# taz.de -- Venezuelas Ölindustrie: Zugang für US-Konzerne stößt auf wenig Begeisterung
> US-Energieminister Wright ist in Caracas, um US-Investitionen in die
> marode Ölindustrie des Landes anzuschieben. Nur: Zu viele Fragen sind
> noch offen.
(IMG) Bild: Noch sind sie offenbar guten Mutes: Ölarbeiter:innen bei der Feier zur Verabschiedung des neuen Ölgesetzes in Caracas
Vom Sanktionierer sind die USA zum Freund und Helfer mutiert. Dieses Bild
zu vermitteln bemühte sich US-Energieminister Chris Wright, als er am
Mittwoch in Venezuelas Hauptstadt Caracas eintraf. Es war der erste Besuch
eines US-Kabinettsmitglieds, seit [1][US-Spezialeinheiten Anfang Januar
überraschend in Caracas gelandet waren und den venezolanischen Machthaber
Nicolás Maduro nach New York entführt hatten]. Er sei nun hier, sagte
Wright, um Venezuela zu helfen, seine Öl- und Gasproduktion drastisch zu
erhöhen.
Der Zugriff auf die Ölressourcen des Landes war eins der wichtigsten Motive
für die Attacke gewesen. Die Regierung der USA hat einen 100 Milliarden
Dollar teuren Wiederaufbauplan für die [2][marode venezolanische
Fossilindustrie] vorgelegt, bei dem die großen US-Konzerne mitmachen
sollen.
Tatsächlich hat das Parlament in Caracas inzwischen im Schnellverfahren ein
Gesetz verabschiedet, das den Erdölsektor für private Unternehmen öffnen
soll. Dieses „organische Gesetz für fossile Brennstoffe“ soll 50 Jahre
Staatsmonopol beenden – und ausländische Investoren anziehen. Zugleich
[3][hoben die USA Sanktionen auf Öl aus Venezuela weitestgehend auf].
Doch viele Fragen sind offen. Bislang durften lediglich Konsortien und
Gemeinschaftsunternehmen unter Führung des staatlichen Ölkonzerns PDVSA
tätig werden. Das neue Gesetz gestattet die Erschließung durch „private
Unternehmen mit Sitz in Venezuela“. Die ausländischen Minderheitseigner
können nun operatives Geschäft und Vermarktung bestimmen.
## Ausländische Gerichtsverfahren
Um den Einstieg attraktiver zu machen, werden Konzessionen und Steuern
gesenkt. Außerdem können Rechtsstreitigkeiten mit transnationalen Firmen
künftig vor ausländischen Gerichten ausgetragen werden.
„Das ist ein dramatischer Rückschritt“, sagt Manuel Sutherland der taz. Er
ist Direktor des Zentrums für Forschung und Arbeiterausbildung (Cifo) in
Caracas. „Das passiert nur in Ländern, in denen die Institutionen
schrecklich schwach sind – und beweist, dass eine wirtschaftliche Öffnung
ohne vorherige institutionelle und demokratische Reformen große Risiken mit
sich bringt.“ Offen sei zudem, ob der venezolanische Staat solche Urteile
dann anerkenne.
Die Frage ist auch, wer den fossilen Energieträger überhaupt will. China,
einst wichtigster Abnehmer, kauft seit Januar nichts mehr. Raffinerien an
der US-Golfküste, die in der Lage sind, das venezolanische Schweröl zu
verarbeiten, sind schon jetzt mit steigenden Lieferungen konfrontiert. Die
Exporte in die USA haben sich im Januar auf 284.000 Barrel pro Tag fast
verdreifacht. Die Raffinerien klagen, dass die Preise im Vergleich zu
konkurrierenden kanadischen Sorten zu hoch seien. Die Handelshäuser Vitol
und Trafigura, die neben dem US-Konzern Chevron Lizenzen für den Export
erhielten, haben Mühe, Käufer zu finden.
## Joker von außen
Indien könnte die Situation entlasten. Der dort ansässige Mischkonzern
Reliance Industries erwägt Importe, nachdem Trump zuletzt [4][ein
Handelsabkommen mit Neu-Delhi] verkündet hatte. In dem verpflichtet sich
Indien, Öl nicht mehr von Russland zu kaufen – sondern von den USA und
möglicherweise auch aus Venezuela. Dafür erhält Indien US-Zollsenkungen.
Wie überzeugt von einem Einsatz in Venezuela die von der US-Regierung quasi
eingeplanten US-Ölfirmen sind, muss sich noch zeigen. Bei einem ersten
Treffen kurz nach der Entführung Maduros hatte Trump vor allem Absagen
geerntet. „Nicht investierbar“ nannte Darren Woods von Exxon Mobil
Venezuela damals. Auch sonst hielt sich der Enthusiasmus in Grenzen. Die
[5][New York Times wies darauf hin, dass das Problem für Trumps Plan darin
liegt, dass die US-Regierung Privatfirmen nichts vorschreiben könne]. Trump
wolle niedrige Ölpreise, die Firmen höhere – auch, damit sich die riskanten
und teuren Investitionen lohnen.
„Die Vereinigten Staaten haben die absolute Kontrolle über das
venezolanische Öl“, sagt Cifo-Ökonom Sutherland jetzt. Wie verkauft wird,
wie vermarktet, wo die Einnahmen landen. Sogar über das Leichtöl, das
importiert wird, um das venezolanische Schweröl exportierbar zu machen.
Dazu kommt: Venezuela darf mit den Öl-Einnahmen nur US-Produkte kaufen.
„Das ist eine neokoloniale Auflage“, sagt Sutherland.
