# taz.de -- Rentendebatte in Deutschland: Wenn Lärm und Ertrag in keinem Verhältnis stehen
       
       > Viele Leute kennen die Strukturfehler in den Sozialsystemen seit
       > Jahrzehnten. Aber es kommt darauf an, welche Einsicht wann von wem gehört
       > wird.
       
       Anfang der Woche ging ich auf ein Veteranentreffen. Es war eine
       Buchvorstellung: Andreas Hoffmann, alter Hase der Sozialberichterstattung
       (zuletzt Stern, davor Süddeutsche), hat auf 170 Seiten aufgeschrieben, was
       an der Rentendebatte alles schiefläuft. Einordnende Worte sprach auf dem
       Podium Arbeits- und Rentenministerin Bärbel Bas (SPD). Im Publikum fanden
       sich erstaunlich viele Sozialpolitik-Erfahrene aus 30 Jahren
       Sozialstaatsdebatte. Und auch Ulla Schmidt, Gesundheits- und
       Sozialministerin erst zu rot-grünen, dann schwarz-roten Zeiten, saß samt
       einem ihrer damals wichtigsten Spitzenbeamten in einer vorderen Reihe.
       
       Die aktuelle Ministerin Bas wollte nun keine Erkenntnisse vorwegnehmen, die
       erst von der koalitionären Rentenkommission herausgefunden werden sollen.
       Doch freute sie sich deutlich, im Journalisten Hoffmann einen
       Talkshow-tauglichen Streiter dafür gefunden zu haben, das Rentensystem erst
       einmal für seine Zuverlässigkeit zu loben, bevor man sich über Änderungen
       unterhält. Sie wünschte ihm gute Nerven dabei, „gegen das Krisenkartell
       anzudiskutieren“. Er müsse sowohl mit recht viel Kopfschütteln als auch
       Stirnrunzeln rechnen, sagte sie ahnungsvoll und nur etwas selbstmitleidig.
       
       Tatsächlich schreibt Hoffmann gegen die seit Monaten [1][herrschende
       Systemuntergangs-Laune] an. Die Panik, die staatliche Altersvorsorge stehe
       wegen der Demografie kurz vorm Zusammenbruch, begleite die Rente seit ihrer
       Erfindung, sagt er. Zur Illustration, warum das aber gar nicht nötig sei,
       hat Hoffmann ungefähr alles, was im deutschen Rentenapparat je an Zahlen
       produziert wurde, umgewälzt. Er kann daher anschaulich belegen, dass das
       ewige „Alles-nicht-mehr-bezahlbar“-Getöse [2][sich empirisch nie erwiesen
       hat] und die Privatisierungskampagnen noch stets in Fehlschlägen mündeten.
       Man denke bitte an die Riester- oder die Rürup-Rente.
       
       Wobei den PrivatversicherungsvertreterInnen die reinen Kürzungen natürlich
       als ausreichender Erfolg gelten. Die hat es ja weidlich gegeben: Von der
       „sehr hohen Altersarmut“ in Deutschland sprach diese Woche auch [3][Marcel
       Fratzscher im Radio]. Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW
       beherrscht diesen Judo-Trick recht gut, den Schwung der Kapitalseite
       aufzunehmen – „die Katastrophe wirft sich schon gegen die Tür! Sofortissimo
       umbauen!“ –, um ihn zu verwandeln in Wucht fürs eigene Argument – „genau!
       Vermögensbesteuerung jetzt, aber hoppla!“ Fratzscher kann das auch sehr
       schön intonieren.
       
       ## Alarmsirenen besser nicht überheulen wollen
       
       Dennoch scheint es mir aktuell nicht richtig, die Alarmsirenen noch
       überheulen zu wollen. Die Buchvorstellung war eine gute Gelegenheit, zu
       bemerken, wie viele Leute die Strukturfehler in den Sozialsystemen seit
       Jahrzehnten kennen und beschreiben können – dass es aber darauf ankommt,
       welche Einsicht wann von wem gehört wird.
       
       Zum Beispiel die Frage, wie sich politischer Lärm und finanzieller Ertrag
       einer Maßnahme zueinander verhalten: Die Rente mit 67 wird gern als
       „Jahrhundertreform“ gehandelt, schon weil sie die [4][SPD vor 20 Jahren
       beinahe zerlegt hat] und die Partei aber zu weiteren Akten der
       Sozialstaats- und Selbstzerstörung ermuntert werden soll. Hat sich kaum
       gelohnt, sagte Hoffmann lakonisch: „Der entscheidende Anstieg des
       Renteneintrittsalters fand schon vorher statt.“ Die Erhöhung von 65 auf 67
       selbst bringe gerade einmal drei bis vier Milliarden Euro pro Jahr ein:
       „Das entspricht den Rentenauszahlungen einer schlappen halben Woche.“
       
       Übersetzbar in: Bitte behaltet die Dimensionen im Blick und lügt euch und
       uns nichts vor. Was Leute eben so herausfinden, wenn sie ein Thema schon
       länger als seit der letzten Wahl behandeln. Manchmal konnte man Ulla
       Schmidt fast unmerklich nicken sehen.
       
       18 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.spiegel.de/wirtschaft/zwei-drittel-halten-sozialstaat-fuer-nicht-mehr-bezahlbar-a-891f11e1-7e56-4908-b5b1-4860355a6f5a
 (DIR) [2] https://www.spiegel.de/wirtschaft/deutsche-wirtschaft-demograph-warnt-vor-15-jaehriger-dauerstagnation-a-250882.html
 (DIR) [3] https://www.deutschlandfunk.de/diskussion-ueber-sozialstaatsreform-interview-marcel-fratzscher-praesident-diw-100.html
 (DIR) [4] /Streit-um-Renteneintrittsalter/!5136984
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Winkelmann
       
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