# taz.de -- Die Linke in Baden-Württemberg: Die rote Spielerin
       
       > Amelie Vollmer wollte für die Linke in den Landtag. Eine Reportage über
       > den Versuch, das schwarz-grüne Gefüge in Baden-Württemberg zu
       > verschieben.
       
 (IMG) Bild: Trauriges Spitzenkandidatinnen-Trio: Amelie Vollmer zusammen mit Mersehdeh Ghazaei und Kim Sophie Bohnen auf der Linken-Wahlparty
       
       Als der lila Balken erscheint, weiß sie, dass es vorbei ist. Amelie Vollmer
       senkt kurz den Kopf. Auf der Leinwand redet der ARD-Moderator weiter über
       Zahlen, hinter ihr steht [1][der Parteivorsitzende Jan van Aken], vor ihr
       drängen sich ein Dutzend Kameras. Es ist das Ende einer Reise.
       
       Neben der Bühne hängen goldene Luftballons, sie buchstabieren „Linke 4
       Landtag“. Auf den Tischen stapeln sich Partyhüte. Niemand wird sie
       aufsetzen. [2][Dafür hätten im Land der Schaffer und Autobauer mehr Leute
       ihr Kreuz bei den Linken setzen müssen].
       
       Vollmer war mit zwei anderen jungen Frauen als Spitzenkandidatin im Rennen.
       Bekannt wurde die 23-Jährige, als sie Manuel Hagel (CDU) nach seiner
       [3][sexistischen Interview-Affäre] öffentlich fragte: „Warum kandidiert
       dann nicht Ihre Frau als Ministerpräsidentin?“
       
       Vollmer ist eines der Gesichter einer neuen Linken. Sie steht für die
       Hoffnung auf einen möglichen Wandel in Baden-Württemberg. Laut der
       Forschungsgruppe Wahlen wählten immerhin 13 Prozent der zwischen 16- und
       24-Jährigen die Linke. Doch in den anderen Altersgruppen waren es deutlich
       weniger, zu wenig. Es ist die Geschichte eines Scheiterns – und trotzdem
       zugleich eines Aufbruchs.
       
       ## „I want to break free“
       
       19 Tage vor der Wahl läuft „I want to break free“ im griechischen
       Restaurant „Akropolis Ziegler“ in Karlsruhe. Im hinteren Raum hängen
       Diskokugeln neben roten Fahnen. Linke Plakate überdecken griechische
       Ruinen-Malereien. Es ist Dienstagabend und die Linke lädt ein: Im Raum
       tummeln sich bereits an die hundert Personen, darunter viele mit roten
       Warnwesten.
       
       Vollmer betritt den stickigen Raum mit einem ausgedruckten Skript unterm
       Arm und einer Cola-Flasche in der Hand. In der ersten Reihe nimmt sie Platz
       und liest nochmal ihre Rede. Der Saal füllt sich weiter. Parteichef van
       Aken ist angekommen, setzt sich neben sie und flüstert ihr was ins Ohr. Sie
       lacht.
       
       Über die Schulter dreht sich van Aken zur Reporterin um. „Amelie in drei
       Worten“, er überlegt kurz. „Cool, tough und klar“, sagt er. „Mich fragen in
       Berlin immer alle: Wo kommen auf einmal die ganzen linken jungen Frauen
       her? Wir haben im Süden eine neue Generation.“ Der Raum scheint ihm Recht
       zu geben: Der 64-Jährige ist der einzige ergraute Politiker hier. Neben
       Vollmer sitzen nur junge Menschen, darunter viele Frauen.
       
       Nicht nur in Karlsruhe ist die [4][neue Linke jung und weiblich]. Die
       insgesamt bundesweit mehr als 123.000 Mitglieder – davon rund 10.300 in
       BaWü – sind mit 38,6 Jahren im Schnitt deutlich jünger als in anderen
       Parteien. Knapp die Hälfte der Mitgliedschaft ist laut Parteiangaben
       weiblich.
       
