# taz.de -- Buch über alternative Wirtschaftspolitik: „Jeder Geländegewinn zählt“
       
       > Was tun, wenn Rechte Ungleichheit verstärken und gleichzeitig davon
       > profitieren? „Der verdrängte Kapitalismus“ lotet aus, wie
       > antifaschistische Wirtschaftspolitik aussehen kann.
       
 (IMG) Bild: Mieten runter! Soziale Härten abfedern gehört zum Besteckkasten antifaschistischer Wirtschaftspolitik
       
       Vom Rassemblement National in Frankreich über Donald Trump in den USA bis
       zur AfD in Deutschland – Abstiegsängste, [1][steigende Preise],
       [2][explodierende Mieten] und Ohnmachtsgefühle angesichts von Krisen
       begünstigen auf der ganzen Welt den Aufstieg von Rechtsextremen. Dabei sind
       gerade sie es, die Sozialabbau vorantreiben, Ungleichheit vergrößern und
       Unsicherheit verbreiten. Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang
       zwischen dem Erfolg von Rechtsextremen und wirtschaftlichen Sorgen von
       Wähler:innen.
       
       Als nach der zweiten Wahl von Donald Trump 2024 die Ökonomin [3][Isabella
       Weber] die Forderung nach einer „antifaschistischen Wirtschaftspolitik“
       aufwarf, wurde der Begriff begierig aufgegriffen. Seitdem wird in Parteien,
       linken Medien und Organisationen, an Universitäten und auf Konferenzen über
       „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ diskutiert.
       
       Dabei ist den Diskutierenden in der Regel klar, dass die ökonomische Lage
       nur eine Triebfeder für den Aufstieg der Rechten ist, neben etwa der
       Zustimmung zu Rassismus oder anderen menschenfeindlichen Ideologien.
       
       Noch gibt es allerdings kein abgeschlossenes Konzept, was antifaschistische
       Wirtschaftspolitik eigentlich genau ist, geschweige denn eine Strategie für
       ihre Umsetzung. Aber es hat sich ein Kanon an Maßnahmen
       herauskristallisiert, die unter diesem begrifflichen Dach zusammengefasst
       werden. Die Ökonomin Sabine Nuss diskutiert in dem von ihr herausgegebenen
       Band „Der verdrängte Kapitalismus. Möglichkeiten und Grenzen
       antifaschistischer Wirtschaftspolitik“ mit vier Gesprächspartner:innen
       einige dieser Elemente: Steuern, Mietenpolitik, Preiskontrollen und
       staatliche Investitionen.
       
       Sie spricht mit dem Politologen Ingo Stützle, Herausgeber der
       Marx-Engels-Werke beim Karl-Dietz-Verlag, über die Vermögenssteuer, mit dem
       [4][Stadtsoziologen Andrej Holm] von der Humboldt-Universität über das
       Thema Mietendeckel, mit dem Wirtschaftskorrespondenten [5][Stephan
       Kaufmann] über Inflation und Preiskontrollen und mit Antonella Muzzupappa
       von der Rosa-Luxemburg-Stiftung über staatliche Investitionen. Gemeinsam
       ist den Diskutierenden, dass sie einen marxistischen Hintergrund haben.
       
       In den Gesprächen geht es nicht nur um einzelne Maßnahmen, die, wie
       Preiskontrollen für Energie, Lebensmittel oder ein Mietendeckel, soziale
       Härten abfedern. Auch die grundsätzlichen Herrschaftsverhältnisse im
       Kapitalismus kommen zur Sprache. Dieser Aspekt fehle bislang in
       Erörterungen über eine antifaschistische Wirtschaftspolitik, argumentiert
       Herausgeberin Nuss. Prägende Strukturen kapitalistischer Vergesellschaftung
       würden in der Diskussion verdrängt. Nuss ist überzeugt: „Es sind aber
       gerade diese Tiefenstrukturen, die den rechten Ideologien
       Anschlussmöglichkeiten bieten.“
       
       Die Einführung einer [6][Vermögenssteuer] zum Beispiel ist nicht nur eine
       von Linken oft gehörte Forderung. Ingo Stützle weist darauf hin, dass auch
       der IWF oder die OECD dafür sind, zwei Organisationen, die am Wohlergehen
       des Kapitalismus arbeiten. „Beide befürchten, dass die soziale Ungleichheit
       das Wirtschaftswachstum bremst“, so Stützle. Denn wenn die einen zu wenig
       haben und die anderen zu viel, ist das für viele Geschäfte schlecht.
       
