# taz.de -- Buch über „Recht auf Stadt“-Aktionen: Revolution aus dem Toilettenhäuschen
       
       > Von Hamburg bis Málaga: Der Sammelband „Versammlung der Mikropolitiken“
       > stellt geglückte und gescheiterte Initiativen für ein Recht auf Stadt
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Die Einweihung des sozialen und solidarischen Fastfood-Restaurants „Aprè M“, einer ehemaligen McDonald's Filiale in Marseille
       
       Als der marxistische Soziologe Henri Lefebvre 1968 in „Le droit à la ville“
       („Das Recht auf Stadt“) beschrieb, wie Städte immer trostloser und nach
       neoliberalen Prinzipien organisiert wurden, wodurch soziale Partizipation
       und Urbanität eingeschränkt wurde, da trafen seine Äußerungen einen anderen
       politischen Zeitgeist. Die Siebziger, das waren die wilden Jahre, als ganze
       Straßen besetzt wurden, als Ton Steine Scherben den „Rauch-Haus-Song“
       schrieben, als Lefebvres Forderung nach „Recht auf Stadt“ wie eine
       Prophezeiung klang.
       
       Die Krise der Stadt, die er beschrieb, ist geblieben. Womöglich hat sie
       sich sogar verschärft: rasant steigende Mieten, Verdrängung, fehlende
       soziale Infrastruktur treffen auf eine von den multiplen Krisen der
       Gegenwart ausgebrannte radikale Linke. Ist der Kampf um das „Recht auf
       Stadt“ also vorbei?
       
       Ein kleines silbernes Buch erinnert daran, dass dem nicht so ist.
       „Versammlung der Mikropolitiken“ heißt es, veröffentlicht in dem kleinen
       Hamburger Verlag Adocs und benannt nach der tatsächlichen Versammlung der
       Mikropolitiken im August 2023. In einem besetztem Toilettenhäuschen im
       Hamburger Stadtteil Rothenburgsort kamen damals Aktivist*innen
       zusammen, um über Stadtteilkämpfe zu diskutieren, sich auszutauschen, in
       der Elbe baden zu gehen.
       
       Auf 208 Seiten kommen einige dieser Menschen nun erneut zu Wort. Vielleicht
       musste sich der Protest weiterentwickeln, heißt es im Vorwort. Vielleicht
       zeigt er sich nicht mehr wie in den Siebzigern in Form von
       Großdemonstrationen oder auf den Titelseiten von Zeitungen. „Aber der
       Aktivismus ist nicht verschwunden. Er trägt nur ein anderes Kleid.“
       
       Ein Beispiel: Der Beitrag von Lila und Kamel, zwei Aktivist*innen aus
       dem Quartier Nord von Marseille, einem Stadtteil, der Lefebvres Krise der
       Stadt kaum deutlicher illustrieren könnte: fehlende Verkehrsanbindungen,
       marode Häuserblocks, Leerstand. Und eine McDonald’s-Filiale, in der
       Menschen unter prekären Bedingungen arbeiteten. Die Filiale wurde von
       Anfang an zum Schauplatz von Arbeitskämpfen. Diese Kämpfe schwappten vom
       prekären Norden Marseilles bis nach Zürich, London, in die USA und
       verbesserten die Arbeitsbedingungen von Tausenden von Menschen.
       
       Als die Filiale 2019 geschlossen werden sollte, wurde sie besetzt.
       Ehemalige Arbeiter*innen und Anwohner*innen eröffneten sie unter
       eigenen Bedingungen neu: „Wir wollen nicht nur ein einfacher
       Fast-Food-Laden sein. Wir wollen kostenloses soziales Essen mit viel Kultur
       anbieten. Das, was die Menschen eben brauchen“, heißt es in dem Beitrag.
       
       Und so wird ausgerechnet ein McDonald’s, die Verkörperung kapitalistischer
       (Ess)kultur, zu einem widerständigen Ort, der jenseits neoliberaler Logiken
       funktionieren darf. Einem Ort, der von unten her gestaltet wird, an dem
       Solidarität und Autonomie keine leeren Parolen, sondern gelebte Praxis
       sind.
       
       „Was wäre, wenn nicht die Fantasien der Eigentümer:innen,
       Wohnungsbaugesellschaften oder Aktienfonds […] entscheiden würden?“ Der
       Band „Versammlung der Mikropolitiken“ zeigt, dass das Recht auf Stadt weit
       mehr als nur eine utopische Forderung sein kann. Das Buch ist gewidmet all
       jenen „die täglich unsere Städte durchlöchern und diejenigen, die daran
       scheitern“.
       
       In zwölf Beiträgen aus Marseille, Hamburg, Berlin, London und Málaga wird
       vom Durchlöchern und Scheitern erzählt – als praktischer Erfahrungsbericht,
       als theoretische Analyse, als Aufforderung. Und, vor allem: als
       Inspiration. Die selbst betriebene McDonald’s-Filiale, das besetzte
       Toilettenhäuschen und andere aktuelle sowie historische Interventionen
       werden auf 56 Fotos und Grafiken gezeigt.
       
       Es ist ein Buch, das gerade jetzt – zur vermutlich schlechtesten
       Ausgangslage überhaupt – Mut macht, weil es zeigt, dass Städte denen
       gehören, die in ihnen wohnen, die sie gestalten. [1][Um eine Stadt zu
       durchlöchern], so betonen die Herausgeber*innen des Buches, braucht
       man keine Anleitung, sondern eine Haltung. Möge das Buch also Mut geben,
       sich zu „vernetzen, versammeln, verzahnen und verknoten“. Schließlich, so
       schreiben die Herausgeber*innen, geht es um „nicht weniger als die
       Revolution der Städte“.
       
       9 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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