# taz.de -- Deutschland und die USA: Der lange Abschied von Amerika
> Die USA waren nach 1945 das Über-Ich der Bundesrepublik. Deshalb wirkt
> die politische Klasse hierzulande angesichts von Trump auch so
> überfordert.
„Amerika war das Land, das meinen Begriff von Vergnügen überhaupt definiert
hat. Dort erschien alles offen.“ Wim Wenders
Können wir uns ein Leben ohne die USA vorstellen? Das Gros der Filme, die
Deutsche in Kinos und Streamingkanälen sehen, stammt aus den USA. Hollywood
hat unser Empfinden, wie Geschichten in Bildern auszusehen haben, bis in
die Verästelungen geprägt. Produktionsfirmen von Amazon bis Disney sind in
US-Besitz. Die digitale Infrastruktur, die wir täglich nutzen, wurde zum
größten Teil in den USA erfunden und gehört US-Firmen.
Fast alle global verbreiteten Popstile, von Rock’n’Roll bis Rap, sind in
den Slums oder Vorstädten amerikanischer Metropolen erfunden worden.
Deutsche hören bei Spotify am liebsten Taylor Swift. Eineinhalb Millionen
Deutsche essen jeden Tag bei McDonalds. Militärisch ist Deutschland
abhängig von US-Waffen, digitalen Daten und nachrichtendienstlichen
Informationen.
Die deutsche Kultur, Politik und Gesellschaft sind stärker als die anderer
europäischer Länder in den vergangenen 80 Jahren von den USA geprägt
worden. Die US-Popkultur erschien vielen nach 1945 Geborenen als Ersatz für
die im NS-Terror zugrunde gegangen nationale Identität. Jazz und Blues,
Miles Davis und Elvis verströmten einen lässigen Hedonismus, der ein
Gegengift zu den formierten Nazi-Körpern und der Tristesse der 50er Jahre
bildete.
## Amerikanisiertes Unterbewusstsein
Der Regisseur Wim Wenders, geboren 1945, hat die abgründige Faszination der
amerikanischen Kultur präzise ausgelotet. „Ohne Rockmusik wäre ich
verblödet“, hat er gesagt und eine Textzeile von [1][Velvet Underground]
zitiert. „Rock’n’Roll has saved my life“. Wenders in melancholischem,
hartem Schwarz-Weiß gehaltener Film „Im Lauf der Zeit“ aus dem Jahr 1976
handelt von der Reise zweier Männer, die entlang der innerdeutschen Grenze
führt. Bruno (Rüdiger Vogler) erzählt Robert (Hanns Zischler) einmal, dass
er bei einem Streit mit seiner Frau die Melodie von Elvis Songs „[2][Mean
Woman Blues]“ im Ohr hatte.
„Die Amerikaner haben unser Unterbewusstsein kolonialisiert.“ Ein Satz, den
man aus dem französischen Kino nicht kennt. „[3][Im Lauf der Zeit]“ ist ein
Roadmovie, ein Genre, das in den USA erfunden wurde. Wenders verbeugt sich
vor dem US-Regisseur Nicholas Ray, dessen Filme er darin zitiert. Wie viele
in der postfaschistischen Republik suchte Wenders nach moralisch und
ästhetisch brauchbaren Vaterfiguren. Das NS-Regime hatte Traditionslinien
ausgelöscht oder korrumpiert.
Die US-Kultur war eine Möglichkeit, diese Lücke zu füllen. Es ist
vielleicht kein Zufall, dass Wenders und [4][Werner Herzog], beide sehr
deutsche Charaktere, in Hollywood lebten und arbeiteten – anders als
Godard, Truffaut, Fellini, Kaurismäki, Almodóvar, Ozon. Was in den USA in
Mode war, kam später auch nach Deutschland. Start-ups und Nike Schuhe,
[5][Milkshakes, Onlineshopping] und Marvel-Filme. Die kulturelle
Amerikanisierung ist ein globales Phänomen. Aber in der Bundesrepublik war
sie besonders.
Die Deutschen saugten auf, was aus Übersee kam. Sie waren das brave Kind
und der demokratische Musterschüler, die USA das Vorbild, dem man
nacheiferte und das die Rolle des geachteten (und nur heimlich oder an den
politischen Rändern verwunschenen) Vaters spielte. Die USA waren das
Über-Ich der Bundesrepublik. Jan Phillip Reemtsma hat vor längerer Zeit
scharfsinnig darauf hingewiesen, dass die „kulturell weitgehende
Identifizierung mit den USA“ auch eine Unterwerfung war, nicht nur
Befreiung der Körper durch Konsum und Popkultur.
