# taz.de -- Die Zukunft der Rente: Warum sich Linke mit der Rente so schwertun
       
       > Bei Umverteilung bin ich immer dabei. Trotzdem fällt es mir schwer, mich
       > im Rentenstreit zu positionieren. Es gibt zu viele Verwirrungen.
       
 (IMG) Bild: Quo vadis Rente? Die demografische Entwicklung in Deutschland ist dramatisch
       
       [1][Vor einer Woche stand] hier, dass das vorherrschende Gefühl dieser Tage
       darin besteht, verwirrt zu sein. Wo ist oben und unten, wo ist links? Mir
       geht’s auch so, beim Streit um die Rente.
       
       [2][Meine Kollegin Ulrike Winkelmann hat in dieser Woche einen glühenden
       Appell vorgetragen] Wer sich links nenne, müsse sich mit der Rente
       beschäftigen. Sozialversicherungen seien neben Steuern nun mal der größte
       Hebel für Umverteilung. Was wir erlebten, sei der größte Angriff auf den
       Sozialstaat seit der Agenda 2010, und die Rente nur der Anfang.
       
       Klingt eindeutig: Umverteilung, da bin ich eigentlich immer dabei. Trotzdem
       fällt es mir schwerer als meiner Kollegin, mich im Rentenstreit zu
       positionieren.
       
       Verwirrung 1: Von den meisten Einzahlern und Beziehern wird Rente nicht als
       gesellschaftliche Errungenschaft verstanden, sondern als eigene Leistung
       (bei hoher Rente) oder Schicksal (bei niedriger). Auch, weil ohnehin nicht
       alle einzahlen. Selbstständige, Ärzte und Beamtinnen machen ihr eigenes
       Ding, und eigentlich soll jeder privat vorsorgen. Deshalb wird die linke
       Forderung nach mehr Umverteilung auch in der Mittelschicht als Drohung
       verstanden. Kann man falsch finden und ideologisch verwirrt, ist aber so.
       
       Statt darüber zu streiten, ob die Rente bei so oder so viel Prozent liegt,
       wäre es womöglich mehrheitsfähiger, Gleichbehandlung zu fordern. Wenn ALLE
       in EIN System einzahlen, kann die Rente nicht als Problem des Einzelnen
       abgetan werden.
       
       Verwirrung 2: Die Jungen in der Union waren beinahe erfolgreich, weil sie
       ungewohnten Zuspruch erhielten. Nicht nur von der Arbeitgeberlobby, sondern
       [3][auch in der taz]. Weil nicht immer klar ist, wo oben und unten ist.
       
       Die Unionsrebellen sind nicht einfach beinharte Neoliberale, die
       Armutsrentner ärmer machen wollen. [4][Sie weisen auf die dramatische
       demografische Entwicklung hin], und sie wollen Beamte in die Rente
       einbeziehen, was eigentlich eine linke Forderung ist. Hier bieten sich
       unverhoffte Koalitionen, die erfolgversprechender sind als der Ruf nach
       Umverteilung.
       
       Verwirrung 3: Der Vergleich mit der Agenda 2010 führt in die Irre. Rot-Grün
       holzte am Sozialstaat, CDU und FDP klatschten Beifall, eine linke
       Opposition entstand. Heute kommen die Reformen aus einer Koalition der
       immer schwächeren Mitte. Scheitert diese Regierung, droht eine mit der AfD.
       
       Das ist ein Dilemma. Einerseits braucht man die CDU als demokratische
       Kraft, weshalb linke Aktivisten ihr ein Denkmal vor die Parteizentrale
       bauen. Aber was, wenn die Angriffe auf den Rechtsstaat (Brosius-Gersdorf)
       und Sozialstaat (Rente, Bürgergeld) aus der Union kommen: Ist sie dann
       Gegner oder Verbündeter? Die Verwirrung hat auch die Opposition erfasst. In
       der Rentendebatte haben Grüne und Linkspartei die Rollen getauscht: Die
       Linkspartei enthielt sich, die Grünen lehnten die Reform ab.
       
       Verwirrung 4: Wofür steht die SPD, nicht nur bei der Rente? Im
       [5][taz-Interview] hat Ex-Kanzler Scholz verteidigt, dass seine Partei in
       der Regierung den Status quo verteidige. Seine Vision: Der Staat müsse
       schneller und effizienter werden. Das ist ein bisschen wenig, wenn
       Rechtsextreme in Umfragen führen.
       
       Immerhin hat Scholz das tiefer liegende Problem beschrieben: Er nennt es in
       Anlehnung an den US-Autor Daniel Markovits die „Meritocracy Trap“ – der
       Irrglaube, alle Privilegien beruhten auf eigener Leistung. Auch die SPD ist
       in die Falle getappt, deshalb heißt ihr Parteimotto: Soziale Politik für
       Dich. Ich ich ich. Solange das das Weltbild der Sozialdemokratie ist,
       werden ihre Wähler sagen: Umverteilung? Not in my backyard.
       
       Ja, Progressive sollten für die Rente streiten. Aber weil es um mehr geht
       als um Umverteilung, tun sich viele so schwer.
       
       29 Dec 2025
       
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