# taz.de -- Berlin Fashion Week: Raus aus der Bastelecke
       
       > Wie rüstet man sich für den nächsten Winter? Die Berliner Fashion Week
       > lieferte Anregungen. Vier Momentaufnahmen von den Schauen und
       > Installationen.
       
 (IMG) Bild: Gerafft und gebunden. Das klassische Herrenhemd spielt eine Hauptrolle bei Kasia Kucharska
       
       One reference after another
       
       Es ist ein kleines Detail, das Karen Jessen zu ihrem fließenden Kleid
       inspiriert hat: die Tischdecke im Stillleben des niederländischen Malers
       Jan Jansz. den Uyl. Geknittert und gefaltet hängt sie vom Tisch herunter,
       rafft sich an manchen Stellen zusammen. Auf ihr eine chaotische Szenerie,
       umgefallene Kelche, angebissene Früchte, Gegenstände, die wie in Eile
       zurückgelassen wurden. Sich von Gemälden von alten Meistern inspirieren zu
       lassen, ist die Idee der Ausstellung „Gallery Looks“, die [1][zur Fashion
       Week] in der Gemäldegalerie eröffnet wurde.
       
       Vier Designer*innen haben sich hier mit alten Werken aus der
       Dauerausstellung auseinandergesetzt und sie in zeitgenössische Mode
       übersetzt. So hat der gequiltete Mantel, der an das Gewand der Gernomia
       Spinola von Anton van Dyck erinnern soll, Cut-outs an den Schultern, und
       das Model auf der riesigen Fotografie an der Wand trägt ihn mit gecropptem
       Hemd. Die Haute-Couture-Stücke stehen in der Ausstellung nämlich nicht nur
       im Dialog mit der Kunst selbst, sondern auch mit Fotografien, die während
       der vorherigen Fashion Week im Sommer von Ralph Mecke aufgenommen wurden.
       
       Ein Modestück also, das vor einer Fotografie steht, auf dem ein Model das
       Modestück trägt und vor einem Kunstwerk steht, das das Modestück
       inspiriert. Metaebene nach Metaebene also, mit einer Referenz nach der
       anderen. Im hinteren Teil der Ausstellungshalle der Gemäldegalerie geht es
       weiter mit „Fashion x Craft: Echoes of Tomorrow“. Auch in dieser
       Ausstellung geht es um alte Künste, jedoch nicht um die gerühmten Meister,
       sondern die fast vergessen scheinende traditionelle Handwerkskunst.
       
       Die beteiligten Designer*innen haben drei Wochen im englischen
       Highgrove verbracht und dort gelernt, Körbe zu flechten, Teppiche zu weben,
       Holzschnitzereien anzufertigen oder mit Samen und Blumen zu färben. Größtes
       Trendpotenzial hat das Körbeflechten: Wie Stacheln oder lange Krallen
       stechen lange Rattanstäbe aus Röcken hervor, alte Fahrradschläuche flechten
       sich um Torso und Arm. Beide Ausstellungen sind noch über die Fashion-Week
       hinaus zu sehen, bis zum 31. Mai.
       
       Lilli Braun 
       
       Eine Frage des Materials
       
       William Fan ist ein Geschichtenerzähler. In den ersten Jahren hangelte er
       sich von Schau zu Schau an seiner Biografie entlang, ließ in seinen
       Kollektionen sein Jugendzimmer in der niedersächsischen Provinz und das
       Chinarestaurant seiner Eltern wiederaufleben. Inzwischen ist er bei der
       Historie seiner Marke angekommen. „Ring the bell“, der Titel seiner neuen
       Kollektion, verweist nun auf sein Ladengeschäft, das sich in Berlin-Mitte
       in einem Hinterhaus befindet, wo man anfangs klingeln musste.
       
       Wer schon einmal da war, konnte erkennen, dass die Kulisse, die Fan für die
       Show im KW Institute for Contemporary Art aufgebaut hatte, Elemente von
       dessen Interieur imitierte. Die Looks wiederum seien – so hieß es – von
       seinen Kund:innen inspiriert. Diese haben offenbar eine Vorliebe für
       Brauntöne, für Samt, Cord und Brokat, für schimmernde Techstoffe und barock
       anmutende Perlenkrägen und natürlich das Fan-typische Layering.
       
       Erstmals waren auch Daunenjacken im Programm, als hätte Fan geahnt, wie
       eiskalt sich Berlin zur Fashion Week zeigen würde. Weniger geeignet für
       Winterspaziergänge ist das, was sich Kasia Kucharska ausgedacht hat.
       Markenzeichen der Designerin ist 3D-gedruckte Latexspitze. Dieses von der
       Designerin entwickelte innovative Material kombinierte sie in dieser Saison
       mit einem überaus traditionellen: Aus klassisch gestreiften Herrenhemden in
       Pastelltönen fertigte sie rüschige Röckchen, puffige Ärmel, übergroße
       Stulpen oder wickelte aus den Ärmeln knappe Shorts zusammen.
       
       Als ob das nicht schon niedlich oder mädchenhaft genug wäre, applizierte
       Kucharska Disneyfiguren aus „Bambi“ oder „Aristocats“ auf transparente
       Shirts, was fast so aussah, als hätte sie dafür Windowcolor benutzt. Es war
       aber – klar – aus Latex. Ausschließlich Garnreste und recycelte Wolle
       benutzen Olga Mnishko, Taisiia Lukashevskaia und Evgeniia Druzhinina. Knit
       to change nennt sich ihre soziale Initiative. Gemeinsam mit [2][nach Berlin
       geflüchteten] ukrainischen Frauen fertigen sie daraus Strick- und Häkelmode
       an.
       
