# taz.de -- Obdachlosigkeit in Berlin: Ein Nachleben in Würde
> Sozialarbeiter haben am Alex eine Gedenktafel für verstorbene Obdachlose
> installiert, um gegen die Unsichtbarkeit eines strukturellen Versagens
> anzukämpfen.
(IMG) Bild: Ein kleines Memoriam für die vielen ungenannten, die obdachlos in Berlin sterben
Angekettet an einen Pfeiler der Hochbahn am Alexanderplatz steht seit
Dienstagnachmittag eine Gedenktafel für gestorbene Obdachlose. In der
Unterführung bei der Rathausgasse halten Passant:innen an und lesen die
Inschrift: „Zum Gedenken an die verstorbenen obdachlosen Menschen, die hier
lebten, diesen Ort mitprägten und für immer Teil dieser Stadt bleiben.“
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine typische „Platte“: Zelte,
Karton gegen den eisigen Boden, in Decken und Schlafsäcke eingewickelte
Menschen – mitten im Schneegestöber dieses unbarmherzigen Berliner Winters.
Ihr Anblick macht schnell klar, dass das Leben auf der Straße eine Sache
von Leben und Tod ist.
„Alles an Obdachlosigkeit ist lebensverkürzend“, sagt Tino Kretschmann. Er
arbeitet für den Verein Gangway als Teil des Teams Drop Out Mitte, welches
die Gedenktafel aufgestellt hat. Die Gruppe ist zuständig für das Gebiet um
den Alexanderplatz, wo sich – trotz ständiger Platzverweise durch das
Ordnungsamt – viele Obdachlose aufhalten, weil durch das rege Treiben auf
dem zentralen Platz häufiger mal etwas Geld oder Essen für sie abfällt.
Dennoch gebe es hier kaum soziale Infrastruktur zur Versorgung von
Hilfesuchenden, ärgert sich der Straßensozialarbeiter.
„[1][Für Obdachlose ist der öffentliche Raum ein Unsicherheitsraum]“, sagt
er. Die Zahl der Gewalttaten gegen Obdachlose steige, von seinen Betreuten
hätten alle schon Gewalterfahrungen gemacht, ob von rassistischen Passanten
oder direkt vom Ordnungsamt. Das ständige Vertreiben der Obdachlosen würde
Hilfsprozesse ins Kippen bringen, da auch die Beziehungsarbeit der lokalen
Einsatzteams verloren gehe, erklärt der Sozialarbeiter.
Eigentlich sieht das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (Asog) vor,
unfreiwillig Obdachlosen temporäre Unterkünfte zur Verfügung zu stellen.
Aber „Asog-Unterkünfte sind Geldfresser“, kritisiert Kretschmann. Diese
mehrheitlich privatwirtschaftlich geführten Betriebe, teils ohne
Sozialarbeiter:innen, sähen die Unterbringung vor allem als lukratives
Geschäft. Laut Schätzungen leben zwischen 4.000 und 8.000 Menschen auf den
Straßen Berlin.
Für Tode auf der Straße gibt es in Berlin keine systematische Erfassung.
Die Gedenktafel sei ein erster Schritt, doch Tino Kretschmann wünscht sich
„langfristig einen zentralen Ort für das Gedenken“. Denn Obdach- und
Wohnungslose erhalten üblicherweise eine [2][„soziale Bestattung“] auf
Kosten des Sozialamtes – ein anonymes Grab kann man nicht mehr
wiederfinden.
Die erste Stele, die Gangway e. V. im Herbst 2025 in der Nähe des
Ostbahnhofs aufgestellt hatte, steht noch. Zu den Kerzen und Blumen legten
Hinterbliebene seither immer mehr Bilder von Verstorbenen dazu, erzählt
Kretschmann. Den Standort für das Denkmal am Alex habe das Team in
Absprache mit seinen Klient:innen ausgewählt, erklärt
Gangway-Koordinatorin Hanna Lauter. Sie weist auf die Säule neben der
Tafel, auf der kleine Kritzeleien zeigen, dass hier schon lange der Toten
gedacht wird: „R.I.P. Daniel“, „✝ Richard“, „The memory remains“.
18 Feb 2026
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## AUTOREN
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