# taz.de -- Wissenschaftler über Kulturkampf: „Wir alle sind Teil dieses Spiels“
       
       > Der Rechtspopulismus, sagt der Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram, ist
       > cleverer als seine Kritiker:innen. Die dürfen nicht immer nur reagieren.
       
 (IMG) Bild: Nicht über jedes Stöckchen springen, empfiehlt Gernot Wolfram: Provokation ist regelmäßig das Mittel der rechtspopulistischen Wahl
       
       taz: Herr Wolfram, warum lohnt der [1][Blick auf die Kultur] als Feld
       rechtsextremer Aktivität – gibt es nicht viel Wichtigeres? 
       
       Gernot Wolfram: Spannenderweise sind die rechten Populisten am Thema Kultur
       unglaublich interessiert. Sie zeigen damit eine kluge Strategie, weil
       Kultur etwas ist, über das sich Identitätsfragen transportieren lassen,
       auch große Gefühle, die wir vom Kino bis zur Musik bis hin zum Theater
       finden, verbunden mit schillernden Zukunftsprognosen: Diese Mischung haben
       die Rechten für sich entdeckt. Es ist ihre Erfolgsformel. Und gehen damit
       sehr viel geschickter um, als es die Demokratiefreunde tun.
       
       taz: Setzen sie aufs Gefühl, um den Verstand zu umgehen? 
       
       Wolfram: Ich glaube, es ist schon noch etwas Tieferes im Spiel. Einerseits
       gibt es diese Emotionalisierung, auf der anderen Seite geht es um große
       Erzählungen. Um das, was über den Alltag hinausgeht, was in die Zukunft
       weist. Das sehen wir auch [2][bei Trump]: Nun komme die goldene Zeit in
       Amerika. Das können Sie in ähnlicher Form auch bei deutschen Vordenkern
       finden: Die große Zeit Deutschlands kommt erst noch. Oder: Wir holen uns
       dieses Deutschland zurück.
       
       taz: Also kein reines Zurück, sondern auch etwas nach vorne Gerichtetes. 
       
       Wolfram: Ich glaube, wir unterschätzen Parteien wie die AfD und ihre
       Medienkompetenz. Im Parteiprogramm steht ganz klar: Es geht um eine
       geistig-kulturelle Wende in Deutschland. Das ist ja schon ein großer
       Ansatz. Was man beobachten kann: Sie tun es auf zwei Ebenen. Die eine ist
       die Hochkultur, also mit Bezug auf Nietzsche oder die Dome des
       Mittelalters. Dann gibt es Künstler wie den AfD-Politiker Matthias
       Moosdorf, [3][die nach Russland fahren,] über die Kraft der Musik reden und
       Kunst als Friedensstifter preisen.
       
       taz: Und die andere Ebene? 
       
       Wolfram: Die Tiktok-Ebene: Da geht es um schnell geschnittene Videos, aber
       auch darum, dass man vordergründig nicht so viel über Politik spricht,
       sondern über Frisuren, über Heimat, über KI-generierte Kanäle mit Musik,
       die angeblich dein Deutschtum in dir wieder aufrührt. Diese Mischung aus
       Hochkultur-Erzählung und Banalitäten, das greift meisterlich ineinander.
       Und das ist durchaus faszinierend, diese Verbindung von Hohem und Trash. Es
       ist insofern in die Zukunft gewandt, als es auf beiden Ebenen
       elektrisierende, stimulierende Erzählungen sind. Da wird ja das getan, was
       früher das Theater gemacht hat.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Wolfram: Populisten führen permanent Spektakel auf. Wenn Frau Weidel mit
       [4][Elon Musk] spricht, steht das am nächsten Tag in allen Zeitungen. Das
       wäre in den 70er-Jahren ein [5][Fluxus-Happening] gewesen. Heute erzeugen
       diese theatralen Spektakel auf den digitalen Bühnen eigentlich die
       Populisten – und gehen die gleiche Wette ein, die damals auch radikale,
       innovative Kunst eingegangen ist: Irgendjemand wird sich massiv darüber
       aufregen, und das wird den Diskurs befeuern. Insofern ist das schon eine
       Mischung aus altbacken und innovativ.
       
       taz: Bedient sich diese Art von rechter, ich nenne es mal vorsichtig:
       Kulturpolitik gerade auch solcher Formen, die sie ablehnt? 
       
       Wolfram: Genau. Schauen Sie sich nur mal an, auf wie vielen
       Verschwörungskanälen Hannah-Arendt-Zitate stehen? Wie oft wird mit Kafka
       argumentiert oder mit Rosa Luxemburg, „Die Freiheit der Andersdenkenden“.
       So etwas nehmen die auf wie ein Staubsauger, semantical reloading nennt man
       das in der Wissenschaft.
       
       taz: Also in etwa ein Wiederaufladen mit – anderer – Bedeutung. 
       