       ## „Wir stellen Menschen vor Profite“
       
       Vollmer geht ins Rampenlicht und spricht vom „rechten Sport der CDU: nach
       unten treten“. Sie kritisiert die Schließungen der Krankenhäuser.
       Gesundheitsversorgung, das ist ihr Thema in diesem Wahlkampf. Nicht von
       ungefähr: Es war die Schließung eines Krankenhauses, die sie in Offenburg
       politisierte.
       
       „Wir stellen Menschen vor Profite, ohne Ausrede“, sagt sie. Dabei hält sie
       den Augenkontakt mit dem Publikum und spricht schnell. Von lokalen
       Problemen springt sie zu pauschaler Systemkritik, ohne sich mit dem Weg
       dazwischen zu sehr aufzuhalten – das kennt man von Linken. Als sie zum
       Abschluss die Faust hebt, ruft sie etwas unbeholfen „Alerta Alerta“. Die
       Menge antwortet: „Anti-fascis-ta“.
       
       Am nächsten Abend in Pforzheim trägt Amelie Vollmer dasselbe Outfit wie in
       Karlsruhe. Blazer seien eigentlich gar nicht ihr Stil. „Aber wenn das dabei
       hilft, dass ich als junge Frau ernster genommen werde, dann trage ich es“,
       sagt sie.
       
       Im Backstage des Kulturhauses wuseln neben Vollmer ihre Co-Kandidatinnen
       [5][Kim Sophie Bohnen], 26, und Mersedeh Ghazaei, 29, zwischen
       Zigarettenpausen und Redeproben durch den Kellerraum. Listenplatz 1, 2 und
       3 unter sich. Bohnen und Ghazaei tragen Samt, Kreolen im Ohr und rote
       Lippen. Ihr Habitus schreit nach Großstadt und Uni-Seminar. Vollmer dagegen
       ist ungeschminkt, mit Kette vom Mittelalterflohmarkt und T-Shirt in
       weinrot. Es ist ihre Lieblingsfarbe. Sie trägt kaum anderes in der
       Öffentlichkeit.
       
       ## Unangepasst und pragmatisch
       
       Im Trio scheint sie die Unangepasste zu sein. Vollmer ist keine
       „Lifestyle-Linke“. Sie ist die Pragmatische – mehr [6][Petra Pau] als
       [7][Heidi Reichinnek]. Diejenige, die vom Land kommt und nach der elften
       Klasse vom katholischen Mädchengymnasium abging. Als die das erste Mal als
       Jugendliche eine Rede gegen die AfD hielt, habe sie gemerkt, dass ihr das
       gut liege.
       
       Mit Fünfzehn wird sie stetig aktiver in der Linksjugend, landet im
       Kreisvorstand und Landesvorstand. Vergangenes Jahr kandidierte sie für die
       Bundestagswahl. Als Jüngste der Drei bringt sie die meiste politische
       Erfahrung mit. „Sie haut scharfe Sachen raus. Als ich 23 war, war ich nicht
       so mutig“, sagt Co-Kandidatin Ghazaei.
       
       Wenn Vollmer mal keine Kraft dafür hat, sagt sie zur Not eine Veranstaltung
       ab. Sie will nicht ausbrennen wie Kevin Kühnert. Zum Entspannen hört sie
       gerne Musik von Heavy-Metal-Bands wie „Powerwolf“ und hackt Holz im Garten
       ihrer Mutter.
       
       Vollmer ist ein Nerd. Das sagen Freunde, aber auch sie selbst. Sie habe
       mehrfach die Schule gewechselt, weil sie sich im Unterricht langweilte. Ein
       enger Freund und Parteikollege beschreibt sie als sehr akribisch und reif
       für ihr Alter. Und sie habe stets ein Skatblatt in der Tasche – ihr
       Markenzeichen. Sie spielt sehr kompetitiv. „Ich lasse dann alles raus, was
       ich in der Politik nicht rauslassen darf“, sagt sie einmal.
       
