# taz.de -- Ökonom über transatlantische Beziehungen: „China nur als Konkurrenten zu sehen, ist falsch“
       
       > Europa müsse sich aus der Abhängigkeit von den USA lösen, sagt Ökonom
       > Patrick Kaczmarczyk. Dazu brauche es einen aktiveren Staat und neue
       > Allianzen.
       
 (IMG) Bild: Treffen zur Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur am 17. Januar 2026
       
       taz: Herr Kaczmarczyk, was haben Sie gedacht, als US-Präsident Donald Trump
       nicht nur sagte, er wolle [1][Grönland] haben, sondern deswegen auch mit
       Zöllen drohte? 
       
       Patrick Kaczmarczyk: Am Anfang habe ich Trumps Grönland-Drohungen auch
       nicht ernst genommen. Das war genauso wie sein Gerede, dass Kanada ein
       US-Bundesstaat werden sollte. Doch dann kam sein Staatsstreich in
       Venezuela. Da war klar, dass er seine imperialistischen Ambitionen ernst
       meint. Deswegen haben mich seine Zolldrohungen wegen Grönland nicht mehr
       überrascht.
       
       taz: Anderen ging es vermutlich ähnlich. Schließlich hatte man schon die
       erste Amtszeit Trumps überstanden. Bestand deswegen nicht auch bei vielen
       die Hoffnung, dass seine zweite Amtszeit nicht so schlimm würde? 
       
       Kaczmarczyk: Da war Frankreich realistischer. Macron hatte schon in seiner
       Rede an der Sorbonne neun Monate nach Trumps erster Vereidigung gefordert,
       dass Europa eine strategische Autonomie gegenüber Amerika brauche. Das war
       vor fast einem Jahrzehnt. In Deutschland wurde er dafür fast nur
       kritisiert, aber vieles von dem, wovor er in seiner Rede gewarnt hat, ist
       jetzt eingetreten.
       
       taz: Zwischenzeitlich hat Trump die Zolldrohungen zurückgenommen. Dafür
       wird jetzt über Grönland verhandelt. [2][Bundeskanzler Friedrich Merz sagte
       in Davos, dass Europa die Message von Trump verstanden habe]. Stimmt das? 
       
       Kaczmarczyk: Spätestens jetzt sollte jedem in Europa klar sein, wohin
       dieser naive Transatlantismus der letzten Jahrhunderte geführt hat. Wir
       haben uns in extreme Abhängigkeiten von den USA begeben. Das betrifft nicht
       nur die Sicherheitspolitik, sondern auch die Wirtschaft.
       
       taz: Europa ist der größte Gläubiger der USA. Ist die Abhängigkeit nicht
       gegenseitiger Natur? 
       
       Kaczmarczyk: Das Überschussland hat in einem Handelskrieg immer mehr zu
       verlieren als das Defizitland, auch wenn beide Seiten Schaden nehmen. Und
       an der schlechten Verhandlungsposition ist Deutschland mit seiner
       ordoliberalen Wirtschaftspolitik selbst schuld.
       
       taz: Warum? 
       
       Kaczmarczyk: Dadurch, dass man gesagt hat, dass sich der Staat
       weitestgehend aus der Wirtschaft heraushalten soll, und man auf die
       Exportwirtschaft statt auf einen starken Binnenmarkt gesetzt hat, war man
       in Deutschland immer abhängig von Impulsen aus dem Ausland. Die USA mit
       ihrem großen Markt waren immer so etwas wie ein consumer of last resort für
       deutsche Konzerne. Und wenn Trump jetzt mit Zöllen droht, dann ist dadurch
       die Nachfrage für Waren made in Germany in Gefahr. Deswegen funktioniert
       das deutsche Geschäftsmodell auch nicht mehr in Zeiten des Protektionsmus.
       
       taz: Wie sollte die Bundesregierung wirtschaftspolitisch auf Trumps
       Imperialismus reagieren? 
       
       Kaczmarczyk: Deutschland und Europa müssen sich von den transatlantischen
       Abhängigkeiten lösen. Dafür braucht es erst mal einen neuen Pragmatismus.
       Die Wirtschaftspolitik muss sich endlich vom allgemeinen Spardiktat und der
       Fixierung auf den Export verabschieden. Ansonsten werden hier die Lage für
       die Industrie und auf dem Arbeitsmarkt noch düsterer [3][und die
       Verteilungskämpfe noch schärfer].
       
       taz: Was bedeutet das konkret? 
       
       Kaczmarczyk: Auf europäischer Ebene ist eine Reform der [4][Schuldenregeln
       von Maastricht] notwendig. Diese setzen den EU-Mitgliedern viel zu enge
       fiskalische Grenzen. Denn wenn die USA als Absatzmarkt wegfallen, muss erst
       mal der Staat einspringen und Nachfrage schaffen. Zudem müssten auch die
       EU-Regeln für staatliche Beihilfen gelockert werden, damit in Europa wieder
       eine aktivere Industriepolitik betrieben werden kann, die den Unternehmen
       bei der Transformation hilft und allgemein stabilere Rahmenbedingungen
       schafft. Da ist man zum Beispiel in Deutschland [5][schon mit dem
       Industriestrompreis an beihilferechtliche Grenzen gekommen].
       
       taz: Birgt eine höhere Staatsverschuldung nicht auch die Gefahr einer neuen
       Eurokrise? 
       
