# taz.de -- Obdachlosigkeit und Kälte: Wenn die Straße zu kalt wird
> Für Menschen ohne Unterkunft bietet das Nachtwärmecafé Kotti in
> Berlin-Kreuzberg seit 27. Januar niedrigschwellig Schutz. Der Bedarf ist
> groß.
(IMG) Bild: Mitarbeiter und Freiwillige des Kältebusses der Berliner Stadtmission helfen einem obdachlosen Mann im Januar 2026
Drei Männer kauern in dicken, schwarzen Jacken vor einer zerbrochenen
Glastür in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg. Auf dem Gehweg
liegen Tüten, Rücksäcke, Drogenbesteck. Neben der Tür hängt ein gelber
Sticker: „Kein Mensch ist illegal“. Um 22:30 Uhr öffnet ein Sicherheitsmann
des Nachtwärmecafés die Tür, endlich dürfen die Männer aus der minus zehn
Grad kalten Nacht in die Wärme.
Der Boden ist mit grauem Linoleum ausgelegt, das Licht grell. Am Eingang
stehen Bierbänke und Biertische, darauf liegen Johanniter-Servietten. Der
Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche betreibt das Projekt seit dem
27. Januar in einem Raum namens „Kontaktstelle Kotti“. Tagsüber dient
dieser als Konsumraum der [1][Drogenhilfe-Organisation „Fixpunkt“] und ist
einer der meistfrequentierten Orte von suchtkranken Menschen in Berlin.
„Unser neues Projekt soll ein Nachthafen sein für Menschen, die keine
regulären Notübernachtungsstellen aufsuchen können oder wollen, weil sie
zum Beispiel substanzgebundene Suchterkrankungen haben“, sagt Jörge Bellin,
Leiter der Johanniter-Wohnungslosenhilfe in Berlin. Seine blonden Haare hat
der 46-Jährige zu einem Zopf gebunden, über der Jacke trägt er eine rote
Johanniter-Weste.
## 1.256 Schlafplätze im Rahmen der Kältehilfe
Ihm gegenüber sitzen acht Männer auf Stühlen und Sesseln. Sie wärmen sich
an Tee, essen Kekse und Kuchen, laden ihre Handys. Der Sucht- und
Konsumdruck ist spürbar, immer wieder treibt er sie hinaus in die Kälte.
Mit der taz möchte keiner von ihnen reden, die meisten sprechen kein
Deutsch, ohnehin wird hier weitgehend geschwiegen.
Der Raum bietet obdachlosen Menschen mit und ohne Suchterkrankungen zwar
keine Schlafplätze, aber einen warmen Ort für die Nacht. Bis April ist das
Nachtwärmecafé an sieben Tagen die Woche von 22:30 Uhr bis 6:30 Uhr
geöffnet. Dort kümmern sich zunächst die Mitarbeitenden der Johanniter um
die Schutzbedürftigen. Wenn nötig, rufen sie einen Krankenwagen, für
langfristige Unterstützung verweisen sie auf andere Einrichtungen, zum
Beispiel die Obdachlosenhilfe oder den [2][Kältebus].
Das Angebot wurde aufgrund der Kälte innerhalb weniger Wochen eingerichtet.
Laut Bellin werde es gut angenommen: Seit der Eröffnung seien jede Nacht 35
bis 40 Personen gekommen. Viele von ihnen kommen und gehen mehrmals, der
Einrichtungsleiter spricht deshalb von 70 bis 100 „Kontaktpunkten“ pro
Nacht. „Aber wir haben noch mehr Kapazitäten“, betont er.
Der Bedarf ist groß. Laut Sozialsenatsverwaltung gibt es in Berlin rund
6.000 Obdachlose. Für sie bedeutet Winter Überlebenskampf. Allein diesen
Winter zählte die Bundesarbeitsgemeinschaft [3][Wohnungslosenhilfe]
deutschlandweit bereits vier Kältetote. Doch die Zahlen sind von Anfang
Januar. In Berlin sei der Sozialsenatsverwaltung bislang kein Kältetoter
bekannt, wie sie der taz auf Anfrage mitteilt.
Im Rahmen der Kältehilfe wurden in der Hauptstadt 1.256 Schlafplätze zur
Verfügung gestellt, 100 davon hat die Sozialverwaltung aufgrund der eisigen
Temperaturen kurzfristig geschaffen – wichtige Maßnahmen, die durchaus
früher hätten getroffen werden können.
Wenn es nach Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) geht, soll zude die
Polizei ihnen den Aufenthalt an warmen Orten gewähren, Krankenhäuser seien
sensibilisiert und würden obdachlose Menschen ohne Krankenkarte nicht
abweisen und Patient*innen, die keine Aussicht auf eine warme Unterkunft
haben, nicht auf die Straße entlassen. Zudem sollen Bibliotheken
obdachlosen Menschen Schutz vor der Kälte gewähren.
## Solidarität gefragt
Kiziltepe appelliert an „alle Menschen in Berlin, bei diesen eisigen
Temperaturen besonders achtsam durch die Stadt zu gehen, da es unsere
Aufgabe als Stadtgesellschaft ist, diesen Menschen zu helfen“. In einem
Wohnhaus gegenüber des Nachtwärmecafés scheint diese Aufforderung nicht
anzukommen: „Die Haustür immer per Schlüssel richtig verschließen – für ein
sicheres Gefühl bei uns allen“, steht auf einem laminierten Schild an der
Eingangstür. Daneben in Schreibmaschinen-Lettern: „Gegenvorschlag: Im
Winter solidarisch sein mit Menschen auf der Straße“. Auf diesen Zettel
wiederum hat jemand in Großbuchstaben geschrieben: „NÖ!“.
„Dass Anwohner*innen obdachlose Menschen in ihren Hauseingängen als
Bedrohung wahrnehmen, verstehe ich“, sagt Bellin. Meist könne man jedoch
mit ihnen sprechen. Sein Appell: Sich die App der Kältehilfe herunterladen,
die Menschen auf Augenhöhe ansprechen und ihnen helfen oder Hilfe
organisieren, wenn diese gewünscht ist.
Jörge Bellin hofft, das Angebot des Nachtwärmecafés ausbauen und
Schlafplätze anbieten zu können, auch für Frauen. Derzeit prüfe man mit den
Expert*innen von Fixpunkt, wie die Versorgung verbessert werden kann,
insbesondere in den Abend- und Nachtstunden. „Suchtdruck und
Substanzabhängigkeit enden ja nicht um 22 Uhr“, sagt Bellin. „Deshalb
müssen wir langfristig darüber nachdenken, wie Hilfsangebote zeitlich
besser an den Lebensrealitäten der Betroffenen ausgerichtet werden können.“
Berlinweit gibt es nicht einen einzigen Nachtkonsumraum.
Wie es weitergeht, hängt von der [4][Finanzierung] ab. Bislang wird das
Projekt der Berliner Kältehilfe von der Senatsverwaltung für Soziales und
Gleichstellung finanziert. Ob es verstetigt werden kann, ist unklar.
3 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.fixpunkt.org/
(DIR) [2] /Brandanschlag-auf-einen-Kaeltebus/!6141753
(DIR) [3] /Mietenpolitik-in-Berlin/!6149006
(DIR) [4] /Kundgebung-gegen-Kuerzungspolitik/!6105447
## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
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