       ## „Wir müssen den Rechten die Räume nehmen“
       
       Noch zwölf Tage bis zur Wahl: In Müllheim, einer kleinen Stadt am Rand des
       Schwarzwalds, steht eine Podiumsdiskussion an. Die Leitfrage: Was tun gegen
       rechts? Das Bürgerhaus besteht aus Fachwerkbalken, das Publikum aus zwei
       Dutzend Rentnern in Funktionsjacken. Alle eher dreimal so alt wie Vollmer.
       Sie sitzt vor einer blau eingefärbten Karte, die vom Beamer hinter sie
       projiziert wird. Die AfD-Wähler der letzten Bundestagswahl sitzen ihr im
       Nacken.
       
       Vor ein paar Tagen hat sie ein AfD-Sympathisant nach einer Veranstaltung
       bis zum Klo verfolgt. Seitdem kommt sie nicht mehr allein zu Events. Das
       erzählt sie später. Auf dem Podium sagt sie: „Wir müssen den Rechten die
       Räume nehmen.“ Sie spricht in vielen Schlagworten ohne Atempausen. Wenn man
       die Vermögenssteuer wiedereinführe, hätte man Milliarden mehr, etwa für
       Busse und Kitaplätze.
       
       Eine Wortmeldung in Müllheim ist eine Vorlage für sie: „Das Krankenhaus in
       Müllheim macht zu. Bis ich in Freiburg oder in Lörrach bin, bin ich tot“,
       sagt einer. Es sind solche Menschen, die Vollmer auf ihre Seite ziehen
       muss. Menschen, die vielleicht noch nie links gewählt haben.
       
       Auf Bühnen redet Vollmer wie in einem Tiktok-Video – schnell, zugespitzt,
       wenig dialogisch. Sie ist gut informiert, aber verschenkt dabei einen
       ironischen Witz, den sie im Zwiegespräch hat. Zweifelt sie manchmal? „Ich
       zweifle oft, ob die Milch, die ich aufgemacht habe, noch gut ist“, scherzt
       sie. Aber im Politischen mache sie sich schon oft große Sorgen, wenn sie
       sehe, [8][wie stark die Rechten inzwischen sind]. „Es sind ja nicht nur die
       Sozialistinnen, die sich den Rechten entgegenstellen müssen. Wir alle haben
       die Geschichte selbst in der Hand“, sagt sie.
       
       ## Beliebterer CDU-Kandidat wäre besser für die Linke gewesen
       
       Es ist der letzte Tag vor der Wahl: In Offenburg scheint die Sonne trüb
       durch den angewehten Saharasand. Zwei Teenager beobachten von der
       Bushaltestelle aus, wie eine Truppe linker Demonstranten vorbeiläuft. Wegen
       des Wahltags ziehen Vollmer und Co. schon am 7. März [9][für Frauenrechte]
       auf die Straße.
       
       Man kenne sie von Instagram, sagt die eine. „Auf Tiktok sieht man nur links
       und rechts“, sagt ihre Freundin. Als 16-Jährige ist sie dank neuem
       Wahlrecht Erstwählerin. Linke Politik könne eh nicht durchgesetzt werden,
       meint sie. Beide wählen nun Grün – „aus taktischen Gründen“.
       
       Während sie rüber zu Vollmer und den feministischen Sprüchen auf den
       Plakaten schauen, sagt der Teenager: „Vielleicht gebe ich Amelie doch meine
       Erststimme.“ Die wird auf jeden Fall verschenkt sein. Es ist klar, dass
       Vollmer ihren schwarz geprägten Wahlkreis nicht gewinnen wird. Sie braucht
       dringend Zweitstimmen. So wie bei der Bundestagswahl. Da trennte sie
       hinterher nur ein einziger Listenplatz vom Umzug nach Berlin.
       
       Viele Unentschlossene tendieren einen Tag vor der Wahl zu [10][Cem Özdemir,
       dem grünen Spitzenkandidaten] – um [11][Manuel Hagel zu verhindern].
       Ironischerweise wäre ein beliebterer CDU-Kandidat besser für die Linke
       gewesen.
       