       Als Hommage an das visuelle Erbe der Sowjet- und Postsowjetzeit wollen sie
       ihr Design verstanden wissen: Jacken aus übergroßen Granny-Squares,
       Lurexpullover mit abstrakten Mustern, Häkelwestchen mit dreidimensionalem
       Blumendekor, Kopftücher und puschelige Hüte, warm wie Pelzmützen, aber eben
       gehäkelt. Charmant aus der Zeit gefallen wirkte auch das Styling der
       Models, ihr in künstliche Locken gelegtes Haar, die Püppchenmünder, die
       kräftig gerougten Wangen.
       
       Beate Scheder 
       
       Die Zukunft wird hosenlos
       
       Blickt man sich auf den Laufstegen der Berliner Fashion Week um, werden wir
       den nächsten Winter wohl ohne Hosen verbringen oder zumindest in sehr
       kurzen. Das lange, meist nackte und immer sehr dünne Bein (auch in Berlin
       ist Bodypositivity out) prägte viele der Schauen. So marschierte es bei der
       dänischstämmigen Sia Arnika in apokalyptischen Clogs und hohen Stiefeln mit
       Fuchsschwänzen über den Cat Walk, dazu sehr kurze Kleider oder Bodys – ein
       Look, der sich teils auch bei Kasia Kucharska fand.
       
       Die wiederum kombinierte die nackte Haut gern mit dekonstruierten Hemden,
       wie man sie auch bei Vladimir Karaleev sehen konnte, der dem „System:Shirt“
       gleich eine ganze Installation auf der Leipziger Straße widmete. [3][Comme
       des Garçons] ließ herzlich grüßen, übrigens auch in Richtung Kolya
       Bogatyrevs. In dessen (einer der wenigen nicht vom Berliner Senat
       geförderten) Schau im Humana auf der Frankfurter Allee sah man ebenfalls so
       einiges Bein und nicht nur neu zusammengesetzte Hemden, sondern auch gleich
       auseinandergenommene Anzüge, Hosen und durch Draht verstärkte Krawatten.
       
       Das größtenteils sehr junge Publikum war begeistert und schien sich auch am
       Mottenkugelduft der Umgebung nicht zu stören. Passend war die
       unkonventionelle Umgebung allemal, zeigte sie doch Vergangenheit und
       eventuell Zukunft der gezeigten Kollektion, schließlich widmet sich der
       Designer dem Upcycling – auch so ein Wort, welches bei dieser Ausgabe der
       BFW in aller Munde war und teils fast verzweifelt anmutend versucht wurde,
       aus der Bastelecke zu holen.
       
       Häufig kombiniert wurde die neue Mode aus der alten dann mit vielen Gürteln
       und Schleifen (Bogatyrev, BuzigaHill). Weitere Trends des nächsten Herbstes
       werden wohl Spitze und Blütenmuster sein, auch und gerade bei den
       Männerkollektionen wie bei GmbH, so wie Berlin-typische Farbpaletten voll
       Schwarz, Grau, Braun und Beige.
       
       Hilka Dirks 
       
       Zeitlose Traditionen
       
       Szenen wie vom Dorfplatz. Models sitzen auf grünen Klappkisten, als wäre
       eben Wochenmarkt gewesen. Sie knabbern an Sonnenblumenkernen, beugen sich
       über ein Backgammon-Brett. Drei Frauen flechten sich gegenseitig ihre Haare
       zu Zöpfen. Die Kollektion des Berliner Labels Sezgin stellt [4][kurdische
       Kultur und Identität] in den Fokus, zitiert traditionelle Kleidung.
       
       Im Atrium Tower, unter hohen Decken, stellt der Raum.Berlin des Fashion
       Council Germany jeden Tag unterschiedliche Labels vor. Die Grenze „zwischen
       traditioneller Modenschau und interaktiver Installation“ aufzulösen, ist
       hier das Ziel, und so wendet sich die begehbare Schau vom klassischen
       Konzept des Laufstegs ab. Unter den drei ausgestellten Brands findet sich
       auch viel Erwartbares: Extravagante Y2K-Looks, ein menschlicher
       Paradiesvogel in Ballroom-Chic neben einer großen Diskokugel – was man eben
       so unter Mode versteht.
       
       Dagegen tritt Sezgin mit einer auffallend anderen Installation auf.
       Strickpullover und ärmellose Tops in satten, leuchtenden Rot- und
       Blautönen. Lange Zickzacklinien säumen die Tops mit Sonnen, von deren
       Spitzen lose Fäden herunterhängen, verspielt und unverkrampft. Die Models
       streifen durch den Raum, ihre Hüften zieren feine Schmuckketten mit dem
       kurdischen Sonnenemblem. Zwei junge Männer unterhalten sich leise, einer
       dreht sich zu mir um und fragt nach der Zeit. Dann wendet er sich wieder ab
       und versinkt in diesem nachmittäglichen Gefühl der Zeitlosigkeit. 
       
       Nathan Pulver
       
       3 Feb 2026
       
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