# taz.de -- Künstliche Intelligenz im Krieg: Riesige Datenmengen, tödliche Folgen
       
       > KI-gestützte Waffensysteme kommen weltweit zum Einsatz. Dabei geht es
       > weniger um selbstfliegende Kampfjets und Kampfroboter als um
       > Gefechtssteuerung.
       
 (IMG) Bild: Zugeordnet, in Ausführung, abgeschlossen. Am Ende explodiert auf dem Bildschirm ein Gebäude
       
       Wie Kriegsführung mit Künstlicher Intelligenz aussehen könnte, zeigte
       neulich Cameron Stanley aus dem US-Verteidigungsministerium auf einer
       Konferenz von Palantir. In wenigen Minuten erklärte [1][er die Software
       „Maven“]: Markierte Ziele landen mit nur drei Mausklicks in einer Art
       Projektmanager. „Linksklick, Rechtsklick, Linksklick“. Hier wandern sie
       entlang der „kill chain“, also dem Prozess von der Identifizierung des
       Ziels bis zum Angriff: Zuordnung ausstehend, zugeordnet, in Ausführung,
       abgeschlossen. Am Ende explodiert auf dem Bildschirm ein Gebäude.
       
       Es ist ein fiktives Szenario, [2][doch die Überwachungssoftware des
       Antidemokraten Peter Thiel, Palantir,] und das dazugehörige Projekt Maven
       sind inzwischen fester Teil des US-Militärs. Nach dem Willen des Pentagon
       soll die gesamte Armee das Programm künftig nutzen. „Es ist unerlässlich,
       dass wir jetzt gezielt investieren, um die Integration von KI in der
       gesamten Streitkraft zu vertiefen und KI-gestützte Entscheidungsfindung als
       Grundpfeiler unserer Strategie zu etablieren“, [3][zitierte Reuters den
       stellvertretenden US-Verteidigungsminister Steve Feinberg Anfang März.]
       
       Im Irankrieg wollen die USA allein in den ersten 24 Stunden mehr als 1.000
       Ziele getroffen haben. Jede Woche vermeldet Brad Cooper, Befehlshaber des
       US-Regionalkommandos für den Nahen Osten (Cetcom), in Videobotschaften auf
       X ein paar Tausend zusätzliche Treffer. Die unvergleichlich hohe Zahl an
       „präzisen, unvorhersehbaren“ Angriffen mit tödlichem Effekt sei dank
       „völlig neuer Mittel“ und mittels „rasanter Innovation“ erreicht worden,
       erklärte Cooper im März. Eine Auswahl von „fortschrittlichen
       KI-Anwendungen“ käme im Irankrieg zum Einsatz, [4][um Daten zu verarbeiten
       und innerhalb von Sekunden kluge Entscheidungen zu treffen].
       
       Ob dabei auch „Maven“ eingesetzt wird, ist nicht zweifelsfrei zu klären –
       und an welcher Stelle künstliche Intelligenz sonst beim Kämpfen hilft.
       Schon seit längerem würden aber Ziel-Datenbanken im „Maven Smart System“
       angelegt, [5][berichtete der Guardian in Berufung auf einen hochrangigen
       Verteidigungsbeamten in den USA].
       
       Lag in dieser Datenbank auch ein Eintrag zur [6][Mädchenschule im
       iranischen Minab, die von einer US-Rakete getroffen wurde?] Auch das lässt
       sich nicht zweifelsfrei klären. Doch unter Berufung auf anonyme Quellen
       berichtete NBC News zuletzt, dass Palantir-Technologie im Irankrieg
       [7][auch zum Einsatz käme, um potenzielle Ziele zu identifizieren].
       
       ## Von der Virtual Reality zum Schlachtfeld
       
       Mindestens ein anderes KI-Unternehmen will im Irankrieg groß beteiligt
       sein: Anduril. „Hauptsächlich auf der defensiven Seite“, [8][beteuerte
       Unternehmenschef Matthew Steckman gerade in einem Podcast]. In einem
       börsenwirksamen Auftritt erklärte er vor der Kamera, Anduril liefere „eines
       der wichtigsten Systeme zur Abwehr“ iranischer Shahed-Drohnen.
       
       Seit Kriegsbeginn hat Iran mehrere Tausend der vergleichsweise günstigen
       Shahed-Drohnen auf amerikanische Militärbasen und Infrastruktur der
       verbündeten Golfstaaten abgefeuert. Die Abwehr der Geschosse mit
       Patriot-Raketen ist teuer. Anduril helfe [9][laut Angaben des Unternehmens]
       dabei, das [10][Ungleichgewicht zwischen günstigen Shahed-Drohnen und
       teuren Tomahawk-Abwehrraketen] auszugleichen.
       