       „Morgen wird eine Zitterpartie“, sagt Vollmer nach der Demo in ihrer
       Heimatstadt. Sie steht unruhig neben dem roten Pavillon. Sie wirkt
       angespannt. Am Abend postet sie noch ein Reel darüber, warum taktisches
       Grünwählen ein „gefährlicher Fehler“ ist. Danach geht sie Holzhacken.
       
       ## „Jetzt ziehe ich den Abend durch“
       
       Am Wahlsonntag lichtet sich der Saharastaub und gibt den Himmel frei. Im
       Stuttgarter Industriegebiet lädt die Linke zur Wahlparty in einem
       Konzertsaal ein. Vollmer kommt in einem Bus mit ihren Genossen angefahren.
       Die Linke war in allen 70 Wahlkreisen und hat nach eigenen Angaben an
       137.855 Haustüren geklingelt. Doch genutzt hat es letztlich nichts.
       
       Als um 18 Uhr die Prognose mit 4,5 Prozent für die Linke über die
       Bildschirme flimmert, besteht noch ein kleiner Funken Hoffnung. Doch die
       folgenden Hochrechnungen sind erbarmungslos. 4,4 Prozent – mehr wird’s
       nicht. Vollmer umarmt ihre Co-Kandidatinnen. Viele aus dem Publikum gehen
       nach Hause, einige Tapfere tanzen oder suchen Trosthäppchen am Buffet.
       
       „Jetzt ziehe ich den Abend durch“, sagt Vollmer schulterzuckend und wirft
       sich noch schnell zwei Oliven in den Mund. Sie wird in den nächsten Stunden
       immer wieder rechtfertigen müssen, warum sie verloren hat: Historisch das
       beste Ergebnis für die Linke in Baden-Württemberg bei einer Landtagswahl,
       vor fünf Jahren waren es nur 3,6 Prozent gewesen. Trotzdem hat es auch
       diesmal nicht gereicht.
       
       Bei der Bundestagswahl holte die Linke noch 6,8 Prozent im Spätzle-Land.
       Diesmal sei es den Menschen offenbar sehr wichtig gewesen, keinen
       CDU-Ministerpräsidenten zu bekommen, versucht Vollmer eine Erklärung, warum
       es diesmal so viel weniger waren. Zu mehr Selbstkritik reicht es an diesem
       Abend bei ihr nicht – damit ist sie nicht allein. „Wenn die Erststimme
       zählen würde, wäre ich damit im Landtag“, sagt sie. Sie zeigt auf ihrem
       Handy die Hochrechnung aus ihrem Wahlkreis: 5,4 Prozent hat sie geholt –
       vor fünf Jahren waren es nur zwei.
       
       Als Vollmer draußen ihre inzwischen kalte Pommes isst und ein
       Radiointerview gibt, stolpert ein betrunkener Genosse auf sie zu: „Habt ihr
       noch ne neue Zahl?“, fragt er hoffend. „Das wird nichts mehr, aber wir
       haben alle viele Erststimmen“, sagt sie. Allerdings hat es die Partei auch
       hier landesweit nur auf 4,9 Prozent geschafft. Vollmer atmet durch. Sie
       geht wieder rein. Der harte Kern der Linksjugend aus Offenburg ist noch zum
       Feiern geblieben.
       
       Am Montag danach geht Amelie Vollmer mittags gemeinsam mit ihren beiden
       Co-Spitzenkandidatinnen und Parteichefin Ines Schwerdtner im Berliner
       Karl-Liebknecht-Haus vor die Presse. „Das Versprechen, das wir den Menschen
       in Baden-Württemberg gegeben haben, gilt auch nach wie vor: Wir lassen die
       Menschen nicht alleine“, sagt sie. „Wir werden auch als
       außerparlamentarische Opposition dieser Landesregierung Feuer machen.“
       
       So knapp war es für die Linke in Baden-Württemberg noch nie. Aber mehr auch
       nicht.
       
       9 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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