Chancenlos? Von wegen! Cem Özdemirs Wahlkampf scheint zu fruchten. Das
> dürfte an seiner bundespolitischen Erfahrung liegen – und seinem
> Realo-Ansatz.
(IMG) Bild: Cem Özdemir, hier links im Bild, oder die CDU, rechts im Bild, fürs Ländle?
Vor ein paar Wochen kamen die Checker noch dauernd zu mir und schrien:
„Özdemir hat doch keine Chance, oder?“ Neuerdings brummen sie vorsichtig:
„Sag mal, wird Özdemir vielleicht doch Ministerpräsident?“ Ich sage dann
immer: Woher soll ich das wissen? Ich kann zwar schlau daherschreiben, aber
ich bin ja nicht „der Souverän“.
Was ich sagen kann, fängt damit an, dass mir diese Woche eine
Baden-Württembergerin schrieb, sie habe bereits gewählt, und zwar
„grasgrün“. Ich schrieb zurück: „Also nicht Özdemir?“ Das war kein Scherz,
sondern das ist der entscheidende Punkt. Grasgrün oder knallgrün meint Grün
ohne Kompromisse.
Kein Mensch wählt einen Grasgrünen zum Ministerpräsidenten, auch nicht im
aufgeklärten Baden-Württemberg. Aber eine deutliche Mehrheit möchte laut
Umfragen, dass das Land von Cem Özdemir geführt wird. [1][Die Wahl am 8.
März] entscheidet sich also nicht zwischen zwei Parteien und nicht zwischen
zwei Kandidaten, sondern die Frage ist: Özdemir oder CDU?
Nun wirkt es manchmal etwas überzogen inszeniert, wenn Winfried Kretschmann
oder Özdemir sich brachial von „den Grünen“ distanzieren, von Grüner Jugend
bis EU-Parlament. Doch dahinter steht halt auch – neben Landesinteressen –
ein fundamentaler Kulturunterschied, nämlich, ob man für die
Gesamtgesellschaft handeln will oder für seinen Stamm sprechen.
## Umfrage-Tendenz für Özdemir: steigend
Zweiteres ist die (von mir) sogenannte „Kreuzberg-Kultur“. Ersteres ist in
Baden-Württemberg fast seit Gründung der Partei Programm und seit 2011 und
der Wahl Kretschmanns zum Ministerpräsidenten zur Selbstverständlichkeit
geworden. Anderswo auch und interessanterweise besonders dort, wo man mit
der CDU ordentlich regiert, in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein,
früher auch in Hessen. Was der „Kreuzberg-Kultur“ gar nicht entspricht, die
gerne noch in „kleineren Übeln“ und „größeren Übeln“ denkt und beiden
hochmoralisch entsagen möchte. In der richtigen Welt ist es leider so: Wer
das kleinere Übel nicht wählt, bekommt das größere Übel.
Auf den Plakaten stilisiert sich Özdemir mit ernstem Blick als erfahrener
Macher, der das Land durch schwierige Zeiten führen kann. Es wird nicht
ausgesprochen, aber vermutlich sollen die Leute auf die Idee kommen, dass
er Bundesminister war, Bundesvorsitzender und EU-Parlamentarier, während
der CDU-Kandidat die Sparkassenfiliale in Ehingen geleitet hat.
Mag sein, dass in der Bundestagsfraktion manche kurz mal würgen müssen,
wenn sie dann auch noch den Slogan „Er kann es“ lesen. Aber die
Bundes-Grünen sind derzeit irrelevant, Özdemir dagegen steht laut Umfrage
bei 23 Prozent, [2][Tendenz steigend].
Die CDU hat 29, das ist immer noch ein großer Unterschied, aber im
Özdemir-Camp ist man im Autosuggestionsmodus: Wir noch drei rauf, die drei
runter, und dann haben wir sie. Da die SPD seit Langem unwichtig geworden
ist, die FDP ums parlamentarische Überleben wirbt, die AfD nicht infrage
kommt, kann man einwenden, dass es bei dieser Wahl vermutlich „nur“ darum
geht, wer die Koalition anführt, Özdemir oder CDU.
Der Unterschied könnte sein: Die CDU würde gern dort weitermachen, wo sie
2011 aufhören musste, nämlich Partei, Land und alten Konservatismus
gleichzusetzen. Özdemir würde gern dort weitermachen, wo Kretschmann
aufhört. Also Politik zu machen, die nicht von einer Ideologie und einem
„Lager“ unterstützt wird, sondern im Ideal von einem Mix aus Bürgern, die
etwa zu gesellschaftspolitischen Fragen sehr diverse Haltungen und
Lebensentwürfe haben, aber bereit sind, sich auf gemeinsame Grundlagen für
Gegenwart und (emissionsfreie) Zukunft zu einigen.
Wenn man es so herum sehen möchte, wendet sich die handelsübliche links
emanzipatorische Kritik an Özdemir zu seiner Qualität. Dann ist Cem Özdemir
der ideale Politiker für die neue Gegenwart.
7 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wahlkampf-in-Baden-Wuerttemberg/!6142250
(DIR) [2] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6148082
## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
## TAGS
(DIR) Baden-Württemberg
(DIR) Heidi Reichinnek
(DIR) Wölfe
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Baden-Württemberg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Wahlkampf in Baden-Württemberg: Daumen hoch mitten in der Krise
Vier Wochen vor den Landtagswahlen haben die Spitzenkandidaten den
Deutschen Gewerkschaftsbund besucht. Den Klassenkampf wagt diesmal der
Außenseiter.
(DIR) Landtagswahl in Baden-Württemberg: Happy dank Heidi und trotz der „ganzen Scheiße da draußen“
Die Linkspartei im Südwesten ist im Aufwind. Bei einem Wahlkampfauftritt in
Stuttgart wird Heidi Reichinnek wie ein Popstar gefeiert.
(DIR) Wolf im Schwarzwald: Özdemirs Opferlamm
In Baden-Württemberg soll nach 180 Jahren wieder ein Wolf legal geschossen
werden. Die grüne Umweltministerin hilft damit Cem Özdemir im Wahlkampf.
(DIR) Wahlkampf in Baden-Württemberg: Eher blassgrün
Klimathemen stehen für Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen in
Baden-Württemberg, nicht ganz oben auf der Agenda.