       Stützle warnt davor, mit solchen Organisationen gemeinsame Sache zu machen.
       „Zieht man mit Mächtigeren an einem Strang, glaubt man starke Fürsprecher
       für die eigene Seite zu haben“, sagt er. Es sei aber gerade umgekehrt: „Der
       Resonanzraum für die eigene linke Programmatik verschwindet dann schnell,
       und man verhilft einer Politik zum Durchbruch, die man eigentlich
       kritisiert.“
       
       Das heißt keineswegs, dass Stützle die Einführung einer Vermögenssteuer
       ablehnt. Im Gegenteil. Schon weil ohne diese Abgabe weiterhin im Dunklen
       bleibt, wie reich [7][die Reichen] wirklich sind. Denn während der Staat
       über die wirtschaftliche Lage etwa von Bürgergeldbeziehenden komplett im
       Bilde ist, weiß er von den extrem Wohlhabenden nichts. Für Stützle geht
       jeder Schritt, der mehr Transparenz schafft, Ungleichheit abbaut oder die
       Macht der Reichen begrenzt, in die richtige Richtung. Es lohne sich, für
       weniger Ungleichheit zu kämpfen, findet Stützle: „Jeder Geländegewinn
       zählt“ – auch wenn die strukturelle Ungleichheit nicht sofort überwunden
       werde.
       
       Maßnahmen einer antifaschistischen Wirtschaftspolitik können helfen,
       bessere Lebensbedingungen herzustellen. Aber das reicht nicht, ist die
       Botschaft dieses Buches. Die Vorstellung von einem „guten“ Kapitalismus
       verdrängt die Einsicht in dessen Funktionsweise, argumentiert Herausgeberin
       Nuss. In Krisen werde nach „Schuldigen“ gesucht. „Es ist genau das, was
       autoritäre Einstellungsmuster anschlussfähig macht“, schreibt sie. Dass da
       etwas dran ist, zeigt nicht nur ein Blick auf die Hetze der Rechten,
       sondern auch auf das Bündnis Sahra Wagenknecht.
       
       Der lesenswerte Band ist kein Lehrbuch, aber wer es liest, lernt eine Menge
       – über den Klassencharakter des deutschen Steuersystems oder dass
       Preiskontrollen keineswegs ungewöhnlich sind, wie die Buchpreisbindung oder
       auch der Mindestlohn zeigen. Die Interviewform sorgt dafür, dass auch
       komplizierte Zusammenhänge wie marxistische Grundbegriffe gut verständlich
       werden. Isabella Weber arbeitet an einem Buch über antifaschistische
       Wirtschaftspolitik, im Herbst soll es erscheinen. Der Interviewband ist
       eine gute Vorbereitung darauf.
       
       23 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wie-im-Vorjahr/!6143321
 (DIR) [2] /Mieterhoehungen-Spanien-geht-mit-Steuertrick-gegen-Vermieter-vor/!6145206
 (DIR) [3] /Oekonomin-Weber-zu-Wirtschaft-unter-Trump/!6047444
 (DIR) [4] /Soziologe-Andrej-Holm-ueber-Wohnpolitik/!6060775
 (DIR) [5] /Krise-in-Frankreich/!6109339
 (DIR) [6] /Reiche-zur-Kasse-bitten/!6086664
 (DIR) [7] /Der-Irrsinn-der-Tech-Oligarchen/!6075030
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anja Krüger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Politisches Buch
 (DIR) Wirtschaftspolitik
 (DIR) Mietendeckel
 (DIR) Vermögensteuer
 (DIR) Kapitalismuskritik
 (DIR) Antifaschismus
 (DIR) Kapitalismus
 (DIR) GNS
 (DIR) Ökonomie
 (DIR) Schwerpunkt Leipziger Buchmesse
 (DIR) Weltwirtschaft
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Magazin für Wirtschaft: Lässig, links, Lohnarbeit
       
       Wirtschaftsberichterstattung von links? Das Magazin „Surplus“ will es den
       verstaubten Bilanzleser*innen zeigen und kommt im hippen Design daher.
       
 (DIR) Der Irrsinn der Tech-Oligarchen: Schäbige Visionäre
       
       Den Planeten zerstören und dann nichts wie weg: Der frühere Cyberpunk
       Douglas Rushkoff gibt in seinem Buch Einblicke ins Mindset von
       Tech-Oligarchen.
       
 (DIR) Ökonomin Weber zu Wirtschaft unter Trump: „Angst ist ein wichtiger Faktor“
       
       Was passiert nun mit der Wirtschaft der USA? Die Ökonomin Isabella M. Weber
       über Inflation, Preisschocks und antifaschistische Wirtschaftspolitik.