# taz.de -- Öffentliche Unterbringung in Hamburg: Kindheit ohne Privatsphäre
       
       > Über 13.000 Kinder und Jugendliche leben in Hamburg in Unterkünften. Das
       > ist ungesund, weiß auch die Stadt. Nun fordert das Jugendparlament
       > Abhilfe.
       
 (IMG) Bild: Aufwachsen in der Behelfsunterkunft: Jugendliche spielen Fußball in der Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete
       
       Am Samstag, dem 16. Mai, fand im Hauptgebäude der Uni Hamburg ein ganz
       besonderer Fachtag statt. Das Jugendparlament der [1][Kinder aus den
       Unterkünften] für Geflüchtete lud ein, um über ihre Lage zu berichten. Nach
       einem Fachtag im Juli und November 2025 war es schon die dritte solche
       Zusammenkunft. Da sich bislang wenig änderte, sollte es diesmal um die
       Gesundheit gehen. „Es ist wichtig, dass Sie heute hören, wie wir uns
       wirklich fühlen“, sagte der Junge Hamodi zur Begrüßung.
       
       Fakt ist: In Hamburg leben Kinder nicht nur vorübergehend in öffentlichen
       Unterkünften. Sie bleiben über Jahre und wachsen dort auf. Laut
       Sozialbehörde lebten Ende April 7.253 Familien und insgesamt 13.401
       minderjährige Personen in Räumen des [2][stadteigenen Trägers Fördern &
       Wohnen] (F&W).
       
       „Viele Menschen wissen vielleicht nicht, wie das Leben in einem Wohnheim
       wirklich ist“, sagte die Jugendliche Marwa, die vor drei Jahren ins Land
       kam und mit ihrer Familie in einer Unterkunft in Bergedorf lebt. „Es ist
       ständig laut. Es gibt oft Streit, Unruhe und Stress. Man hat keinen ruhigen
       Ort zum Lernen. Es gibt keine Privatsphäre.“
       
       Das sei sehr belastend. Ihr kleiner Bruder komme nach der Schule nach Hause
       und frage: „Mama, wann kann ich so leben wie meine Mitschüler?“ Diese Worte
       täten ihr weh, denn kein Kind sollte sich weniger Wert fühlen als andere.
       
       ## Verdreckte Toiletten erzeugen Stress
       
       Die mehr als 150 Unterkünfte, die F&W in den letzten Jahren aufbaute, sind
       unterschiedlich. Es gibt Modulbauten mit baulich abgeschlossenem Wohnraum,
       es gibt aber auch hellhörige Containerunterkünfte und solche, wo viele
       Personen sanitäre Anlagen gemeinsam nutzen müssen. Da macht es was aus, ob
       Menschen dort kurzfristig oder länger leben.
       
       Denn Kinder brauchten ein Zuhause, um gesund aufwachsen zu können. Das
       erklärte die Ärztin Meike Nitschke-Janssen, die auf Einladung des
       Jugendparlaments einen Vortrag über „Gesundheitliche und
       entwicklungsbezogene Folgen durch die aktuelle Unterbringungsdauer von
       Minderjährigen“ hielt. Die betrug nach Angaben des Senats vom Februar 3,7
       Jahre.
       
       Nitschke-Janssen, die in Hamburg-Osdorf die Praxis für Interkulturelle
       Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie ([3][Iccura]) leitet, ist
       seit über zehn Jahren mit Projekten und Sprechstunden in den Unterkünften
       tätig. Sie kennt Patienten, die 2016 ankamen und noch immer dort leben.
       
       Die Ärztin zeigte das Bild einer schmutzigen Toilette aus einer Unterkunft.
       So sehe es aus, „wenn zu viele Menschen zu wenige sanitäre Anlagen haben
       und auch nicht das Mandat, es sich so einzurichten, wie sie es gerne
       hätten“. Bei kleinen Kindern, die lernen müssen, ihre Körper zu spüren und
       auf Toilette zu gehen, könne dies zu Ausscheidungsstörungen führen.
       
       Wenn menschliche Fäkalien zu riechen sind, reagiere das Nervensystem mit
       Ekel. „Das stresst uns natürlich“, sagte Nitschke-Janssen. Auch häufige
       Polizeieinsätze und miterlebte Gewalt lösten Stress aus. Kurzfristiger
       akuter Stress, etwa das Rennen nach einem Bus, baue sich wieder ab.
       
       Chronischer Stress dagegen führe zu einer dauerhaften Ausschüttung von
       Adrenalin, was zu Schlafstörungen führe. Zusätzlich werde Cortisol
       ausgeschüttet, was zu verschiedenen Symptomen führen könne, wie
       Verdauungsprobleme, Bluthochdruck, hohem Blutzucker, einem geschwächten
       Immunsystem sowie Angstzuständen, Kopfschmerzen und einer Depression. Teils
       hätten auch 17-Jährige schon Herzprobleme.
       
