# taz.de -- Produktionsschulen in Hamburg: Auffangnetz für Jugendliche droht zu reißen
> Produktionsschulen bereiten Jugendliche mit schulischen Problemen in
> Hamburg auf eine Ausbildung vor. Jetzt klafft eine Finanzierungslücke.
(IMG) Bild: Hilft dabei, den Weg in einer Ausbildung zu finden: Alraune-Produktionsschule in Hamburg
Seit 2009 sind sie so etwas wie die Feuerwehr des Hamburger
Bildungssystems: [1][Produktionsschulen fangen jene Jugendlichen auf, die
nach der 9. oder 10. Klasse ohne Abschluss oder Sicht auf eine weitere
Ausbildung dastehen] und im staatlichen Regelsystem keinen Halt finden.
Doch das Modell hat finanzielle Probleme. Denn bisher funktioniert die
Finanzierung nach dem Prinzip „Geld folgt dem Schüler“: Die Schulen
erhalten pro besetztem Platz und Monat eine Pauschale. Allerdings bildeten
derzeitige Pauschalen den erhöhten Bedarf aus Sicht der Träger nicht
ausreichend ab. Gefordert würden daher höhere Kostensätze und angepasste
Rahmenbedingungen.
Was flexibel klingt, ist für die Träger ein wirtschaftliches Wagnis. „Um
die Schüler*innen fachgerecht zu betreuen, braucht es gut ausgebildetes
pädagogisches Personal. Doch dieses können wir nicht mehr ausreichend
bezahlen“, warnt Marco Carini, Sprecher des Trägers Alraune gGmbH der
Produktionsschulen. Inflation, explodierende Energiekosten und notwendige
Tarifanpassungen für das Personal würden durch die starren Pro-Kopf-Sätze
nicht mehr gedeckt.
Schulpflichtige Schüler*innen, die den Besuch der allgemeinbildenden Schule
nach dem 10. Schuljahr beendet haben, bekommen eine automatische Einladung
in die Dualisierte Ausbildungsvorbereitung (AV-Dual). Dieses Angebot widmet
sich denen, die sich im Übergang zu einer Ausbildung befinden oder ihren
ersten allgemeinen Schulabschluss erwerben wollen. Das Bildungsangebot ist
ganztägig organisiert; an zwei Tagen pro Woche besuchen die Jugendlichen
den Unterricht in der Schule, an den drei weiteren Tagen arbeiten sie in
einem Praktikumsbetrieb.
Nicht für alle ist das aber ein erfolgreicher Weg in eine Ausbildung. Für
diese schulpflichtigen Schüler*innen gibt es dann noch die Möglichkeit,
eine Produktionsschule zu besuchen. Dort finden diejenigen Platz, die zum
Beispiel für Frontalunterricht und das traditionelle Schulmodell nicht
empfänglich sind. Fünf Tage die Woche können sie hier praxisnahe
Berufserfahrung sammeln, unterstützt durch spezifisch geschultes Personal
für Jugendliche mit besonderem Förderungsbedarf.
Um den Produktionsschulen zu helfen, fordert die Hamburger CDU nun in einem
Bürgerschaftsantrag einen Systemwechsel. Da Schüler*innen aber, anders
als im AV-Dual-System, nicht automatisch an Produktionsschulen verwiesen
werden, sondern jede Produktionsschule „um Schüler werben und diese mittels
Schulvertrag an sich binden muss, kann es zu erheblichen unterjährigen
Schwankungen in den Schülerzahlen je nach Lage in den abgebenden Schulen“
kommen, warnt die CDU. Jahr für Jahr könnten somit „ein bis zwei
Produktionsschulen schließen müssen“.
„Produktionsschulen brauchen eine auskömmliche, verlässliche und
bedarfsgerechte Finanzierung – keine Deckelung nach Kassenlage“, sagt
Birgit Stöver, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. Unterstützt
wird der CDU-Antrag, der nun im Schulausschuss behandelt wird, von der
Linksfraktion.
