# taz.de -- DDR-Dissident und Künstler Hans Ticha: Soldaten ohne Köpfe
       
       > AgitPop gegen den Autoritarismus: Eine Retrospektive des DDR-Dissidenten
       > und Künstlers Hans Ticha ist jetzt in Rostock und bald in Nürnberg zu
       > sehen.
       
 (IMG) Bild: Die Hochrufer sind Teil seines DDR-Figurenkabinetts: „Hoch, hoch!“ von Hans Ticha, Öl auf Sperrholz, 1983
       
       Im Ostberliner Atelier standen die Bilder mit der Vorderseite zur Wand.
       Irgendwann wurden die großen Fenster zum Innenhof abgehängt; später
       klemmten Textilfetzen zwischen den Leinwänden. So hätte Hans Ticha bemerken
       können, dass jemand dagewesen war und gesehen hatte, was keiner sehen
       durfte.
       
       Diese Leinwände waren vor Jahrzehnten gefährlicher Stoff für den Künstler
       und das System in der DDR, gegen das er malte. Sie bilden heute das
       Herzstück der ersten großen Retrospektive Hans Tichas jetzt in der
       Kunsthalle Rostock, bald im Neuen Museum Nürnberg. Seine Bilder
       dokumentieren neben vergangenen Lebenswelten auch eine vehemente Kritik an
       der ästhetischen Rechtfertigung autoritärer Herrschaft.
       
       Ticha wird 1940 in Böhmen, heute Tschechien, geboren. 1965 beginnt er ein
       Studium an der Kunsthochschule Weißensee. In der von rigidem Formalismus
       und realsozialistischer Kunstpolitik geprägten Malereiklasse fühlt er sich
       als Außenseiter und wechselt zur freier angelegten Gebrauchsgrafik unter
       Kurt Robbel. Ein Arrangement zwischen Selbsterhaltung und Selbstausdruck,
       das sich über die Dauer der DDR hinziehen wird.
       
       Der Friseursalon gegenüber, fette Fische an einem Marktstand, ruhende
       Männer am Strand – die ersten Motive von Ticha sind Alltagsszenen. Vor
       allem die maritimen Themen erscheinen [1][am Ausstellungsort in der
       Ostseestadt Rostock] in einem besonderen Licht. Seine scharfe
       Beobachtungsgabe, seine spielerische Komposition und der
       großflächig-abstrahierende Stil werden auf diesen frühen Bildern gut
       sichtbar.
       
       ## Für Staat und Künstler zentral: der Sport
       
       Tichas charakteristische Formsprache bildet sich an einem anderen Thema
       weiter heraus: dem Sport. Bei diesen Bildern schafft er es, gleichzeitig
       Dynamik und Schwerkraft zu erzeugen. Wuchtig nehmen seine AthletInnen mit
       ihren eigenartigen Proportionen, atemberaubenden Haltungen und leistenden
       Extremitäten die Leinwand ein. Nicht Individuen, sondern formierte
       Exemplare sind hier abgebildet.
       
       Ticha thematisiert so die Zurichtung von Körpern nicht nur durch die
       AthletInnen selbst, sondern vor allem durch die DDR-Sportpolitik. Erfolge
       wurden als Beweis gesellschaftlicher Überlegenheit eingefordert und, wie
       später in der aufgedeckten staatlichen Dopingkampagne klar wird, auf
       menschenverachtende Weise forciert.
       
       Sein Bild „Die Mannschaft“ (1975) bringt Ticha nicht nur beim mächtigen
       Sportbund, sondern auch bei den kulturpolitischen Größen der DDR in Verruf.
       Die abstrakt experimentelle Darstellung einer Fußball-Elf als Gesichtslose
       bricht stilistisch mit dem sozialistischen Realismus und legt die
       Inszenierung gleichgeschalteter Sportler schonungslos offen. Das Bild sorgt
       für Furore, wird auf der großen DDR-Ausstellung 1975 in Dresden in einem
       separaten Raum gezeigt. Vermutlich, um bei dessen Besichtigung dem Blick
       Erich Honeckers zu entgehen.
       
       Tichas Malerei wird in der DDR keinen Raum finden können, und so verlagert
       er sie in die Abgeschiedenheit seines Ateliers. Hier arbeitet [2][Ticha
       seinen eigenen „AgitPop“ heraus]: Mit einem flächigen, farbkräftigen Stil
       und abstrakten Figuren legt er einen ästhetischen Einwand gegen das zum
       Funktionsteil, zum Apparatschik erstarrte Individuum ein.
       
       ## Die Physiognomie der Diktatur
       
       Ticha setzt sich nun intensiver mit der Selbstdarstellung des SED-Regimes
       auseinander, sammelt und collagiert Material aus dem Neuen Deutschland,
       versucht die Physiognomie der Parteidiktatur greifbar zu machen.
       
       Seine Darstellungsweise entfaltet hier volle Wirkung: Die als Klatscher,
       Hochrufer, Jungpioniere, Parteifunktionäre oder Ordensträger auftretenden
       Figuren haben kein Gesicht, erst recht keine Augen, nur unproportional
       geschrumpfte Köpfe mit grinsenden oder johlenden Mündern.
       
       Wie sehr Tichas Stil auch Protest ist, wird in seinem drastischen Bild
       „Mauer“ (1980) deutlich. Darauf marschieren Soldaten musizierend im
       Niemandsland zwischen Mauer und Zaun, ein Grenzschütze legt auf einen
       deutschen Pappkameraden auf eigener Seite an. Die Köpfe der Soldaten sind
       deformiert und leer, sie verschwinden unter dem Helm oder fehlen ganz.
       Anders der Wachhund am unteren Bildrand: Er fletscht grimmig die Zähne, die
       glasigen Augen sind zusammengezogen.
       
       Ticha verleiht der Brutalität des Tieres ein animalisches, aber eben
       überhaupt ein Antlitz. Die Männer hingegen, die die Mauer bemannen, treten
       hinter der Gewalt des zwangskollektivierten Kollektivs als Gesichtslose
       zurück. Die Kritik schneidet in beide Richtungen, trifft die unterordnenden
       Individuen und die Struktur, die diese Zurichtung einfordert.
       
       Gegen das offensichtliche Unrecht der SED-Diktatur malt Ticha mit klarer
       Form und Geste in großem Format an. Die Absurditäten des Regimes deckt er
       durch seine überhöhte Darstellung erst recht auf.
       
       ## Abgestumpft im Posthistoire
       
       Nach der Implosion der DDR erhält Ticha zwar erhöhte Aufmerksamkeit, doch
       er verliert auch ein malerisches Hauptthema. Seinem Werk geht unter
       veränderten Bedingungen nach 1990 die vormals scharfe Kritik abhanden. Der
       überzeichnete Stil und das aufaddierende Collagieren sind gegenüber einer
       auf andere Weise alternativlos wirkenden Realität im Kapitalismus des
       Posthistoire abgestumpft.
       
       Seine jüngsten Bilder besitzen jetzt wieder Schärfe. Darin thematisiert er
       etwa eine Aneignung der Parolen der demokratischen Opposition gegen die DDR
       – „Wir sind das Volk“ – durch eine politische Rechte. Tichas Werk gewinnt
       im Moment selbstbewusster, autoritär auftretender Bewegungen wieder an
       trauriger Aktualität.
       
       18 Feb 2026
       
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