# taz.de -- Vorstoß der EU: Made in Europe als neues Gütesiegel
> Anstatt wie bisher Hightech, Flüssiggas und Waffen in den USA zu kaufen,
> soll die öffentliche Hand in Europa investieren, fordert die
> EU-Kommission.
(IMG) Bild: Könnte von „Europe first“ profitieren: Panzer von Rheinmetall
Das Label „Made in Germany“ hat in Deutschland mit zum wirtschaftlichen
Erfolg beigetragen. Nun soll die EU mit einem Label „Made in Europe“
nachziehen und eine europäische Präferenz bei der Vergabe von öffentlichen
Aufträgen einführen. Dies fordert der französische EU-Kommissar Stéphane
Séjourné – mit beachtlichem Erfolg.
Mehr als 1.100 europäische Konzernbosse und Firmenchefs haben einen
entsprechenden Aufruf Séjournés unterschrieben, der im [1][Handelsblatt]
und anderen europäischen Zeitungen veröffentlicht wurde. Zu den
Unterzeichnern aus Deutschland gehören unter anderem die Chefs von
Thyssenkrupp Steel Europe, Bosch und Varta.
Sogar die Gewerkschaften machen mit. „Wir unterstützen das mit allen
Kräften“, sagte Esther Lynch, Generalsekretärin des Europäischen
Gewerkschaftsbunds, der taz. Bei dem geplanten Label gehe es nicht nur um
die Herkunft, sondern auch um europäische Werte. „Wenn made in Europe auch
gute Jobs meint, sind wir dabei“, so Lynch.
Die Idee ist simpel: Wo immer öffentliche Gelder eingesetzt werden, sollen
sie zur Produktion und zu hochwertigen Arbeitsplätzen in Europa beitragen.
Staatliche Aufträge aus Deutschland oder anderen EU-Ländern sollen also
künftig nicht mehr an Firmen in den USA oder China gehen, sondern die
heimische Wirtschaft stärken.
## Es geht um mehr als zwei Billionen Euro im Jahr
Angesichts der globalen Handelskriege bleibe den Europäern gar nichts
anderes übrig, meint Séjourné. Ohne eine europäische Präferenz werde sich
nicht das Ziel erreichen lassen, die EU unabhängiger von den USA und China
zu machen. „Da die Handelsregeln neu definiert werden, haben wir keine Wahl
mehr“, heißt es in seinem Appell.
Es geht um mehr als zwei Billionen Euro im Jahr oder 14 Prozent der
europäischen Wirtschaftsleistung: So viel macht das öffentliche
Beschaffungswesen in der EU aus. Es geht aber auch um strategisch wichtige
Wirtschaftssektoren wie die Verteidigung, die Energie oder die
Informationstechnologie, wo die EU immer noch von den USA abhängt.
Anstatt wie bisher Hightech, Flüssiggas und Waffen in den USA zu kaufen,
soll die öffentliche Hand in europäische Alternativen investieren, fordert
Séjourné. Mit Protektionismus à la française habe das nichts zu tun,
beteuert der Franzose. Vielmehr gehe es um einen „Akt der wirtschaftlichen
Unabhängigkeit“.
## Kritik aus Polen und Baltikum
Der Vorstoß kommt wenige Tage vor einem Sondergipfel, bei dem sich die
Staats- und Regierungschefs mit der schwindenden Wettbewerbsfähigkeit
Europas beschäftigen wollen. Man brauche neue „Regeln, die in einigen
strategischen Bereichen eine Bevorzugung Europas ermöglichen“, schrieb
EU-Ratspräsident António Costa in der Einladung.
Doch das sehen nicht alle so. Kurz vor dem Gipfeltreffen am 12. Februar auf
Schloss Alden Biesen in Belgien gibt es in manchen EU-Ländern erhebliche
Vorbehalte gegen eine europäische Präferenz. Auf „America first“ trotzig
mit „[2][Europe first]“ zu antworten, greife zu kurz, da dies die
Verteidigung gefährden könne, heißt ein Argument.
So wollen Polen, Balten und einige andere EU-Mitglieder nicht auf die
Möglichkeit verzichten, Aufträge an US-Unternehmen zu vergeben, um sich
dort zum Beispiel mit [3][Waffen für die Ukraine] einzudecken. Bei der Nato
gibt es dafür sogar ein eigenes Programm namens PURL: Die Europäer zahlen,
die Amerikaner kassieren – und produzieren.
## Auch Deutschland steht offenbar auf der Bremse
Vor allem Frankreich ist das ein Dorn im Auge. Die französische Regierung,
der Séjourné noch bis 2024 angehört hat, versucht denn auch, wenigstens bei
den neuen, milliardenschweren Rüstungsprogrammen in der EU eine europäische
Präferenz einzuführen. Dabei stößt Paris jedoch auf erhebliche Gegenwehr,
heißt es in Brüssel.
Wegen des Widerstands gegen eine „Europe first“-Klausel seien sogar die
Verhandlungen der 27 Mitgliedsstaaten über das neue, 90 Milliarden Euro
schwere Hilfsprogramm für die Ukraine zusammengebrochen, schreibt das
Insiderportal Euractiv. Auch Deutschland steht offenbar auf der Bremse.
Deshalb ist unklar, ob Séjourné beim EU-Sondergipfel auf Hilfe aus Berlin
zählen kann.
„Grundsätzlich wollen wir die Produktionskapazitäten hier in Deutschland
und Europa stärken und unsere europäische Wirtschaft wettbewerbsfähig
machen“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer auf
Nachfrage von Reuters. Ob die Bundesregierung eine „Made in Europe“-Klausel
unterstützen würde, ließ er offen.
3 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-europa-bevorzugt-kuenftig-europaeische-unternehmen/100195613.html
(DIR) [2] /Viktor-Orbans-inszenierte-PR-Show/!6038313
(DIR) [3] /Krieg-in-der-Ukraine/!6145747
## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
## TAGS
(DIR) EU-Kommission
(DIR) Rüstungsindustrie
(DIR) Geopolitik
(DIR) Europäische Union
(DIR) Handel
(DIR) GNS
(DIR) Bundeswehr
(DIR) Waffen
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Zukunftsmarkt: Deutsche Rüstungsunternehmen setzen auf Drohnentechnik
Die Bundeswehr möchte ihre unbemannten Systeme stärken. Ethische Fragen
könnten angesichts der russischen Aggression zurückgestellt werden, heißt
es.
(DIR) Neue Fluggeräte für Deutschland: Die Bundeswehr setzt 2026 auf Kamikazedrohnen
Das Verteidigungsministerium vergibt millionenschwere Aufträge zur
Drohnenproduktion. Die Beschaffung wird durch einen Trick erleichtert.
(DIR) Friedensforschungsinstitut Sipri: Weltweite Rüstungsumsätze erreichen neuen Höchststand
Zahlreiche Staaten rüsten gerade massiv auf. Das zeigt sich auch in den
Verkaufszahlen. Besonders deutsche Waffenproduzenten nehmen deutlich mehr
Geld ein.