## Frankreich machte sich früh unabhängig
Westdeutschland ordnete sich nach 1945 der Autorität der potenten
Siegermacht unter. Nazi-Deutschland hatte [6][das größte Verbrechen der
Menschheitsgeschichte] begangen – die USA verkörperten die Macht, die
strafen konnte, aber darauf (anders als in Japan) verzichtete. Der Kalte
Krieg sorgte dafür, dass die USA im westdeutschen Psychohaushalt gusseisern
die Rolle der Schutzmacht besetzten, die garantierte, dass die befürchtete
Strafe, „die Rache der Russen“, ausblieb.
Das ist eine psychodynamische Grundlage für die Fixierung auf die USA.
Deshalb ist das Ende des Westens, das wir gerade erleben, auch ein Drama
der alten Bundesrepublik, das man im Osten eher interessiert beobachtet.
1962 besuchte der US-Botschafter in Paris Präsident Charles De Gaulle und
berichtete, dass die USA die Häfen in Kuba verminen werden. De Gaulle
unterbrach den US-Botschafter mit dem Satz: Erzählen Sie mir das oder
fragen Sie mich? In Bonn und in Berlin wäre dieser Satz kaum einem Kanzler
über die Lippen gekommen. (Gerhard Schröder 2003 war die Ausnahme.)
Dass die USA die Bundesrepublik in geopolitischen Affären nicht zu fragen
brauchten, verstand sich nahezu von selbst. Frankreich rüstete in den 60er
Jahren atomar auf und stieg militärisch für Jahrzehnte aus der Nato aus. In
der Bundesrepublik hält man auch 2026 den Abzug der US-Militärs noch immer
für einen Schicksalsschlag, den es unbedingt zu verhindern gilt. Es mag
angesichts der Drohungen aus Moskau gegen Europa Gründe geben, US-Soldaten
für vorteilhaft zu halten – aber die panische Angst, von der Schutzmacht
verlassen zu werden, hat irrationale Anteile.
Der frühere SPD-Außenminister Heiko Maas sagt: „In einem Familienverhältnis
hätten die USA die Rolle der Eltern, wir die des Kindes.“ Dieses Zitat
steht in Holger Starks lesenswertem Buch „[7][Das erwachsene Land] –
Deutschland und Amerika eine historische Chance“, das die Stationen der
transatlantischen Entfremdung nachzeichnet.
## Zähes Festhalten an der Nato
Der Westen ist zerbrochen. Die Trump-USA haben die Rolle des schützenden
Vaters abgestreift wie einen alten Mantel. Alles, was selbstverständlich
war, wankt, auch das Selbstbild der Bundesrepublik. Die Meistererzählung
der Bundesrepublik, entworfen von dem Historiker Heinrich August Winkler,
war die erfolgreiche Westbindung: Die Deutschen haben demnach nach 1945,
unter Führung der USA, den weiten Weg nach Westen absolviert, das
Autoritäre gezähmt, den Sonderweg beendet.
Seit 1990 ist die deutsche Frage gelöst, Deutschland ist zivil, freundlich
und reich geworden. Diese gefeierte Selbsterzählung war keine nüchterne
Beschreibung, es war eine Erlösungsgeschichte, die die Frage aufwarf: Was
kommt eigentlich nach dem Happy End? Nichts Gutes. Das bundesdeutsche
Narrativ von der glücklichen Ankunft im zivilen Westen verdampft jedenfalls
in dem Moment, in dem man vom Westen nur noch in der Vergangenheitsform
reden kann.
US-Präsident Donald Trump will die EU zerschlagen und die Nato auflösen,
jedenfalls manchmal. Die hiesige politische Klasse wirkt angesichts dieser
Drohungen meist eingeschüchtert, selten trotzig, immer ratlos. Wenn Trump
es beliebt, freundliche Töne anzuschlagen, lodert in Deutschland die
Hoffnung, dass man ihn mit Geschenken günstig stimmen kann. Oder dass all
dies nur ein böser Traum ist, und wenn man die Augen aufmacht, alles wieder
so ist wie früher.
