# taz.de -- Zukunftsmarkt: Deutsche Rüstungsunternehmen setzen auf Drohnentechnik
> Die Bundeswehr möchte ihre unbemannten Systeme stärken. Ethische Fragen
> könnten angesichts der russischen Aggression zurückgestellt werden, heißt
> es.
(IMG) Bild: Das Militär will mehr Drohnen – wie diese des Start-Ups Quantum Systems
Es ist ein unscheinbarer Koffer, den die Firma Liebherr auf der prominent
besuchten Leistungsschau von Rüstungsunternehmen präsentiert. Nicht viel
größer als ein Handgepäckstück, zwei Akkus passen hinein. Es ist eine
Ladestation für Drohnen des bayrischen Rüstungs-Startups Quantum Systems.
Über das Ladegerät kann die Aufklärungsdrohne des Typs „Vektor“, die auch
in der Ukraine zum Einsatz kommt, mobil mit Strom versorgt werden.
Die Messe und eine dazugehörige Konferenz hat der Verband der Luft- und
Raumfahrtindustrie (BDLI) Ende Januar ausgerichtet. Ziel:
Unternehmensvertretern die Gelegenheit zu geben, Bundeswehrangehörige und
vor allem Politiker zu treffen. Der Andrang ist groß.
Die Liebherr-Firmengruppe arbeitet schon lange [1][in dem breiten Spektrum
zwischen ziviler Industrie und Rüstungsherstellung.] Liebherr-Aerospace mit
Sitz bei Lindau ist auf Fahrwerke und Steuerungstechnik spezialisiert und
liefert zentrale Bauteile etwa für die zivile Kurzstreckenmaschine A320 von
Airbus – aber auch für das Kampfflugzeug Eurofighter-Typhoon.
Ein neues Betätigungsfeld der Firma sind elektronische Fertigungssysteme,
mit denen Liebherr Auftragsarbeiten für andere Unternehmen herstellt. Neben
dem Ladekoffer baute Liebherr nach den Plänen von Quantum Systems auch
Teile für die elementare Steuerung der „Vektor“-Drohne. In Berlin stellt
Liebherr auch eine kleine Halbleiterplatine aus, die als das
Flugkontroll-System des unbemannten Systems bezeichnet wird.
## Auch die zivile Industrie interessiert sich
Aber es sind längst nicht nur Vertreter der Rüstungsfirmen, die auf dem
Empfang bei Zanderfilet, Rinderschulter und grünen Smoothies miteinander
und mit Politikern ins Gespräch kommen. Unter den Gästen befinden sich etwa
auch Mitarbeiter des deutschen Halbleiterherstellers Infineon.
Ebenfalls gekommen sind Vertreter einer Firma für Industriebauten oder von
Ingenieurdienstleistern. Manche hier geben unumwunden zu, dass die
Teilnahme an einer Rüstungsmesse vor [2][Russlands Angriff gegen die
Ukraine] für sie undenkbar gewesen wäre. „Wir hätten ehrlich gesagt mit 100
Gästen gerechnet, jetzt sind wir bei 250“, sagt BDLI-Geschäftsführerin
Marie-Christine von Hahn freudig zur Begrüßung.
## Im Fokus: Dual Use
Den Ton für die Debatte setzt der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses
im Bundestag, Thomas Röwekamp, in seiner Ansprache. „In Deutschland gibt es
viele zivile Sachen, die wir militärisch nutzbar machen können“, sagt der
CDU-Politiker. „Wir eiern immer noch um ethische Debatten herum, doch wir
werden bedroht durch Putins System, das keine ethischen Debatten führt.“
Es gehe darum, die [3][Produktionskapazitäten in Deutschland militärisch
nutzbar zu machen.] „Es ist nicht so, dass wir viel Geld haben, aber wir
können über viel Geld verfügen“, sagt er in Anspielung auf die Ausnahme von
der Schuldenbremse, [4][die seit nicht ganz einem Jahr für
Verteidigungsausgaben gilt.] Um mehr Tempo bei Rüstungsprojekten zu
schaffen, habe das Parlament gerade erst ein Planungsbeschleunigungsgesetz
verabschiedet. Nun gehe es darum zu analysieren, welche Angebote im Markt
bereits verfügbar seien – auch im zivilen Bereich.
In eine ähnliche Richtung argumentiert auch der stellvertretende Leiter des
Planungsamts der Bundeswehr, Matthias Damm. Dass die finanzielle Grundlage
in Deutschland nun stehe, sei gut, sagt er. [5][Hoch oben auf der
Wunschliste der] Bundeswehr stehe Loitering Muniton. Diese
umgangssprachlich als „Kamikazedrohnen“ bekannten Waffen können in der Luft
verharren, bis sich ein Ziel bietet, und dieses erst dann auslöschen –
wobei sie meist selbst zerstört werden.
## Hunderte Millionen für Kamikaze-Drohnen
[6][70 bis 90 Prozent der Verluste in der Ukraine gingen auf das Konto
unbemannter Systeme], sagt Damm. „Loitering Munition sind ein
Verbrauchsgut.“ Die Bundeswehr brauche davon keine Unmengen, die in den
Depots auf ihre Verwendung warteten.
Dennoch sieht es so aus, als sei bereits eine Vorentscheidung über zwei
Systeme getroffen, die auch die Bundeswehr künftig beschaffen will.
