# taz.de -- Gewalt gegen Obdachlose in Berlin: Angriff bei minus 6 Grad
       
       > Am Alexanderplatz schlägt und tritt ein Mann eine schlafende Frau. Ein
       > anderer zündet Kältebusse an. Was steckt hinter der Gewalt gegen
       > obdachlose Menschen?
       
 (IMG) Bild: Winter am Alexanderplatz
       
       Der Januar beginnt in Berlin mit Eis und Schnee über mehrere Tage. Und
       ausgerechnet in einer dieser klirrend kalten Nächte, in der Nacht vor dem
       Sonntag, an dem halb Berlin sich auf Rodelbahnen und zugefrorenen Seen und
       Kanälen tummelt, greift ein Mann eine schlafende wohnungslose Frau an. Er
       schlägt ihr ins Gesicht, tritt auf sie ein und scheitert daran, ihr auch
       noch den Schlafsack zu entwenden, so beschreibt es die Polizei in ihrer
       Meldung.
       
       Die 43-jährige Frau hatte im überdachten Bahnhof Alexanderplatz zwischen
       dem S- und U-Bahngeschoss auf dem Boden übernachtet. Die Temperaturen lagen
       in der Nacht bei um die Minus 6 Grad. Der Mann konnte entkommen, bevor die
       Polizei eintraf. „Uns steht ein Überwachungsvideo zur Verfügung, mit dem
       wir ermitteln“, sagt Jan Misselwitz, Sprecher der Berliner Polizei der taz.
       
       Diese Tat sticht auf mehreren Ebenen heraus. Es handelt sich um eine Frau,
       die von einem Mann angegriffen wurde, sie hat keinen festen Wohnsitz; hinzu
       kommt die extreme Kälte, die in Berlin seit Anfang Januar herrscht. Nach
       Veröffentlichung der Pressemeldung der Polizei meldet der Tagesspiegel den
       Fall. Auch das ist besonders, denn: „Nur wenige Fälle von Gewalt gegen
       Wohnungslose schaffen es in die Presse“, wie Paul Neupert von der
       Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe der taz erklärt.
       
       Dabei sind solche Gewalttaten nicht selten. Im Jahr 2024 erfasste die
       Polizei 498 Fälle von Gewalt gegen obdachlose Menschen. Doch Neupert
       zweifelt an der Zahl: „Die Polizei fasst den Begriff obdachlos sehr eng,
       aber wie genau sie ihn fasst, ist nicht eindeutig“, sagt er. Grundsätzlich
       gilt meist als wohnungslos, wer keinen eigenen Mietvertrag hat, und als
       obdachlos, wer wirklich keine Schlafmöglichkeit hat und auf der Straße, in
       Parks oder auch in Notunterkünften übernachtet.
       
       Die tatsächliche Zahl der Angriffe dürfte nach Einschätzung von Neupert
       noch über den offiziellen Zahlen liegen. Doch auch unabhängig davon werden
       laut Polizei die Gewalttaten mehr: „Hinsichtlich der Opferzahlen von
       obdachlosen Menschen zeichnet sich für das Jahr 2025 eine Zunahme von knapp
       20 Prozent ab“, gibt die Polizei bekannt.
       
       Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe nennt weitere Gründe
       dafür, dass sie von einem größeren Dunkelfeld ausgeht. Etwa, dass
       Wohnungslose zu der Gruppe gehörten, die die wenigsten Straftaten anzeigen.
       Neupert erklärt: „Das liegt unter anderem daran, dass Wohnungslose auf
       Grund einer Anzeige Angst haben, wieder Opfer von Gewalt zu werden.“ Zudem
       würden viele Wohnungslose Verdrängungen durch uniformierte Personen
       erfahren, was ihr Vertrauen in diese mindert.
       
       Doch was steckt hinter der Gewalt gegen Obdachlose? Dazu forscht Merle
       Stöver. Sie hat Soziale Arbeit studiert und untersucht diese Frage nun im
       Rahmen ihrer Dissertation an der Universität Bielefeld. „Es ist wichtig,
       dass wir Gewalt gegen wohnungslose Menschen auch als Hate Crime verstehen,
       also als Hass oder Vorurteilsverbrechen“, sagt sie. Es handle sich oft
       nicht um einen Angriff gegen die einzelne Person, sondern gegen Obdachlose
       insgesamt, meint Stöver. „Das sind Botschaftsverbrechen. Den Wohnungslosen
       soll vermittelt werden: Ihr seid hier nicht erwünscht. Euch kann das auch
       passieren“, sagt sie. So würden die Täter Angsträume schaffen.
       
       100 Strafverfahrensakten hat Stöver gelesen. „[1][In 98 Prozent der Fälle
       sind die Täter Männer und meistens im Alter von 15 bis 30 Jahren]“, sagt
       die Gewaltforscherin. Viele seien ökonomisch sehr prekär gestellt. „Die
       Täter sind selbst gar nicht so weit von der Obdachlosigkeit entfernt, mit
       der sie durch Obdachlose konfrontiert werden“, erklärt Stöver. Sie würden
       oft aus Angst oder Panik davor handeln, im kapitalistischen System nicht zu
       bestehen und selbst wohnungslos zu werden. „Angriffe auf Obdachlose oder
       auf Hilfsinstitutionen, wie den Kältebus, sprechen für einen Versuch, sich
       diese Ängste auszutreiben“, erläutert Stöver.
       
       Denn auch das gehört schon zu den erschreckenden Ereignissen des noch
       jungen Jahres in Berlin: Kurz vor und kurz nach Silvester hat ein Mann
       nacheinander mutmaßlich alle drei [2][Kältebusse] der Berliner Stadtmission
       angezündet. Der Tatverdächtige ist nach bisherigen Erkenntnissen selbst
       obdachlos. Mit den Bussen fahren Ehrenamtliche nachts durch Berlin, um
       obdachlose Menschen zu versorgen oder zu unterstützen.
       
       Es ist ein Muster, das auch Stöver in ihrer Forschung beobachtet. Sie
       erklärt, dass in mehr als der Hälfte der Fälle die Gewalt gegen Obdachlose
       von Menschen ausgeht, die selbst wohnungslos oder obdachlos sind. „Das
       liegt an der krassen Konkurrenz um zum Beispiel Schlaf- oder Bettelplätze“,
       sagt sie.
       
       Um Gewalttaten an Wohungslosen vorzubeugen, hilft laut der Gewaltforscherin
       Merle Stöver nur eins: „Die Menschen werden angegriffen, weil sie auf der
       Straße sind und sich nicht zurückziehen können“, sagt sie. „Deshalb
       brauchen wir ein bedingungsloses Recht auf Wohnraum.“
       
       15 Jan 2026
       
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