Bestenfalls wird angekündigt, dass Europa jetzt aber wirklich unabhängig
von den USA werden sollte, um dann dort für Milliarden Dollar Waffen zu
kaufen. Die politische Klasse besteht aus gescheiten, strategisch denkenden
Köpfen, die hochgezüchtete Analyseapparate nutzen. Aber das Ende des
Westens ist eine affektive Überforderung. Für die politische Elite der
Bundesrepublik, allesamt mehr oder weniger Boomer, war das besondere
transatlantische Verhältnis eine Selbstverständlichkeit.
## Assoziationen an die späte DDR
Die Linksliberalen hielten die USA, trotz [8][Abu Ghraib] und dem
Irakkrieg, immer für den Garanten der westlichen Demokratie. Der
Antiamerikanismus war ein Phänomen der Linksextremen und vor allem der
völkischen Rechten, die auf nationaler Identität ohne wirklichen Bruch zum
Nationalsozialismus beharrten. In der Ära Trump ist das implodiert. Vance &
Co haben die liberalen Transatlantiker zum Gegner erklärt. Die AfD ist
derzeit die proamerikanische Partei.
Kurzum: Das Ende des Westens ist kein Ereignis, das mit einer
entschlossenen Renovierung unserer Weltsicht zu bearbeiten ist. Das Ende
des Westens ist das Ende dieses Weltbildes selbst. Die brütende
Ratlosigkeit der politischen Klasse, die flüchtige Hoffnung, dass es schon
nicht so schlimm kommen wird und der lähmende Attentismus, mag an die
Endzeit der DDR erinnern. Die SED-Führung befand sich nach 1985 in einem
Dilemma. Einerseits ahnte sie, dass [9][Michail Gorbatschow] eine
Revolution anzettelte, die die Nachkriegsordnung zum Einsturz bringen
konnte.
Andererseits verdankte die DDR der Sowjetunion, der Siegermacht des Zweiten
Weltkrieges, ihre Existenz und es war Staatsraison der DDR, Moskau zu
gehorchen. Dieser Widerspruch war unlösbar. Es gab keinen Ausweg. Die
Selbstabwicklung der UdSSR, die von ihrer Rolle als Supermacht überfordert
war, überstieg den Horizont des Denkbaren. Bis zum Abend des [10][9.
November 1989] begriff die politische Elite der DDR nicht, was geschah.
Natürlich ist die Bundesrepublik 2026 stabiler als die DDR 1989. Sie ist
ein funktionierender demokratischer Staat, mit einer vitalen Ökonomie und
Öffentlichkeit und eingebettet in die EU. Aber es gibt ein paar
Ähnlichkeiten. Trump ist wie Gorbatschow eine Reaktion auf eine imperiale
Überdehnung einer Supermacht, die eine radikale Neudefinition der
internationalen Ordnung nach sich zieht. Die bundesdeutschen Politiker, die
sich nach jeder Demütigung aus Washington zum Bündnis mit den USA bekennen
oder nuschelnd vor einer US-Invasion in Grönland warnen, erinnern in ihrer
ideologisch verformten Realitätsverdrängung an das taube SED-Politbüro.
Europa muss sich von den USA abkoppeln. Der französische Präsident Emmanuel
Macron hat das schon vor fast zehn Jahren vorgeschlagen. In Berlin fand man
das nach 2017 eher lästig und klammerte sich an die Rolle des
Musterschülers der USA. Das Ende des Westens mag sich für manche
Bundesdeutsche anfühlen, als würde ihnen ihre zweite Haut abgezogen.
Vielleicht werden erst Jüngere kühl, ohne Affekte und bohrenden
Abschiedsschmerz die transatlantische Trennung vollziehen und erkennen, was
die USA sind – ein unberechenbarer Konkurrent in der neuen, gewalttätigen
Weltordnung.
25 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rollingstone.de/wim-wenders-velvet-underground-haben-mein-leben-gerettet-377543/
(DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=ImKAL0sGSt8&list=RDImKAL0sGSt8&start_radio=1
(DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=SJQjB569cW0
(DIR) [4] /Werner-Herzog-hat-jetzt-ein-Handy/!6116421
(DIR) [5] /Klaus-Walter/!a30015/
(DIR) [6] /Shoa/!t5028483
(DIR) [7] https://www.radioeins.de/programm/sendungen/der_schoene_morgen/_/-das-erwachsene-land--deutschland-ohne-amerika---eine-historisch.html
(DIR) [8] /Irakisches-Kriegsgefaengnis-Abu-Ghraib/!5075696
(DIR) [9] /Michail-Gorbatschow/!t5029156
(DIR) [10] /Mauerfall-am-9-November-1989/!6045311
## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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