       Wolfram: Die deuten so etwas derart fröhlich um, dass man als gebildeter,
       klassischer, vielleicht progressiv denkender Demokratiefreund erst mal
       sagt: Hey, das ist doch aber mein Text, wieso nehmen die mir jetzt meine
       Heldin weg?
       
       taz: [6][Ein Feld der Kultur ist das Gedenken]. Da hören wir heute von gut
       geschulten Leuten, die etwa in KZ-Gedenkstätten kommen, um das dort
       verbreitete, eigentlich etablierte Wissen zu untergraben. Da gibt es auch
       Zweierlei: Einerseits identifiziert man sich recht dreist schon mal mit
       NS-Opfern, wenn es passt. Andererseits leugnet man latent, dass die
       nationalsozialistischen Verbrechen überhaupt passiert sind. 
       
       Wolfram: Zwei Gleise, die sich aber ständig überschneiden. Es gibt ja auch
       eine starke Pro-Israel-Haltung in extrem rechten Kreisen – bei
       gleichzeitigem Antisemitismus. Man ist für Israel, weil „die machen es
       richtig“ mit den arabischen Ländern. Die wehren sich gegen die
       „Überfremdung“ und so weiter. Man lässt also eigentlich zwei disparate
       Motive gegeneinander laufen, verschmilzt die miteinander – und ist damit im
       Herzen der [7][Postmoderne].
       
       taz: Gibt es inzwischen nicht schon eine Art typischen Verlauf: Auf die
       bewusste Provokation folgt eine Reaktion des oder der Etablierten – aber
       auch die Normalisierung? 
       
       Wolfram: Im Grunde genommen sind wir alle Teil dieses Spiels. Das ist ja
       das Großartige am Theater, auch an der Provokation des Theaters, dass es
       eigentlich Neuland betritt und dieses dann für ein größeres Publikum
       erschließt. Nun werden diese ganzen Narrative, die wir eigentlich aus der
       klassischen Linken kennen, [8][die wir auch aus der Kunst kennen], jetzt
       eben neu besetzt. Und ich glaube, der Widerstand, der dagegen aufgerufen
       wird, ist geradezu hilflos.
       
       taz: Woran denken Sie? 
       
       Wolfram: Ja, also, wie nach dieser [9][Villa-Geschichte in Potsdam] die
       Leute hier in Berlin dann mit den Kerzen abends durch den Park gelaufen
       sind. Oder [10][Theater, die Lesungen aus den Correctiv-Protokollen
       vorgeführt haben], da gab es so einen Wohlfühl-Ekel, wie schlimm das alles
       ist. Die Empörung ist ja immer die Voraussetzung dafür, dass das Spektakel
       gelingt. Michel Friedman hat es jetzt auch noch mal gesagt: Wir müssen all
       dem Kunst entgegensetzen. Das ist für mich eine ganz klassische Vorstellung
       von: Da draußen ist diese postmoderne Trashwelt, aber wir, die wir die
       Demokratie leben, wir setzen dem jetzt irgendwie Kunst entgegen.
       
       taz: Aber das haut nicht hin. 
       
       Wolfram: Das ist rührend und auch berührend. Ich will das keinesfalls
       lächerlich machen. Aber wirkt es nicht hilflos?
       
       taz: Wenn das nicht funktioniert: Haben Sie eine Idee, was funktionieren
       kann? 
       
       Wolfram: In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel zum Thema Widerstand.
       Einerseits müssen wir auf unsere eigene Haltung schauen: Nehmen wir diese
       Demokratie, nehmen wir uns selbst überhaupt ernst? Haben wir eine starke
       Vorstellung von uns als Demokraten? Oder sind wir in der Rolle von
       [11][reaktionsgetriebenen Empörten]? Das Zweite ist die Sprache, die wir
       sprechen. Wie genau ist sie, wie entlarvend, wie differenzierend? Steigen
       wir bloß auf eine moralische Panik ein? Was ich erlebe, meiner Ansicht nach
       in Reaktion auf die AfD, ist eine permanente moralische Panik, die aber von
       vornherein eingepreist ist.
       
       taz: Und das Dritte? 
       
       Wolfram: Wir brauchen neue, analoge Orte. In Deutschland haben wir etwa ein
       unglaublich dichtes Netz von [12][Buchhandlungen], von Bibliotheken, von
       öffentlichen Theatern und [13][Kultureinrichtungen gerade im ländlichen
       Raum], die großartige Arbeit leisten. Viele sind aber nicht vernetzt und
       stehen kaum im Fokus der Kulturpolitik. Es sind aber die Orte, an denen
       Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft sich treffen können. [14][Gerade
       in Bibliotheken] treffen Geflüchtete, Rentner, Studierende,
       Alleinerziehende aufeinander. Es ist ja ein riesiger Unterschied, ob sich
       eine einsame Masse hinter dem Telefon versteckt und dort ihren Hass
       ausbreitet – oder ob ich den, den ich angeblich hasse, plötzlich vor mir
       sehe und mich ganz anders austauschen muss. Ich glaube, wir brauchen Orte,
       an denen Menschen [15][wirklich miteinander ins Gespräch kommen] können und
       die nicht gleich wieder vorgeprägt sind als Eliten- oder Hochkultur-Orte.
       
       taz: Noch etwas? 
       
       Wolfram: Ein letzter Punkt ist, dass wir stärker europäisch denken und
       lernen sollten. [16][Zum Beispiel von Griechenland]: Wie haben es andere
       Länder geschafft, die extremen Rechten aus dem Parlament größtenteils
       wieder rauszubekommen?
       
       16 Feb 2026
       
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