# taz.de -- Kürzungen in der Jugendhilfe: Keine Lobby für die offene Arbeit
> Weil an Angeboten für geflüchtete Kinder gespart wird, fordern
> Jugendhilfeausschüsse einen Nachtragshaushalt. Senat sagt, er tue genug
> für Kinder.
(IMG) Bild: Protest gegen die Unterfinanzierung der offenen Jugendarbeit, hier am 19. Dezember vor dem Sitzungsraum des Familienaussschusses
Schlechte Stimmung herrscht derzeit in Hamburg zwischen den Vertreterinnen
der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) und der Familienbehörde. Denn
es gibt im Haushalt 2026 für die rund 250 Einrichtungen in der Stadt zu
wenig Geld. Und wie berichtet [1][kürzt die Stadt bei Projekten für
Geflüchtete]. Obendrein ist nicht klar, ob mit dem Haushalt 2027 noch
Schlimmeres droht.
So gab es denn eine Demo vor der Tür, als Hamburgs Bildungssenatorin
Ksenija Bekeris (SPD) im Familienausschuss die Senatspolitik erklärte.
Motto: „Entschlossen gegen Kürzungen – Kinderrechte verteidigen!“. Bekeris
reagierte diplomatisch. Sie habe einen „guten Austausch“ vor der Tür gehabt
und freue sich über die Unterstützung. Doch ihre Botschaft lautete: Hamburg
tut schon viel für Familien und Kinder. „Meine Behörde verfügt über ein
Drittel des Hamburger Haushalts. Das ist eine klare Prioritätensetzung.“
Das ist aber erst so, seit Bekeris eine Mammutbehörde leitet, weil sie im
Sommer von Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) das Amt für Familie
übernahm. Ob es günstiger ist für den Kampf um Ressourcen, wenn im
rot-grünen-Senat eine Frau allein für die alle Belange des Nachwuchses
streitet, wird sich zeigen. Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) soll für
2027 einen Haushalt der Grausamkeiten angekündigt haben, weil Geld fehlt.
Bekeris warf zur Verdeutlichung eine Kurve an die Wand. 2,3 Milliarden Euro
gebe Hamburg 2026 für „Jugend und Familie“ aus, 30 Prozent mehr als 2021.
Darin enthalten sind der große Etat der Kinderbetreuung, der die
Berufstätigkeit der steuerzahlenden Eltern erst ermöglicht, und der große
Etat der „Hilfen zur Erziehung“ für Familien, die das Jugendamt betreut.
Hier passieren Steigerungen automatisch, weil das gesetzliche
Pflichtleistungen sind.
## Tausende Kinder wachsen in Unterkünften auf
Die Offene Kinder- und Jugendarbeit hat dagegen keine rechte Lobby. Es sind
offene Treffs, Bauspielplätze und Jugendclubs, wo Kinder und junge Menschen
einfach so hingehen und sich verwirklichen können. 46 Millionen Euro
erhalten die sieben Hamburger Bezirke als „Rahmenzuweisung“ für die Kinder-
und Jugendarbeit, die Familienförderung und weitere Sozialprojekte. Der von
den Bezirken gemeldete Bedarf war aber höher. Auch die Tarifanhebung für
die Beschäftigten ist nicht berücksichtigt.
Und – das führte vor Weihnachten zum Eklat – es gibt weniger Geld für
„[2][Sozialräumliche Integrationsnetzwerke]“ (SIN) für Kinder und
Jugendliche in Flüchtlingsunterkünften. Statt 12 Millionen Euro nur noch
neun. Das führt dazu, dass [3][rund 30 Projekte ihre Arbeit einstellen] und
viele weitere diese reduzieren müssen. Dadurch fällt etwa ein Kochkurs für
junge geflüchtete Männer weg oder ein Bewegungsangebot für Frauen und
Kinder.
Dabei, das ergab eine Anfrage der [4][CDU-Abgeordneten Silke Seif], lebten
Stand 31. Dezember rund 22.400 junge Menschen in den Unterkünften der
Stadt, die Anspruch auf offene Angebote nach Jugendhilfegesetz haben.
Darunter knapp 5.000 Vorschulkinder, knapp 4.000 Grundschulkinder, 5.340
Kinder von 11 bis 17 Jahren.
Wieso denn der Bedarf geringer sei, wenn die Zahlen gleich blieben, wollte
die CDU wissen. Die Antwort des Senats zu verstehen, erfordert etwas Mühe.