       Wie Palantir hat das Unternehmen seinen Namen direkt aus Tolkiens „Herr der
       Ringe“. Statt vom eher verhaltensauffälligen Alex Karp wird es aber von
       einem sympathisch wirkenden Hippie geführt: [11][Palmer Luckey] ist Anfang
       30, trägt Hawaiihemd und Flip-Flops und hat mit einer
       Virtual-Reality-Brille seine ersten Milliarden verdient.
       
       Zu seiner neueren Produktpalette gehören automatisierte
       Drohnenabwehrsysteme, ein 360-Grad-Infrarot-Sensor namens „Wisp“ und eine
       jetgetriebene und senkrechtstartende Abwehrdrohne namens „Roadrunner“. Wie
       viel KI darin steckt und ob „Augmented-Reality-Systeme“ für Soldatinnen und
       Soldaten und autonome Kampfjets sich noch im Reich der fernen Möglichkeiten
       abspielen, ist schwer einzuschätzen – alles „classified“.
       
       Mit Anduril [12][verkündete das US-Verteidigungsministerium vor wenigen
       Wochen einen Deal über Hard-, Software und Service-Dienstleistungen im Wert
       von 20 Milliarden Dollar]. Konkrete Waffensysteme werden darin nicht
       genannt – nur das Betriebssystem „Lattice“ wird erwähnt, das laut
       Medienberichten Kampfgebiete in 3D-Modellen und Echtzeit-Lagebildern
       darstellen kann.
       
       ## Vergleichsweise kleine Ausgaben
       
       Die US-Militärausgaben für KI- und andere Verteidigungstechnologie
       verdoppelten sich in den letzten drei Jahren auf jährlich fast 50
       Milliarden US-Dollar – eine immer noch vergleichsweise kleine Summe. Nur
       rund ein Prozent der amerikanischen Gesamtausgaben für Verteidigung
       [13][fließen laut einer Rechnung der Ronald-Reagan-Stiftung in den
       Bereich]. Anduril, Palantir und Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX
       erhalten hier die größten Aufträge.
       
       Für die Tech-Unternehmen ist der Rüstungswettlauf um KI-gestützte Waffen
       trotzdem eine riesige Gelegenheit. Weltweit steigen die Militärausgaben.
       Auch die Bundeswehr will bis 2027 die neu aufgestellte Brigade Litauen mit
       einer KI-Software namens „Uranos“ ausstatten, die dabei helfen soll, in
       Echtzeit die Nato-Ostflanke zu überwachen. Die französische Regierung
       unterzeichnete jüngst einen Rahmenvertrag mit dem Pariser Unternehmen
       Mistral, um KI-gestützte Anwendungen in den Streitkräften einzuführen.
       
       Auf militärischer Seite sind mit Künstlicher Intelligenz große Hoffnungen
       verbunden: Das heißt nicht unbedingt, dass in naher Zukunft völlig autonome
       Drohnenschwärme über Schlachtfelder schwirren werden. KI ist aber in der
       Lage, enorme Datenmengen schnell auszuwerten und Muster zu erkennen. Sie
       kann militärische Entscheidungen beschleunigen – wenn sie sie nicht gleich
       ganz übernimmt.
       
       ## „Komplettsysteme“ wählen Ziele aus
       
       Im April 2024 [14][zeichnete das palästinensisch-israelische Magazin 972+
       in einer großen Recherche] nach, wie stark das israelische Militär im
       Gaza-Krieg auf den Einsatz der KI-Anwendungen setzte.
       
       Unter Berufung auf sechs anonyme Geheimdienstmitarbeiter, die zu der Zeit
       in der Armee dienten, berichtete das Magazin, dass sich Israels Armee in
       den ersten Wochen nach dem 7. Oktober 2023 fast vollständig auf die Systeme
       verließ. Ein Programm namens „Lavender“ habe zu bis zu 37.000
       Palästinenser*innen als Ziele identifiziert, während mit einer
       Anwendung namens „Where’s Daddy“ ihre privaten Wohnhäuser für Luftangriffe
       ausfindig gemacht worden seien.
       
       Kollateralschäden seien demnach gerade in den ersten Kriegswochen bewusst
       in Kauf genommen worden: Zwei Beteiligte gaben an, dass für Angehörige in
       niedrigen Hamas-Rängen 15 bis 20 tote Zivilist*innen erlaubt gewesen
       sein, während für Angriffe auf Führungsfiguren auch 100 tote
       Zivilist*innen als vertretbar gegolten hätten.
       