       Kaczmarczyk: Deswegen sollte die Europäische Zentralbank die europäischen
       Staaten auch mit ihrer Geldpolitik unterstützen und letztinstanzlich hinter
       Schuldentiteln stehen. Große Finanzakteure sollten wissen, dass sie nicht
       gegen einzelne Staaten spekulieren können, wie es in der Eurokrise etwa mit
       Griechenland passiert ist. Sie sollten wissen, dass sie sich dann immer mit
       der EZB und dem ganzen Euroraum anlegen.
       
       taz: Die EU versucht sich mit Freihandelsabkommen wie mit den
       [6][lateinamerikanischen Mercosur-Staaten] oder Indien unabhängiger von den
       USA zu machen. Inwiefern wäre der Globale Süden ein strategischer neuer
       Partner für Europa? 
       
       Kaczmarczyk: Strategisch könnte es sich tatsächlich für Europa lohnen, den
       Globalen Süden aufzubauen und als langfristigen Partner zu gewinnen.
       Freihandelsabkommen helfen dabei aber nur bedingt. Einerseits sind sie kein
       Ersatz für die Binnennachfrage, die viel wichtiger ist als der Außenhandel
       mit Drittstaaten. Andererseits sind [7][die Probleme gerade in den ärmsten
       Ländern der Welt zu gravierend]. Um diese anzugehen, müsste man an die
       Grundfesten der internationalen Finanzpolitik und Entwicklungshilfe heran.
       
       taz: In Ihrem aktuellen Buch fordern Sie deswegen auch eine Reform
       internationaler Institutionen. Wie sollte diese aussehen? 
       
       Kaczmarczyk: Entwicklungs- und Schwellenländer müssen deutlich mehr
       Spielräume bei ihrer Entwicklung bekommen. Man muss ihnen das Recht auf
       Protektionismus einräumen, damit sie ihre Wirtschaft fördern können. Und
       Institutionen wie der Internationale Währungsfonds sollten ihre Hilfen
       nicht mehr an Forderungen nach neoliberalen Reformen knüpfen. Staaten wie
       Indien und China konnten erfolgreich wachsen, weil sie den Spielraum
       hatten, sich von diesen marktliberalen Dogmen zu lösen.
       
       taz: [8][China wird längst vor allem auch in Deutschland als Konkurrent
       wahrgenommen, der etwa hiesige Autobauer im Wettbewerb aussticht]. Besteht
       nicht die Gefahr, dass so noch neue Konkurrenten herangezüchtet werden? 
       
       Kaczmarczyk: Wenn wir in dieser Denkweise agieren, müssten wir de facto
       versuchen, das Wachstum in sämtlichen Schwellen- und Entwicklungsländern zu
       unterbinden. Damit geraten wir aber genau in das Nullsummendenken, das die
       gegenwärtigen Spannungen in der Welt befeuert. China nur als Konkurrenten
       zu sehen, ist falsch.
       
       taz: Aber auch China kämpft in der Geopolitik und auf dem Weltmarkt mit
       harten Bandagen. 
       
       Kaczmarczyk: Man sollte gegenüber China nicht naiv sein. Es zu verteufeln,
       ist aber auch falsch. Vielleicht kann Europa aber auch von China zumindest
       in wirtschaftlicher Hinsicht lernen.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Kaczmarczyk: Wenn ein europäischer Konzern in [9][China] investieren
       wollte, hat Peking das mit Auflagen verknüpft. Europäische Unternehmen
       mussten etwa Joint Ventures mit lokalen Unternehmen eingehen. So kam es zu
       einem Wissenstransfer Richtung Fernost, von dem China profitiert hat.
       Solche Vorgaben könnte Europa jetzt auch chinesischen Unternehmen machen,
       wenn sie auf den europäischen Markt wollen.
       
       5 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!s=Gr%25C3%25B6nland/
 (DIR) [2] /Rede-von-Friedrich-Merz-in-Davos/!6142506
 (DIR) [3] /Historiker-ueber-gerechte-Steuern/!6147294
 (DIR) [4] https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Glossareintraege/M/maastrichter-vertrag.html?view=renderHelp
 (DIR) [5] /Schwarz-rote-Milliarden-fuer-Unternehmen/!6085985
 (DIR) [6] /Gruene-Handelspolitikerin-ueber-Vertrag/!6147761
 (DIR) [7] /Oekonomin-ueber-Entwicklungsfinanzierung/!6103654
 (DIR) [8] /Autoindustrie-in-Deutschland/!6147768
 (DIR) [9] /Energiewende-in-Asien/!6147003
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simon Poelchau
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kanzler Merz
 (DIR) Rohstoffe
 (DIR) Donald Trump
 (DIR) wochentaz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Merz in Abu Dhabi: Des Kanzlers neue Freunde
       
       Friedrich Merz will engere Wirtschaftsbeziehungen zu den Golfstaaten. RWE
       vereinbart LNG-Kauf in den Emiraten. Friedensgruppen kritisieren
       Rüstungsexporte.
       
 (DIR) Transatlantikerin über Rohstoffpolitik: „Es ist gut, dass die EU mit am Tisch sitzt“
       
       Die USA verfolgen mit ihrem Rohstoffgipfel ihre geopolitischen Interessen,
       sagt Stormy-Annika Mildner, Direktorin des Aspen Institutes Germany.
       
 (DIR) Deutschland und die USA: Der lange Abschied von Amerika
       
       Die USA waren nach 1945 das Über-Ich der Bundesrepublik. Deshalb wirkt die
       politische Klasse hierzulande angesichts von Trump auch so überfordert.
       
 (DIR) Deutschland und die USA: Eine ziemlich toxische Beziehung
       
       Deutschlands Wirtschaft hängt vor allem an den USA. Wege aus der
       Abhängigkeitsspirale sind mühsam, aber nicht unmöglich.