Die Menschen, also auch die Kinder, lebten im Schnitt 3,7 Jahre in den
[5][Gemeinschaftsunterkünften]. In dieser Zeit seien sie „in den
Regelsystemen der Stadt angekommen“. Damit sei das Ziel der SIN-Förderung
erfüllt und davon auszugehen, dass [6][der Geldbedarf sinkt].
Bekeris führte aus, dass die Kinder in die Kita gingen und die Schüler in
die Ganztagsschule. Sie hätten nach einer Ankommensphase nicht mehr den
Stempel „Geflüchtete“ auf dem Kopf, „dann möchte ich nicht mehr, dass wir
unterscheiden“. Die Senatorin entschuldigte sich, dass die Höhe der
SIN-Mittel erst so spät im Jahr bekannt wurde, und versprach künftig
Besserung und eine Bedarfsanalyse.
Doch etwa 50 Zuschauende aus der OKJA ärgerte der Vortrag der Senatsbank so
sehr, dass sie den Saal verließen und noch „Eure Lügen ohne uns!“
skandierten. Träger mussten wegen der Kürzung sehr kurzfristig Leute
entlassen. Auch ist die Senats-Argumentation fachlich fraglich. Denn gerade
das mehrjährige [7][Aufwachsen von Kindern in Sammelunterkunften gilt als
belastend]. Sprich: Je länger Kinder in so einer Ausnahmesituation ohne die
Privatsphäre einer familiären Wohnung leben, desto höher ist eigentlich der
Bedarf an Freizeitangeboten außerhalb dieser Unterkünfte.
„Hier vertauscht man Äpfel mit Birnen“, sagte der Linken-Jugendpolitiker
Jan Libbertz in Richtung Bekeris. „Denn die OKJA bietet Freiraum, und
Schule ist immer ein Zwangskontext.“
Die Arbeitsgemeinschaft der OKJA-Träger scheint ziemlich ratlos. „Das Geld
reicht einfach nicht“, sagt Vera Koritensky vom [8][Verband für Kinder und
Jugendarbeit]. „Wir müssen sehen, ob wir Angebote einstellen oder tageweise
schließen.“ Auch müsse man Kooperationen mit Ganztagsschulen einstellen.
Denn bisher öffnen Kindertreffs und Bauspielplätze ab mittags ihre Türen
auch für Schüler.
## Zu niedrige Haushaltszahlen für 2027
Die Jugendhilfeausschüsse in den Bezirken Mitte, Bergedorf und Altona
fordern mit einer Eilresolution vom Senat jetzt doch noch mal einen
Nachtragshaushalt für die OKJA über insgesamt 10 Millionen Euro. Darin
enthalten wären die Rücknahme der SIN-Kürzung, die Berücksichtigung der von
den Bezirken angemeldeten Bedarfe und die Tarifsteigerung.
Die Ausschüsse fordern den Senat außerdem auf, im Haushalt 2027/28 für den
„bedarfsgerechten Ausbau“ der Arbeitsfelder zu sorgen, „im Interesse junger
Menschen und ihrer Familien“ und „zur Verwirklichung von Kinderrechten“.
Argumente dafür gibt es viele. Es gibt heute weniger Angebote als 2012,
obwohl 30.000 junge Menschen mehr in der Stadt leben.
Tatsächlich sind im aktuellen Haushaltsplan für 2027 und 2028 sogar schon
niedrigere Zahlen angekündigt. Statt 46 Millionen Euro sollen es nur 42
Millionen sein. Droht also nun obendrein noch eine deftige Kürzung?
Bekeris’ Sprecher erklärt, darin seien Kostensteigerungen noch nicht
berücksichtigt, die würden noch „angepasst“. Immerhin.
6 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Hamburger-Jugendhilfe-in-Not/!6139186
(DIR) [2] https://suche.transparenz.hamburg.de/dataset/sozialraeumliche-integrationsnetzwerke-sin-hamburg8
(DIR) [3] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/102128/23_02542_ohne_sin_und_verstand_folgen_der_mittelkuerzungen_um_drei_millionen_euro#navpanes=0
(DIR) [4] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/102331/23_02694_sozialraeumliche_integrationsnetzwerke_sin_kuerzungen_ab_2026_und_steuerung_der_mehrbedarfe#navpanes=0
(DIR) [5] /Protest-in-Hamburger-Unterkunft/!6065227
(DIR) [6] /Projekte-fuer-Integration-gekappt/!6132060
(DIR) [7] /Sozialarbeiter-ueber-miese-Unterkuenfte/!6082998
(DIR) [8] https://www.kinder-undjugendarbeit.de/index.php?id=94
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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