Übereinstimmenden Medienberichten zufolge möchte das deutsche Militär für
mehrere hundert Millionen Euro Kamikazedrohnen von den zwei deutschen
Startups Helsing und Stark kaufen. Der Rüstungsgigant Rheinmetall, der sich
auch auf den Zuschlag beworben hatte, könnte demnach leer ausgehen. Noch
muss der Bundestag im Haushaltsausschuss den Kauf besiegeln.
Die Drohnenhersteller Helsing und Quantum Systems werben für mehr
Flexibilität – also anpassungsfähigere Systeme, aber auch weniger
Regulierung und „Bürokratie“. Als Vorbild nennt Simon Pfeiffer,
Progammmanager bei Helsing, die Ukraine, wo die Zyklen für Innovationen in
der Drohnentechnik extrem kurz seien.
## Die Ukraine als Testfeld
[7][Die Welt zitiert in einem aktuellen Bericht einen ukrainischen
Soldaten,] der angibt, für Helsing auf dem Schlachtfeld „die Drecksarbeit“
gemacht zu machen. Der Einsatz der Kamikazedrohne des Typs HF-1 sei ein
„Fiasko“ gewesen, weil die Drohnen nicht startfähig gewesen seien, oder
direkt wieder abstürzten. In dem Bericht wird ein ukrainischer
Luftwaffen-Offizier mit den Worten zu Helsing zitiert: „Wenig geleistet,
aber hervorragendes Marketing.“ Helsing dementiert in dem Artikel die
Vorwürfe und verweist darauf, dass klar gewesen sei, „dass bei diesem
damals insgesamt neuen Produkttyp Iteration im Einsatz stattfinden würde“.
Ausgerechnet die Vertreter der traditionellen Rüstungsunternehmen
argumentieren in Berlin aber gegen eine Flexibilisierung bei den neuartigen
Waffen. Die Ukraine nehme in ihrem Drohnenbau auch tödliches Risiko für die
eigenen Soldaten in Kauf, sagt der Vertriebsleiter des
Lenkflugkörperherstelles MBDA in Deutschland, Guido Brendler. Mehrmals
fällt der Vergleich, dass grenzenlose Innovation in Deutschland nicht
bedeute, dass Handgranaten auf Baumarktdrohnen montiert würden, wie es zum
Teil in der Ukraine unter „hohem Eigenblutzoll“ der Fall sei.
Wie sehr die Ukraine zu einem Entwicklungs- und Testfeld für die deutsche
Waffenproduktion geworden ist, macht Quantum Systems deutlich, das über
eine eigene Produktionslinie im Land verfügt – eingeweiht 2024 im Beisein
des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne). Und das
Unternehmen geht auch noch weiter und betreibt den Rückimport: Mit Quantum
Frontline Industries hat das Unternehmen zuletzt eine industrielle
Auslandsproduktion ukrainischer Drohnen in Deutschland angekündigt.
6 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Die-Zeitenwende-in-der-Wirtschaft/!6121552
(DIR) [2] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
(DIR) [3] /Aktionstage-in-Goerlitz/!6084119
(DIR) [4] /Neue-Milliardenkredite-fuer-Verteidigung/!6073833
(DIR) [5] /Neue-Fluggeraete-fuer-Deutschland/!6140756
(DIR) [6] https://www.politico.eu/article/latvian-report-drones-are-mass-killers-on-the-ukraine-front/
(DIR) [7] https://www.welt.de/politik/ausland/article6961043e8605767e8f930d9b/helsing-fabrikat-die-ukrainische-enttaeuschung-mit-der-deutschen-wunderdrohne.html
## AUTOREN
(DIR) Cem-Odos Gueler
## TAGS
(DIR) Drohnen
(DIR) EU-Kommission
(DIR) EU-Kommission
(DIR) Bundeswehr
(DIR) Schwarz-rote Koalition in Berlin
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Bundeswehr entscheidet über Drohnen: Milliarden für neue Kampfdrohnen
Die deutschen Drohnenhersteller Helsing und Stark bekommen den
milliardenschweren Auftrag der Bundeswehr. Bei Laserwaffen bremst der
Haushaltsausschuss.
(DIR) Vorstoß der EU: Made in Europe als neues Gütesiegel
Anstatt wie bisher Hightech, Flüssiggas und Waffen in den USA zu kaufen,
soll die öffentliche Hand in Europa investieren, fordert die EU-Kommission.
(DIR) Krieg in der Ukraine: Schulden machen für Waffen
Die EU will Kyjiw mit Milliardensummen weiter unterstützen. Die üblichen
Verdächtigen wie Ungarn und die Slowakei sind nicht dabei.
(DIR) Neue Fluggeräte für Deutschland: Die Bundeswehr setzt 2026 auf Kamikazedrohnen
Das Verteidigungsministerium vergibt millionenschwere Aufträge zur
Drohnenproduktion. Die Beschaffung wird durch einen Trick erleichtert.
(DIR) Verteidigungsbranche in Berlin: Senat setzt voll auf Rüstung
Die Verteidigungsbranche in Berlin wächst rasant. Der Senat will weitere
Start-ups in dem Bereich anlocken und auch Dual-Use-Firmen fördern.