# taz.de -- Nach Zyklon Harry in Italien: Ein zweitrangiges Klimadesaster
       
       > Süditalien hat gerade den schlimmsten Wintersturm seit Jahren erlebt.
       > Doch Medien und Politik wirken merkwürdig zerstreut angesichts der
       > Verwüstung.
       
 (IMG) Bild: Bilder, die wir sonst aus der Karibik kennen, gibt es erstmals vom italienischen Mittelmeer. Für Medien und Politik nur Nebensache
       
       Noch vor ein paar Tagen konnte Letojanni, ein kleines Nest an der Ostküste
       Siziliens unweit von Taormina, mit einer malerischen Strandpromenade
       aufwerten: oben die Straße, auf der im Sommer Tausende Tourist:innen
       flanieren; ein paar Meter weiter unten der lange Sandstrand mit seinen
       Lidos, Restaurants, Kiosken.
       
       Doch dann kam, vom 20. Januar an, [1][der Zyklon Harry]. Er schlug zu wie
       eine gewaltige Abrissbirne, mit tagelang nicht endendem Regen, vor allem
       aber mit Winden von über 130 km/h, mit unaufhörlich anbrandenden
       Wellenbergen von bis zu acht Meter Höhe. Und Harry leistete ganze Arbeit.
       Am Ende war der Strand ebenso weg wie die Straße, deren Asphaltstücke
       bizarr zusammengefaltet waren, als seien sie aus Pappmaschee, und wie aus
       Pappe wirkten auch die völlig zerlegten Restaurants.
       
       Solche Bilder gab es allerdings nicht nur aus Letojanni zu sehen. Der
       Zyklon zog eine 100 Kilometer lange Spur der Verwüstung an der Ostküste
       Siziliens von Messina über Catania bis nach Syrakus, und er schlug auch an
       der Küste des Ionischen Meers in Kalabrien ebenso wie in Sardinien zu.
       
       Die am Meer entlanglaufenden Eisenbahnlinien sowohl Kalabriens als auch
       Siziliens sind unterbrochen, an diversen Orten schweben die Gleise in der
       Luft, da das Meer den tragenden Damm unter ihnen weggerissen hatte.
       Weggerissen fanden sich auch Straßen ebenso wie jene Häuser, die zum Meer
       hin in der ersten Reihe standen.
       
       ## „Noch nie“ Vergleichbares erlebt
       
       Jetzt machen sich die Regionalregierungen an eine erste Schadensbilanz,
       rund eine Milliarde Euro in Sizilien, 500 Millionen in Kalabrien, 500
       Millionen auch in Sardinien. Doch Italien wirkt merkwürdig zerstreut
       angesichts des Desasters. In den Medien war es ein zweitrangiges Thema,
       abgehandelt irgendwo auf den hinteren Seiten der wichtigsten Zeitungen wie
       dem Corriere della Sera oder La Repubblica.
       
       Dabei sagen die Experten, Süditalien habe gerade den schlimmsten
       Wintersturm seit Beginn dieses Jahrhunderts erlebt, sprechen gerade alte
       Menschen immer wieder den Satz in die TV-Kamera, „noch nie“ hätten sie
       Vergleichbares erlebt.
       
       Und dabei liegt der Zusammenhang mit der Klimakrise völlig auf der Hand. So
       führt der Meteorologe Mattia Gussoni aus, nicht die Winterstürme an sich
       seien das Problem – die habe es immer schon gegeben. Neu jedoch sei ihre
       Gewalt – und die liege schlicht an der deutlichen Erwärmung des
       Mittelmeers, das Harry eine früher ungeahnte Energie verliehen habe.
       
       Da wäre jetzt eigentlich eine breite Diskussion fällig: Was muss Italien
       tun, um der neuen Bedrohungslage Herr zu werden? Welche Strandpromenaden
       sind überhaupt noch in der bisherigen Form aufrechtzuerhalten? Was muss mit
       den Eisenbahnlinien, den Straßen geschehen, die direkt an der Küste
       verlaufen? Doch so gut wie niemand in Italien führt diese Diskussion.
       
       Ausgerechnet der Zivilschutzminister Nello Musumeci sprach es bei einem
       Besuch im sizilianischen Katastrophengebiet aus: „In ein paar Tagen werden
       wir das vergessen haben. Und dies ist leider eine kulturelle Schranke, die
       wir Italiener generell haben.“ Seine Regierung allerdings denkt ihrerseits
       nicht daran, über die notwendigen [2][Anpassungen der Infrastrukturen] zu
       reden.
       
       ## Nicht mal ein nationales Thema
       
       Doch nicht nur die Diskussion fällt aus, auch die Information lässt sehr zu
       wünschen übrig. Harry schaffte es einfach nicht, zum nationalen Thema zu
       werden und sich wenigstens einen kleinen Platz neben Grönland oder Davos zu
       erkämpfen. Das Web-Portal Gazzetta Jonica aus Messina beschwert sich denn
       auch mit bitteren Worten über „das vergessene Sizilien“.
       
       Dabei markiert der Zyklon einen radikalen Wandel: Italien befindet sich auf
       dem Weg vom mediterranen zum subtropischen Klima, zu dem neben überheißen,
       überlangen Sommern [3][auch heftigere Regenfälle], zerstörerische Stürme
       gehören.
       
       Das überrascht nicht wirklich in einem Land, dessen Rechtsregierung unter
       der Postfaschistin Giorgia Meloni zu ökologischen Fragen vor allem
       einfällt, es gelte „gegen den Green-Irrsinn aus Brüssel“ Front zu machen.
       
       Mangelnden Platz jedenfalls können die Medien nicht geltend machen. Nach
       dem [4][Tod des Modemachers Valentino] gab es in der letzten Woche Seiten
       um Seiten in den Tageszeitungen, prominent platzierte Berichte in den
       TV-Nachrichten aller Kanäle. Und der linke Intellektuelle Christian Raimo
       ätzt auf seiner Facebook-Seite: „Wer wirklich wissen will, was in der Welt
       geschieht: Donatella Versace war auf Valentinos Beerdigung in Rot
       gekleidet.“
       
       25 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.stern.de/panorama/sizilien--16-meter-wellen-ueberspuelen-italiens-kueste--video--37070710.html
 (DIR) [2] /Bruecke-von-Messina/!6113630
 (DIR) [3] /Fluten-in-Italien/!6141383
 (DIR) [4] /Tod-des-Modeschoepfers-Valentino/!6146872
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Braun
       
       ## TAGS
       
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