       Eine der Quellen gab an, dass das Militär bis dahin über keine
       Informationen über niedrig gestellte Hamas-Mitglieder verfügte. „Sie
       wollten uns ermöglichen, alle automatisch anzugreifen. Das ist der Heilige
       Gral. Sobald man auf Automatik umstellt, geht die Zielgenerierung durch die
       Decke.“
       
       „Der Artikel war in der wissenschaftlichen Debatte für viele ein
       Augenöffner“, sagt Jutta Weber der taz. Die Professorin für
       Mediensoziologie forscht seit vielen Jahren an der Uni Paderborn zu
       datenbasierter Kriegsführung. Die Recherche zeige, dass es eben nicht
       ausreiche, nur über die Kontrolle automatischer Kampfroboter zu sprechen,
       wie es in der Rüstungskontrolle in Zusammenhang mit KI lange der Fall
       gewesen sei.
       
       Eine größere Gefahr sieht sie in diesen riesigen Netzwerkanalysen zur
       Zielerfassung. „Durch Komplettsysteme, die riesige Datenmengen verarbeiten
       können, wird die Kampfsteuerung auf ein neues Level gehoben.“
       
       ## KI-Versuchslabor Ukraine
       
       In diese Richtung deutet auch eine [15][neue Recherche der Washington
       Post:] Die IDF-Einheit 8200 habe aus Hacks große Mengen an Daten aus allen
       möglichen Quellen in Iran gewonnen, um diese im Anschluss mithilfe von KI
       zu durchforsten.
       
       In der Ukraine sieht man das Potenzial, das hinter diesen Datenmengen
       steckt. Beobachter*innen gehen davon aus, dass im dortigen Krieg
       Drohnen für 70 bis 90 Prozent der Toten verantwortlich sind. „Die Ukraine
       verfügt heute über einen Datensatz aus dem Einsatzgebiet, der weltweit
       einzigartig ist“, [16][schrieb der ukrainische Verteidigungsminister
       Mykhailo Fedorov vor zwei Wochen bei Telegram.]
       
       Die Bilder von den letzten Sekunden vor dem Einschlag einer Drohne, die
       sonst zuhauf im Netz kursieren, möchte die Regierung nun professionell
       nutzen. „Die Ukraine eröffnet die Möglichkeit, KI-Modelle für unbemannte
       Systeme auf der Grundlage realer Einsatzdaten zu trainieren“, erklärte der
       Verteidigungsminister. Die Regierung habe einen entsprechenden Beschluss
       verabschiedet, der „eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen dem Staat,
       ukrainischen Unternehmen und internationalen Partnern“ einleite.
       
       In einer jahrelangen Recherche zeichnete das Time-Magazin nach, wie der
       Krieg in der Ukraine [17][zu einer Art Versuchslabor für militärische
       KI-Entwicklungen wurde.] Dabei geht es auch um den Weg von Palantir – das
       Unternehmen sprang direkt nach dem russischen Angriff als Helfer für die
       Ukraine ein. Inzwischen verfolgt das Unternehmen wie viele anderen
       Tech-Firmen in der Ukraine das klare Ziel, den KI-gestützten Kampf für den
       weltweiten Einsatz weiterzuentwickeln.
       
       5 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=yrtDgoqWmgM
 (DIR) [2] /Palantir-in-Deutschland/!6078828
 (DIR) [3] https://www.reuters.com/technology/pentagon-adopt-palantir-ai-as-core-us-military-system-memo-says-2026-03-20/
 (DIR) [4] https://x.com/CENTCOM/status/2031700131687379148
 (DIR) [5] https://www.theguardian.com/world/2026/mar/17/trump-intelligence-iran-school-strike
 (DIR) [6] /Angriff-auf-Maedchenschule-im-Iran/!6160539
 (DIR) [7] https://www.nbcnews.com/tech/tech-news/us-military-using-ai-help-plan-iran-air-attacks-sources-say-lawmakers-rcna262150
 (DIR) [8] https://www.thetwentyminutevc.com/matthew-steckman
 (DIR) [9] https://www.foxbusiness.com/video/6391525940112
 (DIR) [10] https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-03-05/iran-war-shows-limits-of-high-end-air-defense-anduril-exec-says
 (DIR) [11] /Uebernahme-von-Oculus-VR/!5045313
 (DIR) [12] https://www.war.gov/News/Contracts/Contract/Article/4434754/contracts-for-march-13-2026/
 (DIR) [13] https://www.reaganfoundation.org/cms/assets/1773938920-2026_nsib_report-card.pdf
 (DIR) [14] https://www.972mag.com/lavender-ai-israeli-army-gaza/
 (DIR) [15] https://www.washingtonpost.com/world/2026/03/30/iran-israel-war-killings/
 (DIR) [16] https://t.me/zedigital/6672#
 (DIR) [17] https://time.com/6691662/ai-ukraine-war-palantir/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Raoul Spada
 (DIR) Cem-Odos Gueler
       
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