## Inhaltliche und rechtliche Kritik
Und es führt zu einem weiteren Problem: [6][der faktischen Dollarisierung
des Landes, auf die das Finanzsystem nicht eingerichtet ist]. Darauf weist
Ricardo Hausmann hin, der in den 90ern venezolanischer Planungsminister war
und heute das Harvard Growth Lab an der Harvard Kennedy School leitet. Denn
diese Dollarisierung treibe die Hyperinflation weiter an und mache
Investitionen in dem eh schon teuren Land noch teurer.
Das neue Gesetz widerstrebt sowohl der chavistischen Basis als den
Transnationalen. Vor allem richte es sich nach US- und nicht nach
venezolanischen Interessen, so Sutherland. Es gebe keine Auflagen für die
ausländischen Unternehmen, nationale Wertschöpfung zu unterstützen. Weder
sei eine Entschädigung venezolanischer Unternehmen, die Öl-Dienstleistungen
erbringen und enteignet wurden, vorgesehen noch ein Fonds, um die
Sozialleistungen und Pensionen von Mitarbeiter:innen der einheimischen
Erdölbranche zu sichern.
Neben der inhaltlichen Kritik formuliert Sutherland auch rechtliche
Bedenken gegen das neue Gesetz. Seiner Meinung nach verstößt der ganze
Prozess seines Zustandekommens gegen die Verfassung. So belege das Tempo,
wie undemokratisch Venezuela sei – und das könne auch zum Bumerang werden:
„Ausländische Unternehmen können sich denken, dass das Gesetz genauso
schnell wieder rückgängig gemacht werden kann“, sagt Sutherland.
Ebenso verfassungsrechtlich schwierig sei, dass es dem Staatskonzern und
der Regierung erlaubt, Verträge über das Öl schließen – ohne Debatte und
Entscheidung im Parlament, wie es für eine schwerwiegende Entscheidung für
die Nation vorgesehen ist. Denn wie in vielen lateinamerikanischen Ländern,
deren Recht auf dem spanischen Modell basiert, gehört dem Staat und damit
dem venezolanischen Volk, was unter der Erde ist.
Ganz nebenbei wurde das Gesetz nun von einer Regierung vorgelegt und von
einem Parlament beschlossen, die die USA gar nicht anerkennen. Die letzte
anerkannte Parlamentswahl fand 2015 statt. „Das ist alles eine rechtliche
Grauzone“, sagt Sutherland.
## Verfassung? Egal
Auch Hausmanns Kritik geht in eine ähnliche Richtung: „Die USA handeln
außerhalb jeglichen Verfassungsrahmens – genau wie Maduro es zu tun
pflegte“, sagte er in [7][einem Interview mit der Zeitung El País]. Seriöse
Firmen würden nicht investieren wollen, solange es keine Rechtssicherheit
und Vorhersehbarkeit gebe. Ohne Freiheit gebe es auch keine
Eigentumsrechte.
Interessant finden die Ökonomen auch die Frage, was die neue Situation
Venezuela bringt. Am deutlichsten wird Hausmann: Wenn die USA die
[8][Interimspräsidentin Delcy Rodríguez] nicht dazu brächten, alle
politischen Gefangenen freizulassen, die Demokratie wiederherzustellen und
eine sichere Rückkehr der Exil-Venezolaner:innen zu ermöglichen, werde sich
die Wirtschaft nicht erholen.
12 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /US-amerikanischer-Angriff-auf-Venezuela/!6144184
(DIR) [2] /Venezuelas-Oel-wird-nicht-gebraucht/!6142672
(DIR) [3] /Nach-dem-Angriff-auf-Venezuela/!6143440
(DIR) [4] /Zoll-Einigung-von-Indien-und-USA/!6151198
(DIR) [5] https://www.nytimes.com/2026/01/17/business/dealbook/venezuela-oil.html
(DIR) [6] https://www.euronews.com/business/2026/01/28/fresh-oil-dollars-wont-fix-venezuelas-economy-says-former-minister
(DIR) [7] https://english.elpais.com/international/2026-01-31/ricardo-hausmann-if-trump-does-not-facilitate-the-transition-to-democracy-we-will-have-to-oppose-his-strategy.html
(DIR) [8] /Medien-in-Venezuela/!6150585
## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Venezuela
(DIR) Erdöl
(DIR) Fossile Brennstoffe
(DIR) US-Angriff auf Venezuela
(DIR) Javier Milei
(DIR) Kuba
(DIR) Venezuela
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Trump und Südamerika: Rechte Blockbildung
Die USA versuchen, in Lateinamerika eine neue Allianz zu schmieden – als
Gegengewicht zu den Brics-Staaten. Milei ist einer ihrer Bündnispartner.
(DIR) Energiekrise in Kuba: Regierung verkündet Vier-Tage-Woche
Dass die USA dem Inselstaat den Ölhahn zugedreht haben, trifft Kuba hart.
Zu den Sparmaßnahmen als Reaktion darauf gehören auch Benzinrationierungen
sowie die Schließung touristischer Anlagen.
(DIR) Ökonom über transatlantische Beziehungen: „China nur als Konkurrenten zu sehen, ist falsch“
Europa müsse sich aus der Abhängigkeit von den USA lösen, sagt Ökonom
Patrick Kaczmarczyk. Dazu brauche es einen aktiveren Staat und neue
Allianzen.
(DIR) Medien in Venezuela: Pressefreiheit auf Bewährung
In Venezuela sitzen weiterhin Journalisten in Haft. Die neue
Interimsregierung verspricht Straferlass, doch Medien stehen unter Druck.