# taz.de -- Raoul-Hausmann-Retrospektive: „Mr. Ich“ und die Anderen
       
       > Die Berlinische Galerie lässt in ihrer Überblicksschau zum Dada-Künstler
       > Raoul Hausmann Widersprüche zu. Am Sonntag jährt sich sein Todestag zum
       > 55. Mal.
       
 (IMG) Bild: Raoul Hausmann und Hannah Höch auf der Ersten Internationalen Dada-Messe 1920, fotografiert von Robert Sennecke (Ausschnitt)
       
       Maler, Fotomonteur, Erfinder, Fotograf, Modetheoretiker, Schriftsteller,
       Tänzer, Performer – es gibt kein künstlerisches Feld, auf dem sich Raoul
       Hausmann, eine der zentralen Figuren der deutschen Kunstgeschichte nach dem
       Ersten Weltkrieg, nicht ausprobiert hat. Als radikal innovativer
       Stil-Pluralist mit strotzendem Selbstbewusstsein trotz lebenslänglich
       ausbleibenden finanziellen Erfolgs und mit vorgeblich liberalen Ansichten,
       solange diese nur für ihn selbst und nicht für seine Partnerinnen galten,
       hätte Hausmann wunderbar in die heutige Zeit gepasst.
       
       Der Modernität und Wandelbarkeit dieses durchaus ambivalenten
       Lebenskünstlers zollt die Berlinische Galerie rund um Kurator Ralf
       Burmeister in der Retrospektive „Raoul Hausmann – Visionär, Provokateur und
       großes Ego“ nun jenen Tribut, den Hausmann sich zeitlebens zuvorderst
       selbst zugesprochen hat: „P. S.“, informierte er 1967, rund fünf Jahre vor
       seinem Tod, den vierzig Jahre jüngeren, der Fluxus-Bewegung zugerechneten
       Künstlerkollegen Wolf Vostell in einem Briefwechsel: „I invented 1)
       Fotomontage / 2) Decollage / 3) Sound (letter) poem / 4) Optophone“.
       
       Auf diese Weise schrieb sich der produktive Egozentriker gekonnt selbst in
       die Kunstgeschichte ein: Denn Hausmann, als sogenannter Dadasoph
       Mitbegründer der Berliner [1][Dada-Bewegung], hielt sich und seine
       Schöpfungen stets für Avantgarde. Von den Schrecken und Nachwehen des
       Ersten Weltkriegs vollumfänglich desillusioniert, rief er in Dada-Collagen
       wie „Sperren Sie endlich Ihren Kopf auf!“ zur Demontage alles Etablierten
       auf. Dafür entwickelte er das Prinzip der Fotomontage: Sehen und Hören
       verschränkende Lautgedichte zur Dekonstruktion der gewohnten Sprache und
       sogar einen synästhetischen Wahrnehmungsapparat namens Optophon hat er
       erfunden. Dieser sollte Bilder in Töne und vice versa transformieren.
       
       Dass das Optophon nie auf den Markt kam und auch andere Dada-Kolleg:innen
       Anteile an der Entdeckung der Fotomontage für sich beanspruchten, tat
       Hausmanns Selbstverständnis als erfinderischer Künstler keinen Abbruch. Und
       so verwundert es nicht, dass einer der maßgeblichsten Fotografen des 20.
       Jahrhunderts, August Sander, Hausmann gleich dreimal ablichtete: „Erfinder
       und Dadaist“ aus dem Jahr 1929 zeigt den doch eigentlich anti-bürgerlichen
       Hausmann tadellos gekleidet in Anzug, Krawatte und Monokel. Auf einer
       zweiten Aufnahme posiert Hausmann betont weltoffen: Oberkörperfrei, mit
       selbst entworfener „Oxford-Hose“ hält er gleich zwei Frauen im Arm – links
       seine zweite Ehefrau Hedwig Mankiewitz, rechts seine Partnerin Vera Broïdo.
       
       ## 200 ausgestellte Werke
       
       Der Rundgang durch die in sieben Kapitel chronologisch angeordneten
       zweihundert Ausstellungsexponate ist eine Übung in Ambiguitätstoleranz:
       Hausmann konnte sich vor allem deshalb bereits in jungen Jahren ganz
       selbstverständlich als anarchistischer Künstler verstehen und gebärden,
       weil seine Ehefrauen und Partnerinnen, alle ebenfalls künstlerisch tätig,
       fortwährend das Geld nach Hause brachten.
       
       Seine erste Ehefrau Elfriede Schaeffer, mit der er, gerade mal
       einundzwanzig, die Tochter Vera Hausmann bekam, verdiente das Brot für die
       Familie als Geigenlehrerin. [2][Hannah Höch], mit der Hausmann während
       seiner Ehe sieben Jahre zusammenlebte, für die seine Frau zu verlassen er
       sich jedoch weigerte, war Entwurfszeichnerin bei Ullstein. Hausmanns zweite
       Ehefrau Hedwig Mankiewitz stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie.
       Mit ihr und Vera Broïdo, ebenfalls Jüdin, ging Hausmann 1933 ins Exil.
       
       Die Retrospektive geht auf die Widersprüche in Hausmanns Lebenscredo
       „bedenkenlos aufrichtig zu sein“ ein, indem sie den Anteil der Frauen an
       Leben und Kunst Hausmanns aufzeigt: Sie waren seine Sponsorinnen,
       Inspiratorinnen, Archivarinnen und Nachlassverwalterinnen.
       
       Höchs Selbstportrait „Frau und Saturn“ aus dem Jahr 1922, das im
       Ausstellungsbereich „‚Mr. Ich‘ (wie der Dada-Historiograf Hans Richter
       Hausmann nannte) und die Anderen“ zu sehen ist und in dem Höch ihre zwei
       Abtreibungen während der Beziehung zu Hausmann zum Gegenstand macht, wühlt
       ebenso auf wie ein dort dokumentierter Brief Hausmanns an seine Tochter
       Vera, in dem ihr „Rabenvater“ sie, „auf Verständnis hoffend“, dazu
       auffordert, ihr Erbe an seine letzte Partnerin Marthe Prévot abzutreten.
       
       Mit Prévot lebte Hausmann seit 1944 im französischen Limoges zusammen. Auch
       sie sorgte nach seinem Tod am 1. Februar 1971 dafür, dass sein Spätwerk
       überdauerte. „Mein Verhältnis zu Hausmann“ und dessen eigenartigen Charme
       fasst Dada-Kollege Kurt Schwitters ([3][dessen Ursonate das Deutsche
       Theater Berlin] derzeit neu interpretiert) in einem Brief an Hannah Höch
       aus dem Jahr 1922 folgendermaßen zusammen. „Es wird immer so sein: dass,
       wenn ich ihn brauche – ich für ihn da bin!“
       
       31 Jan 2026
       
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