## Lernen durch Tun
In Hamburg gibt es aktuell acht Produktionsschulen, die über das
Stadtgebiet verteilt sind. Diese Einrichtungen werden von unterschiedlichen
Trägern wie der Alraune gGmbH, der Stiftung Berufliche Schule (SBB) oder
der Jugendbildung Hamburg betrieben.
Der Fokus liegt dort auf dem „Lernen durch Tun“: Die Schüler*innen
arbeiten in schuleigenen Werkstätten, Kantinen oder Verkaufsräumen an
echten Kundenaufträgen. Begleitet von pädagogischem Fachpersonal können sie
dort nicht nur praktische Arbeitserfahrung sammeln, sondern auch ihren
ersten allgemeinbildenden Schulabschluss nachholen. Ziel ist es, die
Jugendlichen so zu stabilisieren, dass sie den direkten Sprung in eine
qualifizierte Berufsausbildung schaffen.
80 Prozent der insgesamt 450 Plätze in Hamburger Produktionsschulen sollen
nach dem Willen der CDU künftig fest finanziert werden – unabhängig davon,
wie viele Jugendliche in einem spezifischen Monat gerade in der Werkstatt
stehen. Nur die restlichen 20 Prozent sollen weiterhin variabel bleiben.
## Finanzierungsprobleme zum Schuljahresbeginn
Das wäre aus Sicht der Produktionsschulen eine gute Lösung. Denn besonders
dramatisch zeige sich das Finanzierungsproblem der Produktionsschulen
jeweils zu Schuljahresbeginn, sagt Carini. In den frühen Herbstmonaten
blieben viele Plätze in den Produktionsschulen leer. Erst wenn
[2][Schulabbrecher*innen] im staatlichen AV-Dual-System scheitern,
erfolgt im November oder Dezember die Weiterleitung an die
Produktionsschulen.
Für die Träger bedeutet das ein Einnahmetief bei gleichbleibenden Fixkosten
für Personal und Infrastruktur. „Es soll niemand zurückbleiben“, betont
Carini, doch das finanzielle Risiko für diese Wartezeit tragen die Träger
bisher allein. Zudem müssen sie oft selbst aktiv an Schulen werben, da das
Angebot außerhalb des Regelsystems zu wenig bekannt sei.
Träger anderer Produktionsschulen äußern sich ähnlich. Sie plädieren dafür,
den Schülerkostensatz grundlegend zu überprüfen. Anders als im staatlichen
AV-Dual-System arbeiteten Produktionsschulen mit einer besonders
vulnerablen Zielgruppe. Dafür brauche es qualifiziertes Personal – etwa
Sonderpädagog*innen oder Psycholog*innen –, um die Jugendlichen
eng begleiten und stabilisieren zu können, erklärt die Sprecherin einer
anderen Produktionsschule auf Nachfrage.
Schulbehörde weist Kritik zurück
Die Schulbehörde weist die Kritik jedoch zurück. Die gewährte Pauschale sei
auskömmlich und decke sämtliche Betriebskosten, sagt ein Sprecher. Sie
orientiere sich bewusst an der Ausbildungsvorbereitung im staatlichen
System.
Auch die geschilderten starken Finanzierungsschwankungen sieht die Behörde
nicht. Zudem bestehe die Möglichkeit, in den ersten vier Monaten des
Schuljahres einen Vorschuss zu beantragen, um die Planungssicherheit zu
erhöhen. Auch die SPD-Fraktion verteidigt auf Nachfrage den bestehenden
Ansatz.
Produktionsschulen seien allerdings strukturell nicht mit dem
AV-Dual-System vergleichbar, widersprechen die Träger. Zwar richte sich das
Angebot an eine ähnliche Altersgruppe, die [3][pädagogischen Anforderungen
unterschieden sich jedoch deutlich.]
4 Mar 2026
## LINKS
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