       Nitschke-Janssen wies auch auf etwas hin, das bereits vor einem Jahr
       Eingang in das „[4][Kinderschutzkonzept]“ von F&W gefunden hat: Kleine
       Kinder müssen los krabbeln können, um zu lernen. Das geht dort schlecht. Es
       fehlt Raum für „Exploration“.
       
       Den [5][Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen] würden „insbesondere
       Gemeinschaftsunterkünfte nur unzureichend gerecht“, schreibt die Stadt in
       dem Konzept. Sie räumt ein, dass sich die Verweildauer immer weiter
       verlängerte, sodass viele „in einer Wohnsituation aufwachsen, die ihre
       Entwicklung beeinträchtigt“.
       
       Die Jugendliche Rula sagte im Anschluss: „Ich selbst bin davon betroffen
       und lebe seit acht Jahren im Wohn- und Fördersystem.“ Sie führte an, dass
       jeder Platz dort über 800 Euro koste, und fragte: „Warum wird [6][so viel
       Geld für teure Zwischenlösungen] ausgegeben, statt Geld zu geben, um
       bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?“
       
       ## Aufgaben für die Bürgerschaft
       
       Das Jugendparlament, dem etwa 40 junge Menschen angehören, verteilte sodann
       ein Papier, in dem es einen „Perspektivwechsel“ fordert. Die geflüchteten
       Kinder würden oft nur als Problemfall dargestellt. „Wir wollen lernen,
       arbeiten, uns einbringen. Doch die aktuelle Art der Unterbringung hindert
       uns aktiv daran.“
       
       Nach einer abschließenden Podiumsdiskussion mit Politikern wurden Aufgaben
       an die Podiumsgäste verteilt. Sie sollen bis zum nächsten Fachtag im
       November in Unterkünften überprüfen, ob dort die [7][Kinderrechte]
       eingehalten werden. Außerdem sollen die Fraktionen der Bürgerschaft klären,
       wie und wann der Wohnungsbau die Situation in den Unterkünften entlastet.
       Auch fordert die Gruppe eine detaillierte Statistik darüber, wie lange
       Kinder dort leben, um den Handlungsbedarf zu belegen.
       
       Die Sozialbehörde erklärt auf taz-Anfrage, im Durchschnitt lebten die
       Menschen 48 Monate in den Unterkünften, gesonderte Zahlen für Minderjährige
       gebe es nicht. Gefragt, ob die Erkenntnisse der Ärztin dort bekannt sind
       und daraus Schlüsse gezogen wurden, verweist die Behörde auf die zuletzt
       [8][gesteigerten Anstrengungen für den Sozialwohnungsbau] und eben jenes
       Kinderschutzkonzept.
       
       Dort [9][steht übrigens], dass Unterkünfte in prekärer Bauweise wie
       Container mit geteilten Bädern und bis zu 28 Personen pro Flur künftig
       nicht mehr mit Familien belegt werden und es für diese nur noch „Festbauten
       mit abgeschlossenen Wohnraum“ geben soll. Allerdings setze dies einen
       „jahrelangen Umsetzungsprozess“ voraus. Indes sagte Nitschke-Janssen, bei
       kleineren Kindern sei schon ein Jahr in einer Unterkunft zu lang.
       „Kindesentwicklung wartet nicht, bis sie dran ist“, warnte die Ärztin.
       
       25 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Sozialarbeiter-ueber-miese-Unterkuenfte/!6082998
 (DIR) [2] https://www.foerdernundwohnen.de/wohnen/unterkuenfte/wohnunterkuenfte/
 (DIR) [3] https://iccura-care.de/
 (DIR) [4] https://www.foerdernundwohnen.de/fileadmin/user_upload/05_Unternehmen/00_Publikationen/kinderschutzkonzept-foerdern-und-wohnen.pdf
 (DIR) [5] /Projekte-fuer-Integration-gekappt/!6132060
 (DIR) [6] /Unterbringung-von-Gefluechteten/!6138601
 (DIR) [7] https://www.unicef.de/informieren/einsatz-fuer-kinderrechte
 (DIR) [8] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/behoerde-fuer-stadtentwicklung-und-wohnen/aktuelles/pressemeldungen/2022-07-06-bsw-7-punkte-plan-vordringlich-wohnungssuchende-521064
 (DIR) [9] https://www.foerdernundwohnen.de/fileadmin/user_upload/05_Unternehmen/00_Publikationen/kinderschutzkonzept-foerdern-und-wohnen.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kaija Kutter
       
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